Samstag, 10. Dezember 2016

Erklärung der Menschenrechte


In aller Frühe unerwünscht behelligt von einem gotteslästerlichen Jubiläum, sei als Antidot an dieser Stelle unser Heilige Vater, seligen Andenkens, Pius VI. zitiert:
»[D]er gesellschaftlich verfaßte Mensch solle eine vollständige Freiheit genießen, und zwar dergestalt, daß er hinsichtlich der Religion nicht behelligt werden dürfe und es seinem freien Belieben überlassen sein sollte, sogar bezüglich der Religion alles zu denken, zu reden, zu schreiben und selbst zu veröffentlichen, was er will. Und es wurde erklärt, daß diese Ungeheuerlichkeit sich aus der Gleichheit der Menschen untereinander und aus ihrer natürlichen Freiheit heraus herleite und ergebe. Was kann man Wahnsinnigeres erdenken, als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu errichten ...?
Da nun der Gebrauch, den der Mensch von seiner Vernunft machen soll, im Wesentlichen darin besteht, seinen höchsten Schöpfer zu erkennen, ihn zu ehren, ihn zu preisen, ihm sein ganzes Leben zu weihen, weil er sich von Kindheit an den Älteren unterwerfen und von ihren Lehren leiten lassen muß, weil er von ihnen lernen muß, sein Leben nach den Gesetzen der Vernunft, der Gesellschaft und der Religion auszurichten, sind für ihn die Gleichheit und die vielgerühmte Freiheit von Geburt an nichts als Hirngespinste und leere Worte.
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Breve Quod aliquantum vom 10. März 1791

Freitag, 2. Dezember 2016

Das zweite Türchen: Lex Christo gravida erat




"Mehrmals und auf vielerlei Weise hat einst Gott 
zu den Vätern und durch die Propheten geredet,
 am letzten zu uns durch den Sohn."[i]

In dieser Zeit des Advents treten wir wieder ein in die Gedanken Gottes, in das Werk der Inkarnation und Erlösung, so sublim und groß, so eng verbunden mit dem innersten Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst, daß sie über Äonen verborgen blieben in den Tiefen der göttlichen Geheimnisse: "Das Geheimnis, das von Ewigkeiten her verborgen war in Gott."[ii]
Wir wissen, daß Gott uns warten ließ für tausende und hunderte von Jahren, wie das Weihnachtsmartyrologium so eindrucksvoll wieder und immer wieder verkündet. Niemals können wir das Warum der Umstände des Heilswirken Gottes ergründen. O Saptientia! Nur die Angemeßenheit seiner Wahl können wir demütig versuchen zu fassen.

Nachdem das Menschengeschlecht, das sein wollte wie Götter, durch den Stolz gefallen ist, war es billig und recht, daß es seine eigene Not und Elend in langer Erfahrung einsieht und erkennt, wie sehr es eines Erlösers bedarf.[iii] 
Und diese Vorstellung eines zukünftigen Retters erfüllt das ganze Alte Gesetz, alle Riten und Zeremonien und Opfer deuteten auf ihn: „All dieses widerfuhr ihnen als Vorbild.“[iv] So schrieb schon Origenes: Lex Christo gravida erat.[v] Das Alte Testament war schwanger mit Christus. Das alte Israel war in der Erwartung seines Messias.
Nun mag man sagen, all diese Vorbereitungen und Zeichen – was geht das uns an? Wir leben ja in der Fülle der Zeit. Christus ist schon gekommen. Und lebt unter uns, in jedem Tabernakel.
Doch Gott will in all seinen Werken gepriesen werden. Wir treten ja ein in die göttlichen Gedanken, wenn wir die Prophezeiungen und Versprechungen des Alten Testamentes lesen. Und wir folgen dem Auftrag Christi selbst, zur Bekräftigung unseres Glaubens, der uns auftrug: Scrutamini Scripturas, durchforschet die Schriften![vi] Und das war es auch, was er selbst tat dort auf dem Weg nach Emmaus nach seiner Auferstehung. „Und er fing an von Moses und allen Propheten, und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm geschrieben steht.[vii] So finden wir den, „von dem die Propheten geschrieben haben.[viii] Vor allem aber ist diese Fülle der Zeit noch nicht zu Ende, die Mysterien Christi nicht bloße Geschichte, sondern lebendige Wirklichkeit! Christus noch immer ein Kommender, bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Wir sollen so auf die Ankunft des Herrn in unseren Herzen, gleichsam in einem mystischen Advent des Glaubens bereitet werden, auf daß wir die reichen Gnaden der Geburt Christi erfahren.

Die Rede Gottes von seinem Heilsplan begann schon im Garten Eden. Ganz anders als die Schar der gefallenen Engel wurden das erste Menschenpaar nicht für immer und ewig von seinem Angesicht verbannt. Es war das Protoevangelium, das erste Wort des Heils: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen: sie wird deinen Kopf zertreten.[ix] Ein früher Sonnenstrahl des Geheimnisses verborgen in Gott vor aller Zeit geht auf. Von nun an steht der Same der Frau, der die Menschheit erlösen wird, im Zentrum aller menschlichen Religion.
Über die Jahrtausende und Jahrhunderte hinweg wird der Spruch des Allerhöchsten immer feierlicher, immer definierter, immer klarer umrissen. Er versichert den Patriarchen von alt, Abraham, Isaak und Jakob, daß aus ihrer Rasse, aus ihrem Stamm der Erlöser hervorgehen soll: „Und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.[x] Aus Juda wird er kommen, die Erwartung aller Nationen: „Bis der kommt, der gesandt soll werden, auf den die Völker harren.[xi]
Und als die Menschenvölker abfielen von der Uroffenbarung, versanken in Irrtum und Laster, erwählte Gott ein Volk als Wächter seines Versprechens. Durch die Propheten hält er das Andenken aufrecht und stärkt es.

Den Sehern stellt Gott die Person und Mission des Messias in einer Art und Weise da, die sich scheinbar fast widersprechen. Hier steht jemand, dessen Vorrechte nur einem Gott gebühren, und dort die Knechtsgestalt, die die schlimmsten Peine erleidet, die kaum dem Geringsten gebühren. König David, dem Gott geschworen, sein Geschlecht auf immer zu bewahren, wird der Kommende als „sein Sohn und sein Herr[xii] offenbart – Sohn aufgrund seiner Menschheit, Herr aufgrund seiner Gottheit. Er schaut ihn im Glanz der Heiligen, ewig gezeugt vor dem Morgenstern, Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech,[xiii] seine Rechte führt uns um der Wahrheit und Sanftmut und Gerechtigkeit willen[xiv]. Ja, es ist wahrlich der Sohn Gottes selbst, dem alle Nationen zum Erbe gegeben sind: „Der Herr hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt: Begehre von mir, so will ich dir geben die Völker zu deinem Eigentum.[xv] Nur ein Gott, schrieb der hl. Apostel Paulus, wird so verherrlicht.[xvi]

Derselbe König aber sah auch die durchbohrten Hände und Füße, die Soldateska, die das Los werfen über sein Gewand,[xvii] wie sie ihm Galle und Essig reichen als Trank.[xviii] Und dann wieder den Gott: Er lässt ihn nicht die Verwesung des Grabes schauen, sondern lässt ihn siegreich über den Tod zu seiner Rechten sitzen.[xix]

Auch im Propheten Isaias, den die Kirche im Advent liest und der wie kein anderer des Alten Testaments so lebhaft vom Messias redet, als sei er einer seiner Jünger gewesen, kennt dessen Erhöhung und Niedrigkeit. Er nennt ihn Namen, die keiner je trug: „Wunderbarer, Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Zukunft, Friedensfürst.[xx] Den Jungfrauensohn „wird man Emmanuel nennen“,[xxi] Gott mit uns. „Wie eine entzündete Fackel[xxii] erscheint er, er öffnet der Blinden Augen, der Tauben Ohren, löst die Zungen der Stummen und macht die Lahmen gehen,[xxiii] der Fürst und Lehrer der Heiden,[xxiv] und vertilgt die Götzen vollends.[xxv] Ihm wird sich jedes Knie beugen und jede Zunge seine Macht bezeugen.[xxvi]

Doch der gleiche Prophet sieht den gleichen Erlöser als Verachteten und Mindesten der Menschen, als Mannes der Schmerzen, der sein Antlitz verhüllt vor Schmach, einen Aussätzigen, den Gott geschlagen und gedemütigt hat, wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt, man rechnet ihn zu den Gottlosen, denn der Herr will ihn zermalmen in der Schwachheit.[xxvii]
In dieser Art reden die Propheten von der Höhe und Niedrigkeit, der Stärke und Schwäche des künftigen Messias. In wunderbarer Weise hat Gott sein Volk auf das unsagbare Geheimnis eines Gottmenschen vorbereitet, höchster Fürst aller Völker und Opfer und Löspreis für die Sünden der Welt.

Durch die Versprechungen, Erinnerungen und Offenbarungen aus dem Mund der Propheten wollte Gott die Herzen der Gerechten des Alten Bundes derart bereiten, daß die Ankunft des Messias heilbringend für sie wird. Und je mehr die Gerechten erfüllt waren mit Glauben und Hoffnung – der Glaube kommt ja vom Hören,[xxviii] durch die verkündeten Wahrheiten der Prediger und Seher -, umso mehr entbrannten sie in dem Verlangen, ihren Erlöser zu schauen, und umso mehr waren sie dazu bereit, die Überfülle der Gnaden anzunehmen, die der Heiland der Welt bringt.  Darum erkannten die heiligen Seelen der Jungfrau Maria, des Zacharias und der Elisabeth, Simeon, Anna und so viele andere sogleich in Jesus Christus ihren Herrn und Erlöser.

Diese Vorbereitung, die Gott im großen Weltadvent der Menschheit und den gläubigen Juden hat zukommen lassen, soll auch unsere Vorbereitung sein. Wie die Juden in ständiger Erwartung seiner Ankunft waren, im Licht des Glaubens erkannten, daß in der Person des Retters ein König und Gott gesandt wird, der vom Elend und allen Sünden befreit … so sollen auch wir durch das Hören und Erforschen der Schriften im Glauben unseren Erlöser erkennen und erwarten. Mehrmals und in vielerlei Weise hat ja Er zu uns gesprochen vor der Ankunft des Sohnes. So hören wir, hören wir, was er sprach und spricht.

Dann soll das Gebet der Gerechten, das einzige Verlangen ihrer Herzen, im Advent auch das unsere werden: Sende ihn, der da kommen soll!

Das nächste Türchen wird auf dem Hellen Berg zu öffnen sein.
Der Adventskalender der Blogozese findet sich hier.




[i] Hebr 1,1
[ii] Eph 3,9
[iii] Hl. Thomas von Aquin, STh IIIa, q. 1, a. 5 c.
[iv] I Kor 10,11
[v] In Lucam, Orat. II; siehe auch (Pseudo-)Augustins Sermo CXCVI
[vi] Joh 5,39
[vii] Lukas 24,27
[viii] Joh 1,45
[ix] Gen 3,15
[x] Gen 12,18
[xi] Gen 49,10
[xii] Ps 109,1
[xiii] ebd., 3f
[xiv] Ps 104,5
[xv] Ps 2,7f
[xvi] Hebr 1,5
[xvii] Ps 21, 27-19
[xviii] Ps 68, 22
[xix] Ps. 15,10f
[xx] Isa 9,6
[xxi] Isa 7,14
[xxii] Isa 62,1
[xxiii] Isa 35,5f
[xxiv] Isa 55,4
[xxv] Isa 2,18
[xxvi] Isa 45,24
[xxvii] Isa 53,3ff
[xxviii] Röm 10,17