Donnerstag, 29. September 2016

Kann den Zinsen Sünde sein?

»Der Zinswucher wird unsere Gesellschaft zerstören, indes aber kann man ihm nicht entkommen.«
- Hilaire Belloc

Kürzlich stieß ich bei unser aller Lieblingsitaliener um die Ecke, im Venezia (bzw. auf dessen FB-Seite), auf eine kleine disputatio um den Islam, den Kommunismus und das Zinsverbot. Welch herrliche Gelegenheit, hiesigen Blog mal wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und meinen Zinseszins dazuzugeben. Aber Vorsicht: hier schreibt kein Ökonom, sondern vielmehr der Dogmatiker mit der ihm eigentümlichen Arroganz, aus Sicht einer überlegenen Wissenschaft zu urteilen, nämlich der Theologie.

Warum aber, mag man mich zuallererst fragen, sorge ich mich derart um ein Thema, das doch mehr die Erbsenzähler und Volkswirtschaftler interessieren sollte, und weniger eine Sache ist, bei der es um Gott und die göttlichen Dinge geht. Die Antwort ist eine einfache: es dient den Bösewichten als Paradebeispiel der Mutabilität kirchlicher Lehre. Wir wissen aber, wie es mit der Lehre wirklich bestellt ist: ändern kann sich da nix.

Was ist nun die sana doctrina? Statt hier lang und breit die griechischen wie römischen Philosophen und das Neue und Alte Testament auszulegen, dazu den consensus patrum, lege ich einfach den Beschluss des sakrosankten 15. Ökumenischen Konzils vor, das da in seiner Konstitution Ex gravi ad Nos (DH 906) wie folgt sprach:
»Si quis in illum errorem inciderit, ut pertinaciter affirmare praesumat, exercere usuras non esse peccatum, decernimus eum velut haereticum puniendum.
Wer in jenen Irrtum verfällt, daß er sich erdreistet, hartnäckig zu behaupten, Zins zu nehmen sei keine Sünde, der ist, so Unser Beschluß, als Häretiker zu bestrafen.«
So viel zur solemnen Definition der Kirche. Nun stellt sich die Frage, was nun das sündhafte Zinsnehmen eigentlich darstellt... und vielleicht auch, warum das so eine schlimme Sache ist. Die Antwort darauf hat die Scholastik ausgeklügelt, und die heilige Mutter Kirche hat sich dabei besonders die Meinung des Fürsten der Scholastik zu eigen gemacht, der in seiner Summa theologiae das Grundprinzip bennent:
»Zinsen (usuria) zu nehmen für geliehen Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft was nicht existiert, und dies führt offensichtlich zur Ungleichheit, was gegen die Gerechtigkeit verstößt.« (IIa-IIae q. 78 a. 1 c.)
Nun unterscheidet Thomas aber scharf zwischen dem an sich falschen Zinswucher und dem legitimen Geldverleih - erster ist unproduktiv, zweiterer produktiv. Ein Darlehensgeber kann sich etwa am Geschäft eines Handwerkers beteiligen, in der er Besitzer des Geldes bleibt, die Risiken mitträgt und ein Recht auf den Gewinn hat. Das ist alles würdig und recht. Secundum se iniustum aber ist, wenn der Besitz des Geldes transferiert wird ohne Partnerschaft zwischen Darlehensgeber und Nehmer, wo kein Risiko geteilt und in Abwesenheit eines produktiven Ertrages ein Anspruch auf etwas erhoben wird, das gar nicht existiert.
Durch den Zinswucher wird also Geld aus der laufenden Wirtschaft genommen, ohne wieder etwas ins Töpfchen zu stecken - abgesehen von neuen wucherhaften Zinsgeschäften durch die Zinsgwinnler, die dadurch eine Geldansaugmaschine schufen. Hier wird Wohlstand produziert, der nicht länger an ökonomisches Wachstum gebunden ist. Ergebnis ist die unaufhaltsame Inflation, das Markenzeichen moderner Volkswirtschaften. Was die Potentaten früher in finanzieller Not zulasten ihrer Untertanen taten, nämlich betrügerisch das Münzgeld entwerten, ist nun Teil eines Systems, das gar nicht anders funktionieren kann als durch die systematische Abzocke der Gesellschaft. It's not a bug, it's a feature. Dadurch, daß Wohlstand da herausgesogen, wo keiner geschaffen wird, sind die Darlehensgeber, die Wenigen, die Bankinstitute und Financiers die großen Gewinner. Viel mehr noch als zu des hl. Thomas' Zeiten sollten wir dessen gewahr geworden sein, daß Zinswucher jene unglaubliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringt, die das Proprium der Postmoderne ist.

Auch wenn die Zinswirtschaft noch zahlreiche andere Übel erwachsen lässt, etwa den Konjunkturzyklus mit seinem Auf und Ab, Boom und Rezession ... kann man zweifelsohne sagen, daß nur mit ihm das unvergleichliche kapitalistische Wirtschaftswachstum und vor allem das enorme Anschwellen der Produktion möglich geworden ist. Nur sagt der Erfolg einer Sache nicht unbedingt etwas darüber aus, ob die Sache auch moralisch rechtens ist. Und schließlich hat sich doch inzwischen auch der Gedanke durchgesetzt, daß es etwa gar nicht so doll ist, wenn die dritte Welt heillos verschuldet bleibt und das gesamte Erdenrund im Abfall und Abgas der industriellen Überproduktion versinkt.

Das bringt mich auch auf den letzten Punkt, bevor es für heute gut sein soll.* Wie kommt es, daß wir kirchlicherseits das letzte mal in enzyklikalem Umfang etwas über das Zinsverbot gehört haben, als der Österreichische Erbfolgekrieg tobte und Händel in London seine Oratorien aufführte? Freilich wurde es noch in den Seminaren bis zum (vorersten) Ende der Scholastik in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gelehrt, aber bloß im Bereich der persönlichen Sünde, ohne Bezug zur Wirtschaftstheorie - und selbst da blieb es mehr ein toter Buchstabe. Während die Barockgelehrten noch alles aufboten, um den immer komplizierter werdenden Kommerz mit dem Zinsverbot unter einen Hut zu bringen, gaben die römischen Kongregationen schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Windmühlenkampf auf. Und seither blieb es still.
In unseren Zeiten scheint das höchste Lehramt händeringend nach Gegenmitteln wider die wirtschaftliche Schieflage der Welt zu suchen, als fände sich ihr Heil in fremden Denksystemen, im Sozialismus oder Ökologismus, und gipfelt schließlich in der Banalität einer Anathematisierung von Klimaanlagen und Co. Dabei besitzt die Kirche eine genuin eigene Antwort, fest begründet in der Philosophie, in der hl. Schrift ... und sogar mit konfessionsübergreifender und interreligiöser Relevanz.

Aber wer würde schon die Schlußfolgerung wagen, daß wir wohl in einer ökonomisch und ökologisch gesünderen Welt leben könnten, hätte man auf die katholische Morallehre gehört? Ein zu heißes Eisen, scheint's, selbst für das höchste Kirchenamt.


* Zu sagen gäbe es noch viel, etwa über die Koinzidenz von kanonischem Zinsverbot und der Blütezeit des Mittelalters und der Gotik; sowie das Zusammenspiel von calvinistischem Protestantismus und modernem Kapitalismus.