Freitag, 21. Oktober 2016

Von der zwiefachen Wirkung


In gewohnt tiefgründiger wie leicht verständlicher Art hat der Scholastiker die scholastische Antwort auf Ihr Urteil gegeben, nämlich die des kaum noch gehörten Naturrechts. In dem Schaustück, in dem es um Schuld oder Unschuld eines Bundeswehrpiloten ging, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschoß, um einen Terroranschlag zu verhindern, wurden freilich nur aus konsequentialistischer und kantianischer Sicht argumentiert. Daß das Naturrecht in der Krise steckt ist eine Binsenweisheit, daß diese Entwicklung aber selbst katholischerseits als Triumph gefeiert wird, ist dagegen nur traurig. Schließlich gibt es nur durch die Gründung der Moral in der Natur des Menschen ein objektives Fundament der Ethik - aber natürlich geht es vielen gerade darum, dieses Fundament zu zerstören.

Eines hat der Scholastiker in seinem Beitrag aber nicht beschrieben - man kann auch nicht alles tun - nämlich die Möglichkeit der Verteidigung des Kampfpiloten aus naturrechtlicher Perspektive mittels des Prinzips der doppelten Wirkung.
Das erste Mal sprach wohl der Aquinate höchstselbst von einer zweifachen Wirkung, die aus einer einzigen Handlung folgt, als er die Legitimität einer gewaltsamen Selbstverteidigung behandelte. Indem ich dem Angreifer etwa eines mit dem Baseballschläger überbrate, verteidige ich mein Leben (gut), schade aber dem Angreifer (schlecht). Den Schaden des Angreifers nehme ich wegen des größeren Gutes in Kauf. Und darf das gewöhnlich auch tun, jedenfalls wenn meine Verteidigungshandlung verhältnismäßig ist. Nun muss man aber gar nicht in mittelalterliche Summen oder moraltheologische Handbücher schauen, und auch nicht unbedingt die gewaltsamsten Beispiele heranziehen, um das Prinzip der Doppelwirkung zu erklären. Daß eine Handlung mehrere Folgen hat, das begegnet uns im täglichen, immer komplexer verquicktem Leben nämlich ständig. In wir lösen das damit verbundene Problem zumeist ganz intuitiv richtig.

Starte ich meinen (mit Verbrennungsmotor betriebenen) Wagen, um zur Arbeit zu kommen, dann verpeste ich die Luft. Das ist schlecht. Zu fahren, um zur Arbeit zu kommen, ist aber gut. Ich nehme dieses kleinere Übel aufgrund eines größeren Gutes in Kauf. Offensichtlich betreibe ich ja meinen Verbrennungsmotor nicht, um die Umwelt zu schädigen. Jedoch bin ich der Ansicht, daß die guten Gründe, nämlich zu arbeiten, schwerer wiegen als die Umweltschädigung, die ich dabei, unbeabsichtigt, aber vorhersehbar, hervorrufe.
Anderes Beispiel: Ich gehe mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt. Der fügt mir obendrauf noch Schmerz zu, wenn er den Bohrer ansetzt oder mir gar den Zahn zieht. Letztlich will er mir dabei aber nicht schaden (hoffentlich), sondern ein größeres Gut erwirken, nämlich meine zahnmedizinische Gesundheit.

Das Grundgesetz allen moralischen Handelns lautet: Bonum est faciendum et malum vitandum. Das Gute ist zu tun, das Üble zu meiden. Wie wir aber an den Beispielen sehen, kommen wir kaum umher, beim Tun des Guten auch irgendwie etwas Schlechtes anzurichten. Das Prinzip der Doppelwirkung will ein kohärentes System bereitstellen, um kompliziertere Gewissensfälle zu lösen, ohne vom genannten fundamentalen Moralgesetz abzuweichen.

Die Ethik hat schließlich das Prinzip der doppelten Wirkung kodifiziert und mit vier Bedingungen ausgestattet, die erfüllt werden müssen, damit eine Handlung mit guten und schlechten Wirkungen erlaubt sei:
  1. Die Handlung muß in sich selbst gut oder wenigstens indifferent sein.
  2. Die gute Folge muß unmittelbar aus der Handlung hervorgehen. Geht die gute Folge erst aus der schlechten hervor, dann ist die Handlung nicht erlaubt. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.* 
  3. Der Zweck, die Absicht, muß sittlich gut sein. Die schlechten Folgen dürfen nicht beabsichtigt, sondern nur zugelassen werden.
  4. Es muß ein entsprechend wichtiger Grund vorliegen, der die schlechten Folgen aufwiegt.
Applizieren wir das auf das ursprüngliche Thema, den Abschuß eines zu Terrorzwecken gekaperten Passiergierflugzeugs, werden sich die Punkte weiter erhellen.

Der Scholastiker hat in seinem Beitrag ein Beispiel für eine in sich schlechte Handlung angeführt, das ich hier zitieren möchte:
»Ein Amerikaner kommt in ein Dorf in Südamerika, wo Soldaten der Militärjunta gerade zehn Personen festgenommen haben, von denen sie behaupten, dass es sich um Rebellen handelt und die gleich hingerichtet werden sollen. Der führende Offizier freut sich über den Besuch des Amerikaners und bietet ihm an, einen von den zehn Rebellen zu erschießen und dafür die anderen neun freizulassen, gewissermaßen zur Feier des Tages. Lehnt er dies aber ab, werden alle Zehn erschossen. Der Amerikaner kann also neun Menschenleben retten, wenn er eins tötet. Die Konstellation ist sehr ähnlich derjenigen des Films. Doch auch hier ist offensichtlich, dass der Amerikaner nicht verantwortlich für den Tod der zehn Personen ist. Verantwortlich ist allein der Offizier. Es gibt daher auch keine Handlungspflicht für den Amerikaner, er hat aber die Unterlassungspflicht, keinen Menschen zu töten.«
Der Amerikaner darf natürlich keinen der zehn Rebellen töten. Die direkt Tötung eines Unschuldigen ist immer wider die Natur, sündhaft und daher unerlaubt, eine in sich schlechte Handlung. Kommen wir zu Punkt 2, so ließe sich aber sagen, aus dem Übel folge eben ein größeres Gut, nämlich die Freilassung der Neun. Das ist aber unmoralisch, denn dann hätte der Zweck die Mittel, nämlich der Mord an einem Menschen, geheiligt.

Wie ist es aber jetzt bei dem Piloten? Er setzt niemandem die Pistole an den Kopf. Er schießt ein Flugzeug ab, eine zunächst einmal indifferente Handlung. Die gute Folge dagegen geht unmittelbar daraus hervor. Ist das Flugzeug zerstört, sind die 70.000 Menschen im vollbesetzten Stadion gerettet.
Ob die Tötung der Passagiere Mittel zum Zweck sind, lässt sich leicht anhand eines Gedankenexperiments herausfinden. Was wäre, wenn kein Passagier im Flugzeug säße? Das Flugzeug könnte immer noch abgeschossen und der Mord an 70.000 verhindert werden. Das ist keine Folge des Todes der Passagiere, so tragisch er auch wäre.
Beim dritten Punkt sollte auch alles klar sein. Wenn ein Übel kein Mittel sein darf, dann erst recht kein Zweck. Der Pilot will die Flugzeugpassagiere nicht töten, er lässt es "lediglich" zu.** Wenn aber ein sadistischer Zahnarzt mir Schmerz zufügen will, dann handelt er unsittlich - selbst, wenn damit ein größeres Gut bewirkt.

Am schwierigsten dürfte der vierte Punkt zu erklären sein. Zunächst schaut er einmal aus wie ein konsequentialistisches Addendum. Das ist aber keinesfalls so. Es geht hier nicht allein um eine Maximalisierung, ein reines Zahlenspiel. Es geht hier um Gründe, die gemäß der objektiven Seins- und Werteordnung abgewogen werden müssen. Für den Konsequentialisten zählt allein der zusammengerechnete Gesamtnutzen. Für den Naturrechtler zählt die relative Wichtigkeit der Gründe.

Für die 4. Bedingung des Prinzips der doppelten Wirkung wurden eine Reihe von Unterprinzipien aufgestellt, die die Findung des rechten Urteils erleichtern sollen. Würde die schlechte Folge ohne den Handelnden ebenfalls eintreten, wie in unserem Terrorbeispiel, dann kann der gute Grund auch kleiner sein. Würden sie ohne den Handelnden nicht eintreten, muss er größer sein. Hat der Handelnde eine Pflicht von Amtswegen, die Handlung zu setzen oder zu unterlassen? Und so weiter und so weiter. Die jahrhundertealte Erfahrung der katholischen Kasuistik bietet hier Leitlinien, gegen die kein noch so ausgeklügelter Konsequentialismus angekommen kann.

All die vielen weiteren Details auslassend, die über den Rahmen eines Blogbeitrages hinausgehen, lautet mein Urteil anhand der vier Bedingungen der doppelten Wirkung: Nicht schuldig.


*derartiges hat die "Jesuitenmoral", entgegen protestantisch-jansenistischer Anklagen, nie behauptet
** auch wenn der Unterscheidung zwischen Intendierung und Zulassung seit Pascals Karikierung in seinen Provinzlettern in die Kritik gekommen ist, ist es doch, man blicke nur zurück auf das Zahnarztbeispiel, eigentlich evident.

Kommentare:

  1. Absolut klasse erläutert. Ich vermute in Notwehr werde ich keine Rücksicht auf irgenwas nehmen.
    Notwehr gilt auch gegen den Zahnarzt

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    1. Grazie!
      Ich werden Deinen Fall dann ggf. auch hier behandeln und dann ein Urteil über Schuld oder Unschuld ausstellen. ;-)

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  2. Hm. Meine Herangehensweise ist wahrscheinlich schon eine ganz andere, aber machst du es dir bei dem Beispielfall nicht ein bisschen zu leicht? (Ich find das Beispiel eh ein bisschen unglück, weil es dieses Klischee des Amerikaners als des guten zivilisierten Menschen unter Barbaren perpetuiert, aber das kann ja erst mal dahin stehen.)
    Natürlich muss man abwägen, was man bewirkt, indem man sich auf Vereinbarungen mit solchen Leuten einlässt, statt ihnen Widerstand zu leisten. (Der Amerikaner hätte ja eventuell noch diverse andere Handlungsoptionen als die zwei, die ihm hier zugestanden werden.)
    Aber es bleibt dann doch, wenn man das Beispiel so isoliert betrachtet, dabei, dass der Amerikaner die Entscheidung trifft, ob nur einer von zehn Menschen stirbt, oder alle zehn, und (wenn ich das Beispiel richtig lese) sogar die, welcher von den zehn.
    Ich fände es zumindest gut vertretbar, sich auf den Deal mit dem Offizier einzulassen. Das ist ein bisschen wie das klassische Beispiel mit der Weiche und den auf den Schienen festgeschnallten Leuten. Man hat eigentlich schlicht zu wenig Informationen für eine fundierte Entscheidung. Aber so klar, wie du es hier darstellst, finde ich die Lösung nicht. Ist ja aber andererseits auch klar, weil ich die Prinzipien ja nicht akzeptiere, aus denen du deine Antwort herleitest.

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