Donnerstag, 30. April 2015

Das eigentliche Problem mit Anselm (1)

»Sei frei ein wenig für Gott 
und ruhe ein bisschen in ihm. 
Tritt ein in die Kammer deines Herzens, 
halte fern alles außer Gott und was dir hilft, ihn zu suchen, 
und hinter verschlossener Türe suche ihn.« 

Zuerst mal schnell noch zur Erinnerung, wie der Anselmsche Beweis lautete: Gott ist das Wesen, über welches hinaus nichts Größeres gedacht werden kann - also muss Gott existieren.* Denn er wäre nicht das Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, wenn ihm die Existenz fehlte. Vielleicht noch besser komprimiert: Gott muss existieren, weil die Existenz schon zu seinem Begriff gehört. Dass Gott nicht ist, das könne man eben nicht denken, weil die Existenz einfach schon in Gott eingeschlossen ist.

Der allererste Gegner Anselms, ein Mönch namens Gaunilo, brachte dazu ein Gegenargument, welches seitdem ständig repetiert wird: Nur weil ich mir etwas denken kann, ist es deswegen noch lange nicht da.** Er zeichnete dafür das Bild von der im Weltenmeer verlorenen vortrefflichsten Insel, mit Freude und Reichtum überschwänglich gesegnet. Kann man die denken? Natürlich. Vielleicht stellen wir uns da mehr weiße Karibikstrände, Cocktails mit Schirmchen und andere Sachen vor, die ein mittelalterlicher Mönch wohl kaum im tonsurierten Kopf hatte. Aber denken kann man sich das jedenfalls.
Gaunilo weiß jedoch nicht, so schreibt er, wer dann der größere Tor ist: Der, der damit die Existenz der Insel zu beweisen glaubt, oder der, der durch dieses Argument an die Insel glaubt.

Noch handfester sagt sehr viel später Kant, dass die Vorstellung von hundert Talern noch nicht deren Existenz einschließt. Eine Tatsache, die vielleicht ein jeder von uns kennt, der sich schon mal einen Lottogewinn gewünscht und den entsprechenden Kontostand vor Augen hatte. Das ist nun auch alles ganz intuitiv verständlich und richtig. Aber mir kann doch keiner erzählen, Anselm hätte das nicht auch schon gewusst.

Eins sollte nämlich fast genau so klar und fassbar sein, wie das Argument in den beiden vorangegangenen Absätzen: Gottes Existenz ist ganz anders als das Dasein von irgendeiner Insel oder hundert Talern. Thomas weiß das zumindest, und deswegen kann er sagen, dass in Anselms Beweis eine ganz große Wahrheit steckt. Die sehen wir dann im nächsten Beitrag, damit es hier nicht zu lang wird.

Einleitendes Zitat: Proslogion. 1. Kapitel, von hier.
aliquid quo maius cogitari non potest
** Unterscheidung zwischen esse in intellectu und esse in re

Mittwoch, 29. April 2015

Die Schau der Philosophen

Felix, qui potuit boni 
Fontem visere lucidum, 
Felix, qui potuit gravis
Terrae solvere vincula.
Selig, der zu schaun vermag
den strahlend Quell der Güte!
Selig, da aus schwerer Fessel
der Erde er sich löst.
Boëthius: Die Tröstungen der Philosophie (3:12)

Dienstag, 28. April 2015

Muss die Existenz Gottes bewiesen werden?


Puh, eigentlich sollte es schon längst wieder mit meiner Thomasserie weitergehen, aber da hatte ich wohl irgendwie doch so eine kleine Schreibblockade. Zusätzlich hat mir ein freundlicher Bloggerkollege noch einige Hinweise zur attraktiveren Gestaltung der ganzen Sache gegeben, die mich auch erstmal haben nachdenklich werden lassen. Selbst zur Anwendung bringen werde ich diesen hilfreichen input aber erst im nächsten Themenkreis. Hoffentlich zumindest. 
Heute habe ich andernorts dafür ausnahmsweise mal eine wirklich sehr gute Vorstellung der thomasischen* Gottesbeweise gehört. Noch ist Thomas also nicht verloren! Zusätzliche Motivation für mich.

Nun, wo sind wir stehen geblieben? Genau, beim hl. Anselm, dessen Fest wir vor genau einer Woche begingen.

Das Argument Anselms ist, dass es keine Argumente für die Existenz Gottes braucht. Sie ist schlicht evident. Nun könnte man ziemlich frech einwenden, dass Anselm und die seinen dafür aber doch ganz schön viel argumentieren, nämlich Seite für Seite in zahlreichen Büchern. Aber das würde weder dem Heiligen, noch der Sublimität seiner Lehre gerecht. 

Thomas findet die Gedankengänge Anselms nicht besonders überzeugend. Er hält ihm etwas vor, was andere später ihm wiederum unter die Nase reiben werden: Seine Vorgehensweise ist nicht wissenschaftlich und nicht zuletzt einer religiösen Erziehung geschuldet. Weil der Verstand von religiös geprägten Menschen von Kindheit an so sehr mit dem Dasein Gottes beschäftigt ist, behaupten sie, Gott sei evident. Sie sollten aber sagen: Ich glaube an Gott oder Ich beweise Gottes Existenz. Und trotzdem schreiben sie viel Richtiges. Thomas beschäftigt sich häufig mit dem Thema. Wie es seine Art ist, widerlegt er es einmal, ein anderes mal zieht er wertvolle Wahrheiten daraus.

Hier haben wir vielleicht auch wieder einen philosophisch besonders interessanten Punkt getroffen. Denn die Diskussion um den ontologischen Gottesbeweis, wie Kant ihn nennen wird,** hörte nicht mit Anselm oder Thomas auf, sondern ging über Descartes, Leibnitz, dem genannten Kant und Hegel bis zu Karl Barth in unsere heutige Zeit weiter. Gerade letzterer legte nahe, und diese Meinung hat sich seitdem ungemein verbreitet, dass es sich bei Anselms Gottesbeweis gar nicht um ein rationales Argument handelt ... sondern um ein Stück mystische Theologie. Sollte das stimmen, dann will ich nichts gesagt haben. Die Werke des Benediktiners kann man auf jeden Fall mit viel Gewinn lesen. 

Beim nächstem Mal geht es dann so richtig rein ins Geschehen.


*(ein Wort, das mir eigentlich so gut gefällt wie jesuanisch ... )
** Gleichzeitig sagt er, der Anselmsche Betrug stecke auch in jedem anderen Gottesbeweis

Montag, 27. April 2015

Ephemerides traditionalisticae

Ein besonders geschätzter Leser dieses blogs erzählte mir neulich von seinem Aufstieg in die Höhen des Glaubens. Es begann mit der Bekehrung, es folgte der Eifer für die systematisch Theologie ... und schließlich fand er die Gottesschau unter dem Schleier der heiligen Liturgie.

Etwas erschütternd für mich, denn demgemäß befinde ich mich da eindeutig auf dem absteigenden Ast. Bei mir begann es mit der Liturgie - irgendwann dazwischen, ähäm, kam die conversio - dann die Dogmatik, und inzwischen habe ich mich zur Philosophie heruntergearbeitet. Was mag mir da nun noch bevorstehen?

Sonntag, 26. April 2015

Nota bene

Nach aller rechtschaffenen Bestürzung ob des "Beichtspiegels" der reichs bundesdeutschen Priesterschaft (und ihrer halb- bzw. ganzlaienhaften Anhängsel)... ist es doch äußerst erbaulich, einen hochwürdigen Herren vor sich in der Bußwarteschlange zu haben. Die Frage, ob er nun seine alljährliche Beichte verrichten wolle - oder so etwas wie "kommen Sie eigentlich jedes Jahr hierher?" - habe ich mir allerdings verkneifen müssen.

Samstag, 25. April 2015

Die Irrtumslosigkeit der Schrift und das andere Konzil

Ihr merkt vielleicht schon, dass es mir gerade die Exegeten wieder besonders angetan haben. Da feiern aktuell nämlich die ältesten Ketzereien wieder fröhlichste Urständ. Der neueste Schrei ist es, Glaubenswahrheiten nicht einfach nur zu leugnen ... nein, nach aktueller Mode stellt man sowohl die Orthodoxie als auch die Heterodoxie nebeneinander als Behauptungen auf. So z.B.: "Natürlich ist Jesus auferstanden. Aber das Grab war nicht leer!"  Die Rede ist da freilich nicht von eventuell anwesenden Engeln und Leinentüchern. Ein Doketismus moderner Spielart macht's möglich.

Da wünscht man sich natürlich häufiger, mit dem Vorschlaghammer des letzten Konzils zulangen zu können. Leider ist der eher schaumstoffartig geraten. Denn an folgender Formulierung, insbesondere den Begriffen der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit, nahm man besonders Anstoß:
12. [Von der Irrtumslosigkeit als Folge der Inspiration] Da sich die göttliche Inspiration auf alles ersteckt, folgt daraus unmittelbar und notwendig die vollkommene Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schriften. Denn der älteste und beständige Glaube der Kirche lehrt uns, dass es ein höchster Frevel ist, dem heiligen Autoren einen Irrtum zu unterstellen, denn die göttliche Inspiration selbst schließt jeden Irrtum in jeder Sache notwendigerweise aus und vertreibt ihn, sei es in religiösen oder profanen Dingen. Es ist nämlich notwendig zu sagen, dass Gott, die höchste Wahrheit, niemals der Urheber auch nur irgendeines Irrtums ist.
Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 2. Kap.: Die Inspiration, Irrtumslosigkeit und Komposition der Heiligen Schrift.
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 17. Ohne Fußnoten.

Nachtrag: Als besonders bösartig wird übrigens auch einige Paragraphen später der Irrtum bezeichnet, der die Wahrheit der Taten Christi in Frage stellt. Zum Beispiel seine wunderbare Auferstehung von den Toten.  

Freitag, 24. April 2015

Die Exegeten und das andere Konzil

28. [Die katholischen Exegeten] (...) Gott gab den Menschen die Heiligen Schriften nicht, damit sie ihren Scharfsinn ausüben können, sondern für ihr geistliches Wohl. Daher muss die heutige größere Gelehrsamkeit jener, wenn sie die geistliche Doktrin auslegen und lehren, von einer Annehmlichkeit begleitet werden, in der sich die Väter auszeichneten, die allein von der Liebe zur Kirche und dem Heil der Seelen bewegt waren. Die katholischen Exegeten müssen daher die theologische Lehre der heiligen Texte so gut sie können kultivieren, sodass nicht nur sie und andere Theologen sich gegenseitig eine Hilfe sind, sondern sie auch den Priestern dazu verhelfen, ihrem Volk den Kern der christlichen Doktrin besser zu entfalten und alle Gläubigen darin unterstützen, ein heiliges Leben zu führen. All das wird nur möglich, wenn sie beim Erklären der Bibel immer die angemessene Ehrfurcht und Gehorsam gegenüber der Analogie des Glaubens, der Tradition der Kirche und den Normen des Apostolischen Stuhles bewahren.
Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 5. Kap.: Von den Heiligen Schriften in der Kirche.
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 22f. Ohne Fußnoten.

Ephemerides traditionalisticae

»Meinem Glauben hat es nicht geschadet.«
Solche oder ähnliche Sprüche hört man öfter aus den Mündern historisch-kritischer Exegeten. Ernüchterung tritt allerdings dann ein, wenn man hier und da feststellen kann, was sie denn eigentlich glauben. Verübeln kann ich es ihnen dann kaum noch. Wenn man erst einmal herausgeforscht hat, dass die hl. Schrift teils zusammengewuchertes Gestrüpp mehrer Wüstenreligionen, teils Ergebnis religiöser Phantastereien überspannter Geister ist ... bräuchte es schon einen olympiareifen Sprung in den Glauben.

Der Spiegel wird ihnen dann durch solch unangenehme Schriften wie der "Jesus-" bzw. "Dogmenwahn" vorgehalten. Denn es kann wirklich ein jeder merken, dass mit der Theologie nicht alles in Ordnung ist. So oft die Theologen das auch beteuern.

Diesen Beitrag habe ich aus dem Orkus der unveröffentlichen Entwürfe hervorgeholt, da es bei der Kollegin drüben um ein ähnliches Thema ging.

Donnerstag, 23. April 2015

Der Mystische Leib und das andere Konzil

7. [Die Römische Kirche ist der Mystische Leib Christi]. Also lehrt die Heilige Synode und bekennt feierlich, dass da nur eine wahre Kirche Jesu Christi ist, welche wir im Symbolum als eine, heilige, katholische und apostolische verkünden, die der Erlöser sich am Kreuze erwarb und als Leib zum Haupt und als Braut zum Bräutigam an sich band; die Er nach Seiner Auferstehung dem hl. Petrus und seinen Nachfolgern zur Regierung übergab. Daher wird nur die Katholisch-Römische zu Recht Kirche genannt.*   
Schema der Theologischen Kommission: De Ecclesia. 1. Kap.: Vom Wesen der streitenden Kirche.
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 137. Ohne Fußnoten.

*Nur die letzte Fußnote gebe ich wieder, da sie von besonderem Interesse sein dürfte. Meine Anmerkungen in eckigen Klammern:
Die Kirche ist katholisch-römisch. Vgl. Prof. Fidei Trid. (D 999) [DH 1868]; und das 1. Vatikanische Konzil: De fide
cath. (D 1782) [DH 3001]. Das 1. Vatikanische Konzil sprach von der »katholischen apostolischen Römischen« und nicht der »römisch-katholischen Kirche«, da letzterer Ausdruck nach der Lehre der drei Zweige [branch theory] schmeckt.

Das heilge Kreuz macht er vor sich, gar christenlich und ritterlich

Der hl. Georg begleitete mich eigentlich schon von Kindesbeinen an, denn die Fenster der Chorapsis meiner Heimatpfarrei zierte auf der einen Seite der hl. Hubertus, Kirchenpatron, auf der anderen Seite der hl. Georg, Diözesanpatron. Da guckte mich also Jahr ein Jahr aus dieser kappadokische Martyrer mit seinen großen Glasaugen an, aber so richtig was mit ihm anzufangen wusste ich nicht, denn wenn vielleicht das ergraute Kirchenvolk noch einen gewissen Heiligenkult pflegte ... machte man das der jungen Generation wenig schmackhaft.

Sei's drum, hiermit sei dieser Trend also offiziell beendet und umgekehrt! Sancte Georgi, ora pro nobis!

Übrigens, wenn ich mir die Georgslegende späteren Datums so anschaue, dann will die eigentlich gar nicht so recht in unser freiheitsduseliges und zwangloses Religionsbild passen.
»Wann ihr euch dann wollt taufen lahn,
Und Christi Glauben nehmen an,
So schlag ich diesen Drachen todt,
Helf euch damit aus aller Noth.«
Alsbald kam da durch Gottes Kraft:
Zur Tauf die ganze Heidenschaft.*
Ohne Taufe kein toter Drache! Aber der geschätzte Leser dieses Beitrages ahnt sicher bereits, welch viel tieferer Gedanke dahintersteckt.

Eine wehrhafte Christenheit, eine tapfere Ritterschaft unterm Kreuzesbanner ... auch das will man dieser Tage nicht mehr kennen. Zum Leidwesen der Christgläubigen in der Verfolgung. Aber vielleicht hilft ihr Leid, wieder zu entdecken, was das Gebot des Herrn eigentlich ist. Für Ihn und Sein Königreich dürfen wir nämlich das Schwert nicht aus der Scheide ziehen. Wohl aber zur Verteidigung der Gerechtigkeit, zum Schutze von Leib, Leben und Seele.

So schließe ich denn mit dem Bittruf:
Die Kirche Gottes des Herrn dein,
Laß allzeit dir befohlen sein,
Daß ihr der Feind nicht schaden kann,
St. Georg, heil'ger Rittersmann!**
* Achim von Arnim u. Clemens BrentanoDes Knaben Wunderhorn (Bd. I). Aus dem Projekt Gutenberg.
** Albert Krautheimer: Heilige Deutschlands. Karlsruhe 1945, S. 238.
Bild: Fresko im Hohen Dom zu Limburg a.d. Lahn

Mittwoch, 22. April 2015

Blogweihfest

Der Denzinger-Katholik aus denzinger-katholischer Sicht

Kinder, wie die Zeit vergeht! Kürzlich erinnerte mich Bloggerkollegin Theresia mit ihrem Jubeltag daran, doch auch mal nachzuschauen, wann ich überhaupt mit der ganzen Sache hier angefangen habe. Und siehe da, noch einmal Glück gehabt, dann das einjährig-freiwillige Jubiläum stand gerade noch so vor der Tür. Der Denzinger-Katholik hat also schon ein Jahr auf dem Buckel. Als ich hier angefangen habe, dachte ich längst nicht daran, was ich in dieses Blog alles hineinstecken würde. Von Konzilsschemata und Thomaskommentaren war zu Anfangs auch noch keine Spur. Andere Blogger durfte ich kennenlernen, sei es von Angesicht zu Angesicht oder auch nur per Telefon oder Email.* Und sogar einen Preis gab's.

Wenn sich so viel in nur einem Jahr tun kann, wer vermag dann zu sagen, wie es weitergeht? Ganz ohne fishing for compliments dachte ich eigentlich ja schon häufig daran, mich diesem Projekt nicht länger als ein Jahr zu widmen. Nun stehe ich aber mitten in mehreren versprochenen Serien ... und kann da schlecht an dieser Stelle fahnenflüchtig werden.

Auf jeden Fall an dieser Stelle auch an herzliches Dankeschön an alle, mit denen ich durch das Bloggen überhaupt erst in Kontakt kam, an die treue Leserschaft und überhaupt an alle Kollegen, Freunde und Bekannte. Ihr habt mir durch eure Unterstützung viel Freude gebracht und vielleicht gar in manchen Lebenslagen sehr geholfen. Vergelt's Gott!


*der Vorsicht halber erwähne ich nur im Kleingedruckten, dass ich sogar schon mit einem Kollegen das Schlafzimmer teilte ...

Dienstag, 21. April 2015

Kurzer Verriss der Nova Vulgata

Unten wurde noch ein kleiner Nachtrag zur Verdeutlichung angehängt

Bloggerkollegin Eugenie hat in meinem Vulgata-Beitrag heute die durchaus sehr berechtigte Frage gestellt, wie es denn so um die Nova Vulgata bestellt ist. Als ausgewiesener Dilettant in Sachen Sprache, Bibelkunde und artverwandten Wissenschaften erlaube ich mir nur eine kurze Bemerkung zum Thema.

Die Nova Vulgata ist so ein bisschen für Römer das, was für die Deutschen die Einheitsübersetzung ist. Wenn vielleicht nicht vollkommen unbrauchbar, dann doch zumindest gänzlich überflüssig und theologisch mehr als ideologisierend-tendenziös.
Man muss sich zunächst einmal bewusst machen, dass wir es hier nicht etwa mit einer kritischen Edition zu tun haben, wie z.B. bei der Stuttgarter Vulgata (oder die von Pius X. in Auftrag gegebene und nie fertiggestellte), sondern wirklich mit einer neuen Vulgata. Und wie in dieser Zeit so üblich, wo die Bibelforscher den weltlichen Wissenschaften etwas hinterher- und gewissen Prämissen der protestantischen Exegese des 19. Jahrhunderts anhängen ... versuchte man, einen Originaltext zu rekonstruieren bzw. aus allerlei kritischen Editionen herauszudestillieren. Oder in einem anderen Bilde ausgedrückt: man wirft alle alten Manuskripte in einen Mixer, püriert das Ganze einmal kräftig und behauptet am Ende, die Plörre müssten fast genau so auch schon die ersten Christen getrunken haben. Abzüglich der Übersetzung, versteht sich.

Man bediente sich also einer kritischen Vulgata-Ausgabe, nicht der Clementina, und verschlimmbesserte das an jeder Ecke mit dem Masoretentext und dem Nestle-Aland. Es sei denn, den Übersetzern passte es aus Gründen der political correctness gerade nicht in den Kram. Es war ihnen auch egal, wenn die Vulgata mit dem Textus receptus und/oder dem Mehrheitstext übereinstimmte. Nein, vorgezogen wurde in fast allen Fällen die Biblia Hebraica oder das Novum Testamentum Graece. Und das auch auf Kosten des sprachlichen Stils. Die Nova Vulgata atmet damit stellenweise den Charme eines Münchener Neuen Testamentes.
Am Ende haben wir also schon fast eine konkordante Bibelübersetzung für Lateiner.

Aber, cui bono?

Da sich die Zahl der Latin native speakers in Grenzen hält, macht diese Projekt also wenig Sinn, die ganzen Probleme mit vermeintlichen "Originaltexten" mal außen vor gelassen. Nein, die Sache ist eigentlich noch viel schlimmer als die die mit der Einheitsübersetzung. Wie die Griechen mit ihrem Textus receptus haben wir nämlich eine ganz eigene lateinische Bibeltradition. (Jaja, in Deutschland haben wir den Luther). Der Witz bei der ganzen Vulgata-Sache war doch gerade - und ich glaube, so ähnlich steht das in Liturgiam Authenticam - dass wir damit in der geheiligten Tradition bleiben. Was nutzt mich eine neue unausgegorene Bibelübersetzung, wenn ich damit weder näher an die allerersten heiligen Schriften drankomme ... die Urkirche hatte nämlich noch viel weniger als den hieronymischen Text eine Nova Vulgata ... noch an die Bibeltradition(en) der lateinischen Kirche anschließen kann?

Die Vulgata wurde in ihrer Neo-Variante vollkommen banal und wertlos gemacht. Jegliche Besonderheiten wurden ohne wenn und aber herausgeglättet. Und genau so wie die EÜ gehört sie ganz schnell auf den Sondermüll religiöser Relikte des vergangenen Jahrhunderts.

Nachtrag:
Ein kleines Beispiel, um das vielleicht noch einmal besser fassen zu können. In den meisten Übersetzungen heißt es bei Johannes 8, 25 (eine Stelle, die im Griechischen obskur bleibt) so ähnlich wie bei Luther: Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Erstlich der, der ich mit euch rede. Allioli übersetzt die Vulgata treffend: ... Jesus sprach zu ihnen: Der Anfang, der auch zu euch redet. Der gewaltige Unterschied mit all seinen Implikationen sollte offenkundig sein. So rezipiert auch Augustinus die Stelle, siehe z.B. in seinem Vorträgen. 
In der Nova Vulgata wird der Vers jedoch an die anderen Fassungen angeglichen, die Lesart, derer sich u.a. Augustinus bedient, ist damit nicht mehr möglich.

Festus Anselmo chorus aemuletur, dicere carmen.

Intimum pulsans penetrale Verbi
Fertus immotae fidei volatu:
Dogmatum puros latices an ullus
Altius hausit?

Auf dem Flügel festen Glaubens, stieg er auf,
klopf an die tiefste Tür, das Herz des Wortes; 
Wer hat je der Wahrheit reine Wasser
aus größerer Tiefe geschöpft? 

Zeilen entnommen dem Vesperhymus Fortis en praesul im monastischen Brevier.

Die Vulgata und das andere Konzil


Im Kommentarbereich hiesiger Seite kam schon einmal eine kleine Diskussion um die Vulgata auf, dankenswerterweise nahm sich auch ein Spezialist in dieser Sache dem Thema an. Das Konzil, also, ihr wisst schon ... das andere, hatte Folgendes dazu zu sagen:
24. [Von der lateinischen Vulgata-Übersetzung] Ohne die herausragenden Autorität der ursprünglichen Texte der Heiligen Schriften zu beeinträchtigen, hat die Kirche eine von einst vielen im Umlauf befindlichen lateinischen Übersetzungen vorgezogen, nämlich die Vulgata, welche sie für authentisch hielt und weiterhin hält. Aus dem rechtmäßigen Gebrauch dieser Version in der Kirche über viele Jahrhunderte hinweg geht klar hervor, dass sie in Angelegenheiten des Glaubens und der Moral frei von jedem Irrtum ist und in Erörterungen, Lesungen und Vorträgen ohne Gefahr zu irren angerufen werden kann.[1] So groß ist die Verbindung von Lehramt der Kirche selbst und der Vulgata, dass man sagen könnte, sie genießt die Autorität der Tradition. Gleichzeitig aber nimmt diese hochheilige Vatikanische Synode ehrerbietig andere zu verehrende und verbreitete Übersetzungen der orientalischen Kirchen an, zuallererst die allerälteste griechische Übersetzung des Alten Testamentes, welche Septuaginta genannt wird, die durch den Gebrauch der Apostel selbst bewährt ist.
[1] Konzil von Trient. Sess. iv. Decr. De can. script. (D 785); Pius XII. Divino afflante (D 2292)

Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 5. Kap.: Von den Heiligen Schriften in der Kirche.
AD II/II 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1965, S. 530. 

Montag, 20. April 2015

Ephemerides traditionalisticae

Eine sehr profunde Antwort gab Bloggerkollege Andreas einem anonymen Kommentator im eigenen Hause: Hebr 11, 6. Dieses Zitat lässt sich auf zwei Tatsachen herunterbrechen. Gott ist und trägt für das Heil der Menschen Sorge. Wie schon Thomas sagte, sind im göttlichen Sein all die Dinge eingeschlossen, von denen wir glauben, dass sie in Gott ewig sind, und in denen unsere Seligkeit besteht. In der Sorge, Fürsorge für die Menschen, darin ist alles eingeschlossen, was Gott uns zum Heile mitteilte ... den Weg zur Seligkeit. Und so kann auch ein jeder gerettet werden, der noch nicht alle Paragraphen des Katechismus auswendig kennt. Und vielleicht auch jener, der noch nicht mal Christus kennt.

Du sollst deinen Bart nicht stutzen (Lev 19,27)


Ja, was sahen meine frommen Äuglein gestern beim Blick in die FAZ? Meinen ehemaligen Oberhirten samt Reinhard-Marx-Gedächtnis-, nein, Erfolgsbart! Er wird doch jetzt nicht noch Karriere machen wollen? Obwohl, in der civitas septicollis wird in absehbarer Zeit auch mal wieder ein Stuhl frei ... und der könnte wahrlich mehr als nur einen Hauch Limburger Lahnluft vertragen. Man stelle sich nur vor, was Bischof Franz-Peter so alles mit dem Apostolischen Palast anstellen könnte! Da geht schon mehr als bei so einem kleinen Fachwerk-Knusperhäuschen.

Der Entthronte hält übrigens damit nicht nur die alttestamentlichen Vorschriften ein, sondern beachtet auch die Ratgeberkolumnen in Herrenmagazinen à la men's health. Die sagen nämlich, zu einem schmalen Gesicht passt ein Vollbart. Und ich gebe zu, ihm steht's.

(Nur mit der Tradition des lateinischen Klerus, damit passt es nicht so gut zusammen.) 

Christus ist kein Kleinvieh

Gestern fiel mir, passend zum Tagesevangelium, eine Passage bei Augustinus in die Hände, bei der ich mir das Schmunzeln kaum verkneifen konnte:
Bildlich ist Christus auch Fels, ist Christus auch Türe, ist Christus auch Eckstein, ist Christus auch Hirt, ist Christus auch Lamm, ist Christus auch Löwe. Wie vieles im bildlichen Sinne, und auch noch manches andere, was aufzuzählen zu lang wäre. Wenn du aber die eigentliche Bedeutung der Dinge in Betracht ziehst, die du zu sehen gewohnt bist, so ist er weder ein Fels, weil er nicht hart und empfindungslos ist, noch eine Türe, weil ihn nicht der Zimmermann gemacht hat, noch ein Eckstein, weil er nicht vom Baumeister hergestellt ist, noch ein Hirt, weil er kein Hüter der vierfüßigen Schafe ist, noch ein Löwe, weil er kein wildes Tier ist, noch ein Lamm, weil er kein Kleinvieh ist.
Tractatus in Iohannis Evangelium. 47. Vortrag.
Aus der Bibliothek der Kirchenväter 

Sonntag, 19. April 2015

Vox populi und das andere Konzil

Wo wir schon gerade bei der Stimme sind, die gehört werden soll ... in den Zeiten artikelloser Kirche, wahlweise bescheiden von unten oder dünkelhaft wir sind  ... ist es doch vielleicht ganz interessant, mal nachzuschauen, was das Konzil lehrte, äh, da hätte lehren können. Nach der Unterscheidung zwischen übernatürlichem sensus fidei und öffentlicher Meinung heißt es:
Bestimmte Erscheinungen der öffentlichen Meinung werden besorglich oder unklug, ja sogar irrend und schlecht, wenn sie nicht aus einer wahren Kenntnis der Dinge und einer echt katholischen Gesinnung hervorgehen. (...) Wenn sie aber nicht das notwendige Wissen der Dinge hat und mit der Kirche fühlt, ist die Sache tödlich für den Mystischen Leib Christi und muss mit angemessenen Mitteln korrigiert werden. (...) 
Die Hirten der Kirche sollen danach streben, in allen ihnen vorgelegten Fällen ein ausgewogenes Urteil abzugeben, insbesondere wenn sie von Experten in diesen Dingen vorgebracht wurden. Doch vollkommen zu verwerfen ist der Satz jener, die behaupten, die Vorgesetzten in der Kirche müssten immer und notwendigerweise die öffentliche Meinung um Rat fragen, oder alles gemäß der Mehrheitsmeinung der Gläubigen beurteilen und entscheiden. Die Heilige Synode verwirft schließlich die Behauptung, in der Kirche könne unbesonnen die öffentliche Meinung angerufen werden, um eine Veränderungen in den Entscheidungen der Heiligen Hierarchie zu erwirken. 
Schema der Theologischen Kommission: De Ecclesia. 8. Kap.: Von der Autorität und dem Gehorsam in der Kirche. 
AD II/III 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1969, S. 175.

Ephemerides traditionalisticae

Da der hl. Thomas momentan etwas zu kurz kommt - aber keine Bange, auch da geht es bald weiter - ein kleiner Auszug aus seinem Johanneskommentar. Jaha, der Gute hat noch mehr geschrieben als nur die Summa!
Debet ergo bonus pastor contra hunc lupum triplicem, subditum gregem tueri: dum scilicet videns lupum, idest tentationem diabolicam, deceptionem haereticam et saevitiam tyrannicam, opponit se: contra quod dicitur Ez. XIII, 5: non ascendistis ex adverso, neque opposuistis murum pro domo Israel.
Der gute Hirt muss also die Herde vor dem dreifachen Wolf behüten: damit er nämlich, wenn er den Wolf sieht, d.h. die teuflische Versuchung, die ketzerische Täuschung oder die tyrannische Wut, sich ihm entgegenstellt. Wider die anderen wird in Ezechiel 13,5 gesagt: Ihr erhebt euch nicht zum Widerstand, und setzt euch nicht zur Mauer für das Haus Israel.   
Wenn der Mietling die Herde nicht hütet, wird er da nicht dem Fremden gleich, dem Dieb und dem Räuber, dessen Stimme die Schafe nicht kennen?
Effectus autem furis est ut oves eum non diu sequantur, sed ad tempus.
Der Dieb aber bewirkt, dass die Schafe ihm nicht lange folgen, sondern nur für eine gewisse Zeit. 
Mir scheint, diese gewisse Zeit ist bald abgelaufen. Die Herde jedenfalls ist schon zerstreut.

Quelle: Super Evangelium S. Ioannis lectura, lectio iii und iv

Samstag, 18. April 2015

Ephemerides traditionalisticae

Irgendwelche statistischen Erhebungen und Studien zu veranstalten ist ja gerade schwer in Mode. Einem Stress-Test geleitet von Eckhard Frick, seines Zeichens Jesuit und Professor für Spiritual Care (?!), mussten sich nun jüngst 8.600 Seelsorger (und "Seelsorger/Innen") stellen. Und wie das bei diesen Sachen immer so ist, weiß man eigentlich schon vorher, was am Ende dabei herauskommt. Der eigentliche - und eigentlich auch erwartete - Oberknaller ist aber das hier:
Mehr als die Hälfte aller Befragten beten mindestens einmal am Tag. Das Bußsakrament scheint dagegen an Bedeutung zu verlieren: 54 Prozent der Priester gehen nur einmal im Jahr oder seltener zur Beichte. Damit gehören sie aber noch zu den häufigsten Beichtstuhlbesuchern unter den Seelsorgern. Bei den Pastoralreferenten sind es sogar 91 Prozent, die höchstens einmal jährlich beichten.
Und als wäre das nicht schlimm genug, das offizielle Portal der katholischen Kirche in Deutschland unterschreibt ein Beichtstuhlbildchen auch noch treudoof mit den Worten: »Die Studie lässt darauf schließen, dass das Bußsakrament an Bedeutung verliert.« Achwas!

Mal ganz abgesehen davon, wie sich die Befragten damit selbst schaden ... denkt überhaupt noch jemand daran, welche Bedeutung das für unsere Kirche hat, die sich im Credo - hoffentlich noch zu recht - heilig nennt? Pius X. fasst das in einem Mahnwort über die priesterliche Heiligung, dessen Lektüre ich allen Klerikern wärmstens ans Herz legen kann, ganz trefflich zusammen:
»Ach, wie bedauerlich waren mancherorts und sind noch heute die Folgen derartiger Missstände: Unwürdigkeit vor Gott und der Kirche, Unsegen für die breite Masse der Gläubigen, Schmach und Schande für den Priesterstand!«
Quellen: Katholisch.de ; das Apostolische Schreiben Haerent animo Pius' X. kann man hier lesen.

Die Worte Christi und das andere Konzil

22. [Von der Wahrheit der Worte Christi in den Evangelien] Ebenso verurteilt das hochheilige Vatikanische Konzil den Irrtum, der verleugnet, dass die göttlichen Worte Christi, die in den Evangelien aufgezeichnet sind, wenn auch nicht immer buchstabengetreu, so doch zumindest stets dem Sinn und der Substanz nach, wirklich von unserem Herrn selbst hervorgebracht wurden. Noch machen sich diejenigen Irrtümer weniger der Leichtfertigkeit schuldig, die meinen, dass die allerheiligsten Worte des Gottessohnes meist den Geist der primitiven christlichen Gemeinschaft ausdrücken, und nicht die Lehre des Erlösers selbst verlässlich berichten. 
Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 4. Kap.: Vom Neuen Testament. 
AD II/II 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1965, S. 529. 

Freitag, 17. April 2015

Erzbischof Lefebvre und das andere Konzil


Wer Traditionalisten kennt, der weiß, dass sie vor allem eines sind, nämlich neugierig. Und wenn wir hier schon mal bei den Gestalten des Zweiten Vatikanums sind, dann kann ich auch gleich zugeben, dass ich bei der Beschäftigung mit den acta und documenta fast zuallererst nachgeschlagen habe, was Monseigneur zum Entwurf über die Religionsfreiheit zu sagen hatte. Vielleicht wurde das auch schon irgendwo anders mal publiziert, auf die Schnelle konnte ich es aber nicht finden, auch nicht in der Biographie von de Mallerais. Hier nun ein erster Teil der Rede, die ich durchaus auch sehr kraftvoll finde. Und nur zur Erinnerung, wir befinden uns hier immer noch vor dem eigentlich Konzilsbeginn:
Exz. LEFEBVRE: De Ecclesia, Teil II, Kap. IX-X: Das von der theologischen Kommission vorgetragene Schema gefällt [placet], doch die Vorstellung der grundlegenden Prinzipien könnte einen größeren Bezug zu Christus König haben, wie in der Enzyklika Quas primas, und so würde die Lehre besser von allen Gläubigen und Ungläubigen verstanden.
Von der Religionsfreiheit: Es gefällt nicht [non placet], auch wenn in bester Absicht verfasst, da es sich auf falsche und von den Päpsten feierlich verurteile Prinzipien stützt: wie etwa von Pius IX., der diesen Irrtum einen « Wahnsinn » (Denz. 1690) nennt.
Was die zwei Schemata aus den verschiedenen Kommissionen bezüglich der religiösen Toleranz und Freiheit angeht, erlaube ich mir, einige wenige Worte zu sagen.
Wenn es tatsächlich so ist, wie angenommen wird, dass der Heilige Vater ein im höchsten Maße pastorales Konzil wünscht und dieses Anliegen von vielen Bischöfen ausgedrückt wird, so bedeutet das nichts anderes, meiner bescheidenen Meinung nach, als mehr die Wahrheit zu predigen als apologetische, philosophische oder theologische Wahrheiten zu beweisen, und diese dann rechtlich darzulegen.
Das heißt: Unser Konzil hat das Ziel, allen Menschen Christus zu predigen und zu bestätigen, dass alleine die katholische Kirche authentisch Christus predigt: Christus das Heil und Leben der Individuen, der Familien, der Berufsgemeinschaften und anderer Zivilgesellschaften.
Und so sage ich von den beiden Schemata, wenn es mir erlaubt ist:
Das erste, d.h. das Schema der Religionsfreiheit, predigt nicht Christus und ist daher als falsch zu betrachtet.
Das zweite, d.h. das Schema der theologischen Kommission, legt die authentische Lehre dar, aber thesenartig, und weist nicht genügend auf den Zweck dieser Lehre hin, der ja nichts anderes ist als das Reich Christi, dessen Predigt und Dienst die Kirche anstrebt.
Alle erwarten folgende heilsame und feierliche Beteuerung: In Christus dem Herrn ist unser Heil, unser Leben und unsere Auferstehung, und die katholische Kirche ist nichts anderes als die authentische Stimme und authentische Braut Christi, der anvertraut ist, allen Menschen Christus zu bringen, ohne den kein Heil, kein Leben und keine Auferstehung ist. 
Entnommen den AD II/2, 4. Typis Polyglottis Vaticanis 1968, S. 740f. Hervorhebungen im Original. Anmerkung in eckigen Klammern.

PS: Den "Wahn" oder "Wahnsinn", deliramentum, braucht ihr in eurem Denzinger-Hünermann nicht suchen. Entsprechender Paragraph müsste nach der Nr. 2888 kommen, er wurde aber getilgt.

Donnerstag, 16. April 2015

Der Blinde mit der Weitsicht

Inzwischen habe ich schon eine ganze Batterie an Beiträgen für meine Konzilsserie vorbereitet, aber gerade muss ich die doch noch einmal kurz unterbrechen. Mich hat nämlich eine Person unwahrscheinlich beeindruckt, mit der ich bislang nicht so ganz warm war. Alfredo Ottaviani

Ich habe mir hier und da die Diskussionen um die Schemata durchgelesen, und ich muss sagen, die sind eigentlich noch fast interessanter als die Schemata selbst. Der genannte Kurienkardinal besticht darin durch seine Eloquenz, seinen scharfen Verstand ... und vor allem durch seine unglaubliche Weitsicht. Während mir bei den Ausführungen der Gegenseite eigentlich nichts mehr anderes einfällt als der Aphorismus eines geschätzten Bloggerkollegen (»voll auf Droge«), beeindruckt mich Ottaviani insbesondere dadurch, dass er die kommende Katastrophe bereits ziemlich klar voraussah.

Leider habe ich gerade nur eine Relatio Ottavianis vorliegen, die sich womöglich nicht am allerbesten dafür eignet, das Beschriebene vorzustellen. Aber vielleicht gibt sie doch einen kleinen Eindruck vom wachen Geist des Offizium-Sekretärs, und auf jeden Fall ist es ein Stück Konzilsgeschichte. Es handelt sich um einen Auszug aus der Rede nach der Vorstellung der Schemata über das Verhältnis von Kirche und Staat bzw. jenes von der Religionsfreiheit:
Drittens scheint mir anzumerken zu sein, dass die heilige Synode in der Darlegung der Lehre von der Haltung des katholischen Staates zu anderen Religionen fraglos der eigenen Lehre bzw. der der Kirche folgen muss, und nicht jener, die mehr den Forderungen der Nichtkatholiken gefiele und nachgäbe. Darum meine ich, die vom Einheitssekretariat vorgestellte Konstitution ist von der Diskussion auszuschließen, da sie kräftigst nach dem Einfluss der Berührungen mit Nichtkatholiken schmeckt. Zur Bestätigung dessen zeige ich einige Beispiele.
1. Wie kann das Konzil in der Konstitution « de Libertate religiosa » die Kinder der katholischen Kirche ermahnen, «  keinen Proselytismus mit Silber, Schmeicheleien, Lüge, Münzen oder Zwang zu betreiben »? Beleidigt das nicht unsere Missionare, die nicht in Silber, sondern in Armut, mit Liebe, nicht mit Zwang, zum Proselytismus oder eigentlich zur Evangelisierung wirken?
2. Wie kann es sein, dass S. 7 wiederum auf die Ermahnung besteht, dass Katholiken keinen Zwang ausüben? Sind es nicht die Protestanten, die mit dieser Sache Katholiken beschuldigen und irgendwelche mittelalterlichen Episoden in Erinnerung rufen? Ist es kein Anachronismus, das in der modernen Zeit und auch noch von der katholischen Kirche anbringen zu lassen?
(...)
4. (...) Es gäbe das Recht zur Verbreitung von Irrtümern unter Katholiken, und die Katholiken und deren Staatslenker hätten keine rechtlichen Mittel dagegen. So z.B. hätte die Verbreitung von Irrtümern in Sachen des Glaubens oder in der Moral (birth control oder dergleichen) das gleiche Recht und den Schutz des Staates inne wie die Verbreitung der Wahrheit und Moralität.
5. Ein anderes Beispiel, welches von der Konstitution dargelegt wird, ist die Verwerfung der Theokratie. Ich verlange, man soll mir auch nur eine katholische Nation zeigen, in der das Volk katholisch ist, und in der die Theokratie blüht oder in der eine baldige Instauration der Theokratie zu erwarten ist. Es ist aber das Anliegen der Protestanten, wenn sie von der Theokratie sprechen, den Einfluss der religiösen Gesellschaft auf den Staat zu verwerfen. (...)
Was aber die religiöse Toleranz angeht, möchte ich folgende stachelige Frage berühren: Was zeigt es, wenn selbst der Herr, der will, dass wir sogar die Feinde lieben, ebenfalls sagt (Mt 17, 18): « Hört er aber auch die Kirche nicht, dann sei er dir ein Heide und ein Sünder »; und auch der Apostel, der wie kein anderer die Nächstenliebe besungen hat, einen getauften Bruder im Namen unseres Herrn Jesus Christus dem Satan übergibt (1. Kor 5, 5) und zu den Korinthern nicht nur in der Liebe kommt, sondern auch mit dem Stab (ebd. 4, 21).
(...)
Das Konzil soll das vermitteln, was wahr ist, nicht das, was den Nichtkatholiken genehm ist. (...) [W]enn aber das eingestanden wird, was im Dekret des Sekretariates für Nichtkatholiken vorgeschlagen wird, dann könnten die Protestanten die Waffen benutzen, die ihnen vom Konzil selbst bereitet werden, um den Widerstand der Katholiken zu lähmen und das Wohlwollen der Staatsführer abzuwenden, die in jenen Regionen [Europas und Lateinamerikas - Anm.] dem Katholizismus gewogen sind.
Entscheidung über die Kirchenkonstitution - Die religöse Toleranz oder religiöse Freiheit.
Entnommen den AD II/2, 4. Typis Polyglottis Vaticanis 1968, S. 685ff. 

Und noch einmal die geistliche Kommunion

Gefühlte tausend Mal habe ich mich hier schon über das Problem mit der geistlichen Kommunion für Wieverheigeschie geäußert. Vorgestern schlug der Chef der polnischen Bischofskonferenz in die gleiche Kerbe (Rorate Caeli berichtete). Aber wie könnte es anders sein, auch damit bin ich nicht recht zufrieden.

Wenn Exzellenz Gądecki sagt, dass man bei denjenigen, die im Stand der Sünde sind, nicht im eigentlichen Sinn von der geistlichen Kommunion sprechen kann ... so ist das streng genommen richtig. Aber verkürzt. Denn die Freundschaft mit Gott wird in dem Moment wiederhergestellt, in dem ich meine Sünde bereue ... die bußfertige Seele lebt wieder in der Gnade Gottes, auch wenn sie noch die Verpflichtung zur Beichte hat. Aber schon vor der Absolution kann eine jede solche Seele mit absoluter Sicherheit unseren Herrn und Heiland geistlicherweise empfangen.

Und das soll bei aller Sorge um die rechte Lehre doch bitte nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Mittwoch, 15. April 2015

Die Evangelienautoren und das andere Konzil

Kein anderes Schema stieß auf so viel Widerstand, wie das von den Offenbarungsquellen. Schon in der Zentralkommission gab es längere Diskussionen, vor allem zwischen den Kardinälen Bea und Ottaviani. Zum Beginn der Konzilssitzungen war es das einzige vorbereitete Dokument, was von vornherein komplett verworfen wurde. Nichts zuletzt deswegen, weil Rahner dieses Schema durch Kardinal König zugespielt wurde - der selbst in der Vorbereitungsrunde gar nicht so viel Negatives zu sagen hatte, wie ich gerade feststellen konnte. Aber jetzt erstmal wieder genug von mir, in Zukunft gibt es hoffentlich etwas kommentarärmere Zitationen. Hier also die erste Blütenlese:
19. [Von den Evangelien und ihren Autoren] Niemand aber verneint, dass unter all den göttlichen Autoritäten, die in den Heiligen Schriften enthalten sind, die Evangelien herausragen.[1] Immer und überall, und ohne jeden Zweifel, glaubte die Kirche und glaubt nach wie vor, dass die vier Evangelien apostolischen Ursprungs sind; und sie hat immer daran festgehalten und hält nach wie vor daran fest, dass ihre menschlichen Autoren jene waren, deren Namen in den Kanon der Heiligen Bücher eingeschrieben sind: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, den Jesus liebte.
 [1]Augustinus: De consensu Evangelist., 1,1 (PL 34, 1041-42).

Schema der Theologischen Kommission: Die Quellen der Offenbarung. 4. Kap.: Vom Neuen Testament. 
AD II/II 1. Typis Polyglottis Vaticanis 1965, S. 528f.

Das Konzil kommt in ein Blog (3)


Die Vorbereitungsperiode im engeren Sinne wurde mit dem päpstlichen Motu proprio Superno
Dei nutu (5.6.1960) eingeleitet. Zehn Kommissionen wurden eingerichtet, die erste und wichtigste davon war die Theologische Vorbereitungskommission. Sie sollte sich mit der Heiligen Schrift, der Tradition, mit Glaube und Sitte auseinandersetzen. Da die Kommissionen den jeweiligen Häuptern der römischen Dikasterien unterstellt wurden, war von vornherein klar, dass Kardinal Ottaviani als Sekretär des Heiligen Offiziums dort die Leitung übernehmen würde. Die Kommissionssekretäre wurden ebenfalls aus den passenden Kongregationen ausgewählt, hier war es P. Sebastian Tromp, SJ. Übrigens gegen den Willen Ottavianis, der sich wenig mit dem Niederländer verstand.

Obwohl die Beauftragung vom heiligen Vater ausging, erregte die Zusammensetzung und Führung insbesondere der Theologischen Vorbereitungskommission Ärgernis. Das Heilige Offizium war bei zahlreichen transalpinen Theologen geradezu verhasst, und Ottaviani wie Tromp galten als die symbolhaften Vertreter eines kurialen Unterdrückungsapparates, als Großinquisitor und Henker, und noch dazu als Repräsentanten der überkommen geglaubten Schultheologie.
In dieser Kommission wurden aber die entscheidenden Fragen behandelt und demzufolge sollte hier später auch die Hauptkampflinie zwischen den verschiedenen Konzilsfraktionen verlaufen. Wie diese Schlacht letztendlich ausgegangen ist, das wissen wir. Nur der Anfang, der ist weitgehend unbekannt ... samt der ganzen vorbereiteten Schemata, die eigentlich Grundlage des Konzils bilden sollten.

Die Theologische Vorbereitungskommission arbeitete neun Entwürfe aus:

Eine neue Formel für das Glaubensbekenntnis
Eine Konstitution über die Offenbarungsquellen
Eine Konstitution über die Moralordnung
Eine Konstitution über die Verteidigung des Depositum fidei
Eine Konstitution über die Keuschheit, Jungfräulichkeit, Ehe und Familie
Eine Konstitution über die Kirche
Eine Konstitution über die Allerseligste Jungfrau Maria
Eine Konstitution über die Staatengemeinschaft
Eine Konstitution über die soziale Ordnung

Noch vor dem eigentlichen Konzilsbeginn gelang Kardinal Bea hier schon der erste Streich. Obwohl sein Sekretariat keine Kompetenz in doktrinellen Fragen hatte, arbeitete es ein Schema über die Religionsfreiheit aus. So gab es zwei kontrastierende Schemata zum gleichen Thema, eines unter dem Namen De religiose libertate, eines in der Kirchenkonstitution unter dem Titel De tolerantia religiosa.

Wie dem nun auch sei, ich weiß noch nicht, ob es mir gelingen wird, eine Gesamtübertragung der Schemata zu stemmen - für die ich vor kurzem freundlicherweise zwangsrekrutiert wurde. Auf jeden Fall aber wird es fortan eine kleine Blütenlese aus Passagen von besonderem Interesse geben. Falls jemand noch einen speziellen Wunsch hat, würde ich natürlich auch versuchen, dem nachzukommen. Man möge sich in diesem Falle via Kommentarfunktion oder Email an mich wenden.

Dienstag, 14. April 2015

Das Konzil kommt in ein Blog (2)


Man braucht wohl keinen Hehl daraus zu machen, dass die Schemata der theologischen Vorbereitungskommission ein ganzes Stück anders aussehen als das, was die Konzilsväter später promulgierten. So ist man natürlich auch geneigt, den Finger auf die Unterschiede zwischen den Texten zu legen, und genau das tue ich wohl auch mit diesem Beitrag. Dennoch soll damit nicht der Eindruck erweckt werden, es handle sich bei den ursprünglichen Entwürfen um eine Haudrauf-Theologie oder um simple Abschreibereien aus den alten Schulhandbüchern. Nein, auch hier ist bereits die pastorale Zielsetzung des Konzils ganz klar erkenntlich. Die Schemata verkünden keine Dogmen, sprechen keine Bannsprüche aus, sie sorgen sich um die Anliegen der getrennten Brüder und halten sich in Streitfragen mit den modernen Wissenschaften eher zurück. Zum Tragen kommt auch, dass die Kommission mit Vertretern aller Schulen besetzt ist. Während beispielsweise die mit der Ehe und Sexualität beauftragte Unterkommission die dogmatische Unmöglichkeit eines Überbevölkerungsproblems in das betreffende Schema einpflegen wollte, konnte in der Zentralkommission dafür kein Konsens gefunden werden. Auch hier wurde also bereits mit viel Fingerspitzengefühl taktiert, es war längst nicht nur ein mit Bitterkeit geführter Kampf gegen die Moderne.
Aber die Schemata scheuten sich auch nicht, klare Verurteilungen auszusprechen. Ein ganz imposantes Beispiel findet sich am Ende des ersten Kapitels über die moralische Ordnung. Dort werden mit einem Streich, d.h. in einem Satz, ganze sieben Irrtümer verdammt:
Die Heilige Synode erfreut sich an der großen Zahl von Kindern der Kirche, die durch die Befolgung der moralischen Ordnung und des evangelischen Gesetzes mit ganzem Herzen an Gott und Seinem eingeborenen Sohn festhalten. Sie ist aber auch betrübt ob der großen Menge derer, die mehr aus Schwäche denn aus Boshaftigkeit, aber selten ohne schwere Schuld, das Gesetz Gottes überschreiten. Sie sieht mit großem Schrecken, wie in allen Landen Irrtümer verbreitet werden, Irrtümer, durch die der Weg ins Verderben geebnet und die Pforte des Heils verschlossen wird. Einige verleugnen einen persönlichen Gott und entziehen dem Naturgesetz damit seine Grundlage; einige verschmähen den Auftrag Christi und weisen das Gesetz des Evangeliums zurück; einige vertrauen allein auf menschliche Prinzipien, um die Moralordnung zu erklären, und berauben sie damit ihrer wahren und letzten Verbindlichkeit und Bestätigung; einige verneinen, dass sich der Verstand einer echten Gewissheit in moralischen Dingen erfreuen kann; einige behaupten, dass das Moralgesetz selbst in grundsätzlichen Fragen Veränderungen und der Evolution unterliegt; einige lehren, dass die menschliche Person mit einer solch erhabenen Würde ausgestattet ist, sodass sie keinem von außen auferlegten Gesetz gehorchen muss; einige behaupten, dass das Moralgesetz nicht anders auferlegt wird als durch Konvention, entweder durch die Kollektivität oder von der "Gesamtheit", sei dies die Mehrzahl der Bürger oder der Staat oder das Volk oder die Rasse oder die Nation oder eine Faktion oder soziale Klasse. Einige meinen, dass das Moralgesetz lediglich aus der nackten, rohen und stumpfen Gewalt hervorgeht und setzen diese ihre Ideologie in die Tat um. Obwohl sich all diese untereinander widersprechen, so haben sie doch gemein, dass sie das Tor des himmlischen Königreichs verschließen und anderen nicht eintreten lassen (s. Mt 23,13). Der kriechende Irrtum hat viele Farben und viele Gesichter, die Wahrheit aber, die uns frei machen wird (s. Joh 8,32) ist eine, wie Christus einer ist. Doch die gleiche Tatsache, die der Gründer der Kirche einst über sich selbst bezeugen konnte, kann er heute der Kirche vor der ganzen Welt verkünden: "Ich kam im Namen meines Vaters und ihr nehmt mich nicht auf;  wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen." (Joh 5, 43).
Entnommen den AD II/2, 4. Typis Polyglottis Vaticanis 1968, S. 30. Ohne Fußnoten.

Montag, 13. April 2015

Das Konzil kommt in ein Blog (1)

Nein nein, keine Bange, ich habe meinen Denzinger nicht ins Feuer geworfen und mein Bet- und Schreibtisch - ich weiß, eine unsägliche Kombi - steht auch noch an der Wand, nicht mitten im Zimmer ... hier soll ja auch nicht das Konzil ausbrechen, sondern das andere Konzil. Und damit hinlänglich bekannt wird, dass ich für die Leserschaft weder Kosten noch Mühen scheue, gibt es hier schon mal die erste Statusmeldung nach der leisen Anmeldung: die Serie ist in Arbeit.

Wer wirklich etwas über die offiziellen Teile des Zweiten Vatikanums wissen möchte, dem bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als zwei Werke aufzusuchen. Das macht nur so ziemlich keiner. Warum? Diese Werke kommen ungefähr so daher, wie der Kleriker samt Cappello romano auf dem Titelbild des drüben vorgestellten Büchleins ... nämlich alles andere als modern und konziliar. Stattdessen gibt es eine ganze Wand von Büchern, noch dazu ganz nett eingebunden, und zu allem Überfluss auch noch auf Latein. Wir haben hier einmal die Acta et documenta Concilio Oecumenico Vaticano II apparando (Typis Polyglottis Vaticanis, 1960-1969) in 23 Bänden, fortan abgekürzt AD, dann die Acta synodalia sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II (ebenda gedruckt, 1970-1999) in 32 Bänden, fortan abgekürzt AS.

Da greifen die meisten dann doch lieber zu Rahners Konzilskompendium, das hat ja auch immerhin 775 Seiten. Aber zumindest gibt es das schon mal als Paperback und auf Deutsch. Nicht so natürlich der Denzingerianer.

Obgleich die einzelnen Beiträge noch so ihre Zeit brauchen werden - dafür handelt es sich dann aber auch größtenteils um in deutscher Sprache bisher unveröffentlichtes "Exklusivmaterial" - soll es hier doch schon mal einen kleinen Vorgeschmack geben. Der aber, um diesen Artikel nicht noch mehr in die Länge zu ziehen, kommt morgen. Ich hoffe, das Konzil kann noch so lange warten.

Ephemerides traditionalisticae

»Hier galt es anzusetzen, und daher taten Ordner not und neue Theologen, denen das Übel von den Erscheinungen bis in die feinsten Wurzeln deutlich war; dann erst der Hieb des konsekrierten Schwertes, der wie ein Blitz die Finsternis durchdringt. Aus diesem Grunde mußten die einzelnen auch klarer und stärker in der Bindung leben als je zuvor - als Sammler an einem neuen Schatz von Legitimität.«
Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen. Hanseatische Verlags Anstalt: Hamburg 1939, S. 109.

Sonntag, 12. April 2015

Der uns an Seinem Fleische weidet, in Seinem Blute Purpur kleidet - ein Osterhymnus

Sehr bewegt hat mich in den letzten Tagen der unten abgetippte (und dafür gerade viel zu sehr auf die schnelle übertragene) Hymnus. Besonders eindrücklich erscheint mir das Bild von Christus als das große Verlangen der Welt ... oder anders, vielleicht genauer übersetzt: ihre Klage. Viele mögliche Auslegungen und Gedanken öffnen sich da. Auch der Vers über das Blut Christi, wörtlich, das rosenfarbige, welches unsere Lippen bereichert ... gab mir eine ganz wertvolle Betrachtung für meinen sonntäglichen Empfang der Sakramente.

Aber nun möchte ich euch mal nicht länger den Text vorenthalten:


Regnavit Dominus, plaudite gentes,
Vicit vita necem, tartare lignum.
Kyrie eleison.

Es herrschte der Herr, o freut euch, ihr Heiden!
Es besiegte den Tod das Leben,
die Hölle das Holz.
Kyrie eleison.

Servi supplicium pertulit haeres,
Laus tibi, Christe;
Vicit vita necem, tartare lignum.
Kyrie eleison. 

Der Erbe litt an Sklaven statt,
Lob sei Dir, Christus;
Es besiegte den Tod das Leben,
die Hölle das Holz.
Kyrie eleison.

Fit nun ille lapis spretus ab hoste
Jesus magna Deus questio mundi.
Kyrie eleison.

Der Eckstein, den der Feind verwarf,
o Jesus, Gott,
Werd' Du das große Weltverlangen.
Kyrie eleison.

Cur frendet populi? concidat error!
Laus tibi, Christe;
Jesus magna Deus questio mundi.
Kyrie eleison.

Was knirschen die Völker? Halt ein, den Irrtum!
Lob sei dir, Christus;
o Jesus, Gott,
Werd' Du das große Weltverlangen.
Kyrie eleison.

Qui pascis propria carne redemptos,
Qui ditas roseo sanguine labra.
Kyrie eleison.

Der Du Deine Erlösten an Deinem eigenen Fleische weidest,
der Du unsere Lippen in Deines Blutes Purpur kleidest.
Kyrie eleison.

Praesta perpetuae gaudia paschae;
Laus tibi, Christe;
Qui ditas roseo sanguine labra.
Kyrie eleison.

Gewähre uns die Freude eines ewigen Pascha;
Lob sei Dir, Christus;
der Du unsere Lippen in Deines Blutes Purpur kleidest.
Kyrie eleison.

(Osterhymnus des Caelius Sedulius, in freier Übertragung)

Gute Nachricht für Traditionalisten: Barmherzigkeit für Papstbashing und unerlaubte Bischofsweihen

18. In der Fastenzeit dieses Heiligen Jahres habe ich die Absicht, Missionare der Barmherzigkeit auszusenden. Sie sollen ein Zeichen der mütterlichen Sorge der Kirche für das Volk Gottes sein, damit es tiefer eindringen kann in den Reichtum dieses für unseren Glauben so grundlegende Geheimnis. Es handelt sich dabei um Priester, denen ich die Vollmacht geben werde, auch von den Sünden loszusprechen, die normalerweise dem Apostolischen Stuhl vorbehalten sind.
(Bulle Misericordiae vultus, deutscher Text von hier)

 Was fällt da so alles drunter? Der Denzinger-Katholik hat nachgeschaut:



Can. 1370 § 1 zum Beispiel, die Tatstrafe der Exkommunikation gegen denjenigen, der physische Gewalt gegen den Papst anwendet. Oder auch Can. 1382, die Bischofsweihe ohne mandatum Apostolicum - Williamson, ick hör' dir trapsen. Na dann mal immer her mit den Missionaren!

;-)

Samstag, 11. April 2015

Hebt euch ihr Blumen

In der Blogozese geht es aktuell ganz schön blümerant zu - oder besser gesagt, auch die pflanzlichen Geschöpfe folgen ihrem wiederauferstandenen Schöpfer nach und strecken die Hälse schon gen den Himmel, in den Er bald auffahren wird. Da möchte ich mich den werten Kollegen mal anschließen, wenngleich ich nur Schnittblumen anzubieten habe, noch dazu außerhalb der freien Wildbahn - aber die zumindest sind noch ganz frisch, zumindest frisch fotographiert. Zum Hymnus darunter sollte man sich aber vielleicht lieber die Bilder aus den Nachbarblogs hinzudenken ...


Surgite verni,
Surgite flores,
Germina pictis
Surgite campis
Teneris mixtae
Violis rosae,
Candida sparsis
Lilia calthis.

Hebt euch ihr gräser,
Hebt euch ihr stengel,
Malend die fluren
Hebt euch ihr blumen:
Zarte violen
Unter den rosen,
Zwischen den lilien
Runde kamillen.

(...)

Plaudite montes
Ludite fontes;
Resonent valles
Repetunt colles:
"Io revixit
Sicuti dixit,
Pius illaesus
Funere Jesus."

Jauchzet ihr berge,
Jubelt ihr quellen,
Tönt es ihr bühel,
Echot ihr hügel:
Freut euch! Es kehrte,
Wie er uns lehrte
Heil von der bahre
Jesus der wahre.

Entnommen dem Hymnus Plaudite caeli, Autor unbekannt, 16.-17. Jhrt. Übersetzung nach Friedrich Wolters: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 191. In Gänze kann es hier gelesen werden.
Bild: Pfarrkirche Herz-Jesu, Pfersee.

Freitag, 10. April 2015

Liturgiereform mit Hindernissen, oder: die Altbackenheit des Alten

Einer der vielen features, mit denen man uns die sogenannte reformierte Liturgie schmackhaft machen wollte, ist die Wiederherstellung verschütt gegangener antiker liturgischer Texte. Ad normam Patrum, sozusagen. Während man den alte-Messe-Molch nicht unbedingt mit Argumenten wie Landessprache, Volksaltar und tätiger Teilnahme beikommen und aus dem tridentinischen Tümpel locken kann ... fällt es schon bedeutend schwerer, jene Orationen rundweg abzulehnen, welche schon die Väter beteten. Punkt also für die Gegenseite, möchte man auf den ersten Blick sagen.

Nur gibt es da eine ganz große Schwierigkeit, mit der die neue-Messe-Bastler nicht so ganz klar kamen. Die alten Texte ... sind auch theologisch ganz schön altmodisch. Aber die Reformkommission war wie immer sehr kreativ und hatte schnell eine Lösung parat: Was nicht passt, wird passend gemacht - die unschönen Stellen schreiben wir einfach um.

Glaubt ihr nicht? Sicher, sicher, meine Präferenzen sind hinlänglich bekannt und vielleicht muss man daher meine Sprüche cum grano salis nehmen. Glaubt also nicht mir, sondern einem, der damals selber Schere, Kleber und Stift in den Händen hielt: Dom Antoine Dumas, OSB. Zum besseren Verständnis aber erst noch die Kollekte, um die es im weiter unten zitierten Text geht, nämlich die vom Ostersonntag:

Deus, qui per Unigenitum tuum aeternitatis nobis aditum devicta morte reserasti, da nobis, quaesumus, ut, qui resurrectionis sollemnia colimus, per innovatione tui spiritus a morte animae resurgamus.
(aus dem Gelasianum Vetus, GeV 463)

O Gott, Der Du durch Deinen Eingeborenen uns den Zutritt in die Ewigkeit durch den Sieg über den Tod erschlossen hast, gewähre uns, so bitten wir Dich, dass wir, die das Fest der Auferstehung begehen, durch die Erneuerung Deines Geistes vom Tod der Seele wiederauferstehen.

Und nun der Benediktiner:
»Es kam manchmal vor, dass schöne Texte, die entweder nach einem rigorosen Auswahlprozess beibehalten oder gar gänzlich wiederhergestellt und an die Stellen gesetzt wurden, die ihnen am besten standen, immer noch keine vollkommene Zufriedenstellung brachten. Bei diesen Fällen blieb eine leichte Adaption notwendig. Das typischste Beispiel ist das von der Kollekte des Ostersonntags, welches, von der gregorianischen Entstellung gerettet, mit der es ins Messbuch Pius' V. einging und mit dem besten Zeugen (Gelasianum 463) in Einklang gebracht, mit einem bedauerlichen Sturz endet, in dem sie den Tod zwei Mal innerhalb von wenigen Worten heraufbeschwörte. Wir glaubten gut daran zu tun, die Endung mit der österlichen Freude in Harmonie zu bringen, indem wir a morte animae [vom Tod der Seele] mit in lumine vitae [im Licht des Lebens] ersetzten.« 
Also ich kann nicht anders, als mir bei einer derart offen zur Schau gestellten Überheblichkeit an den Kopf zu packen. Mehr muss ich wohl gar nicht sagen, die Worte des Paters sowie die dahinterstehende wir-wissen-das-jetzt-alles-besser-Attitüde sprechen für sich.

Anzumerken wäre aber noch etwas über die wohldurchdachte Formulierung der unveränderten Oration im alten Sakramentar. Wir haben hier mittels eines Parallelismus den literarischen Ausdruck einer tiefen theologischen Wahrheit: Der leibliche Tod Christi, der den Tod selbst besiegte und uns die Pforten des ewigen Lebens öffnete ist die Quelle unserer geistlichen Wiederauferstehung von der Sünde. Was uns Domas verklickern will, ist absoluter Quark. Der Text bekennt nichts anderes, als dass der Sieg Christi über den Tod unser Entkommen aus dem geistlichen Tod möglich macht.

Die Veränderung der Kollekte ist letztlich nichts anderes als eine weitere theologische Verarmung - die freilich auch immer weitere Konsequenzen hat. Unsere Verwundbarkeit im leiblichen und geistlichen Tod nicht zu erwähnen, und die Flucht davor, die uns Gott durch Christus möglich gemacht hat, der nur sterben konnte, weil er unsere sterbliche Menschennatur annahm ... raubt der Kollekte, auch wenn der Austausch nur klein ist ... ihren ganzen und profunden Sinn.


Zitat aus Les oraisons du nouveau Missel. In: Questiones Liturgiques 25 (1971) 263-70. S. 268. Eigene Anmerkungen in eckigen Klammern.
In einem interessanten Artikel auf New Liturgical Movement wurde Dumas bereits in einem ähnlichen Kontext erwähnt.

Donnerstag, 9. April 2015

Schlanker und entschlackt aus der Fastenzeit

Es ist nun eigentlich schon ein paar Wochen her, und wahrscheinlich ist es auch niemandem aufgefallen: der Denzinger-Katholik geht aus dieser Fastenzeit wieder etwas magerer heraus. Abgenommen hat nämlich die bis dato stets steigende Zahl der zuhauf wenig überlegt dahinetikettierten Label. Die wurden eigentlich auch nie weiter von mir erklärt und waren auch nicht unbedingt besonders intuitiv benutzbar. Bei manchen führte ein Klick auf fast alle Beiträge, manche wurden nur für ein paar verwendet und dann wieder auf Nimmerwiedersehen vergessen. Jedenfalls sind jetzt solche Labels wie Väter, Sprüche oder der Molch des Monats verschwunden.

Dazugekommen ist zu diesem Zeitpunkt nur ein einziges, nämlich die Philosophia perennis. Zwar bezweifle ich, dass es bei mir in Zukunft besonders viel Philosophisches zu lesen geben wird (dazu empfehle ich z.B. den Scholastiker oder Edward Feser), allerdings ist meine aktuelle Thomas-Serie mehr philosophisch als im engeren Sinne theologisch und hat daher noch einmal eine Unterscheidung verdient.

Bis hierhin unerklärt blieb auch die Serie Ephemerides traditionalisticae samt label. Meine traditionalistischen Tagebücher sollten ein Sammelbecken für traditionstobende Beiträge sein, zu denen ich mir dann nicht auch noch ständig einen neuen mehr oder meistens minder passenden Titel ausdenken muss. Ziemlich auffällig abgekupfert bei einem Nachbarformat, ich geb's zu ... aber imitation soll ja die sincerest form of flattery sein. Als wäre das nicht schon genug Nachmache, nein, auch der Titel ist halb geklaut, nämlich von dem wenig traditionalistisch daherkommenden Journal Ephemerides Liturgicae.

Möglicherweise fliegt dann auch noch das o tempora o mores! hinaus, das sich wahrscheinlich ohnehin stets mit den Ephemeriden paaren würde. Die quaestiones disputatae stehen ebenfalls auf wackeligen Beinen.

Noch dazukommen könnte dafür ein Label für meine bislang nur angekündigte Serie zum anderen Konzil. Mal schauen, wie es da weitergeht, denn ich übernehme mich vermutlich mit all den Serien mal wieder zu sehr. Hier ein weiteres Bekenntnis von mir: Ja, ich bin auch im real life ein Serienjunkie.

Ursprünglich sollte es übrigens zu Ostern eine umfassendere Renovierung hier geben, samt neuem header und Co. Meine mageren Fotoknips- und Bearbeitungsfähigkeiten machten mir da aber einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht ein andermal.

Glauben schenken

Im Tagesevangelium erinnert uns die Kirche heute daran, dass es Maria Magdalena war, die als erste den Auferstandenen erblicken durfte. Der Büßerin aus Magdala wurde viel vergeben, weil sie viel geliebt hat ... und so wurde ihr auch die Gnade zuteil, jenen die zentrale Lehre unseres Glaubens zu überbringen, die der Herr selbst als unfehlbare Botschafter des Evangeliums ausgesandt hat. Hier klingt der Grund dafür an, warum die Kirche ehedem* am Fest der apostola apostolorum das Credo anstimmte - denn sie hat als erste das Fundament des christlichen Credos, die Auferstehung, verkündet.

Mehr noch klingt das auch in einer Strophe der Ostersequenz Victimae paschali laudes, eine Strophe, die schon nach dem Konzil getilgt worden ist ... also, dem von Trient:

Credendum est magis soli
Mariae veraci
Quam Judaeorum
Turbae fallaci

Glauben schenken muss man mehr

Maria, der allein Wahrhaften,
als der Juden trügerischer Schar.

*(d.h., bis zu diesem liturgisch so lamentablen Jahre 1955)

Mittwoch, 8. April 2015

Die Beichte nach der Beichte

Irgendwelchen österlichen Beichtverpflichtungen - ohnehin keine Pflicht, die Traurigkeit der Not solcher Verpflichteleien außen vor genommen, gibt es m.E.n. nur eine zur Osterkommunion, keine aber zum Empfang des Bußsakraments in dieser hochheiligen Zeit - lassen mich kaum unruhig schlafen, denn momentan halte ich ohnehin einen etwas häufigeren als allmonatlichen Rhythmus in dieser Sache. Das hört sich nun vielleicht gut alt-messlerisch und vollfromm an ... aber tatsächlich stelle ich mir doch häufig die Frage, wie lau meine Beichten doch sein müssen, dass ich nach den vielen gittergesiebten Absolutionen immer noch der gleiche bin. Nun mag man mir den aus dem Kommuniongewerbe geklauten geistlichen Spruch entgegenhalten (und er ist nicht ohne Meriten), ich solle bedenken, wo ich wohl gerade ohne die halbwegs häufige Beichte stünde. Wohl wahr, wohl wahr, und ich möchte hier auch eigentlich gar nicht weiter mit meinem Sünderdasein kokettieren, was ich ohnehin schlecht leiden kann, gleichwohl es Tradition hat. Aber wenn man so nach dem Triduumstrubel und noch innerhalb der Osteroktav plötzlich das dringende Bedürfnis verspürt, mal wieder einen Beicht-Stuhl, -Raum, -Zimmer oder sogar nur eine -Gelegenheit aufzusuchen, egal ob hermetisch abgeriegelt oder luftig offen ... da denkt man sich doch, dass man dieses Ostern mal wieder (außer-)ordentlich versemmelt hat.

Sei's drum, gestern vor dem Start auf einer Kurzstrecke einmal quer durch das, was sich dieser Tage so selbstbewusst die deutsche Republik nennt ... habe ich, mit einer, ich denke, gesunden Flugangst, nicht nur den Sitz meines braunen Skapuliers überprüft (und die Tage bis zum nächsten Samstag gezählt), sondern auch sicherheitshalber ein Confiteor gebetet. Mein privater Preflight-Check, sozusagen. Jedenfalls ging mir dabei durch den Kopf, dass ... vermutlich ziemlich unbekannterweise ... zum Beichtritus nach röm'schen Rituale auch das Confiteor dazugehört. Vom Pönitenten vorgebracht, versteht sich. Und da dacht ich mir auch so, wie wenig bewusst ich dieses starke Gebet doch ständig verrichte, gehört es ja dank Komplet und Messe zum gewöhnlichen Tagesprogramm wie die Morgentoilette und das Mittagessen. Sollte aber ja doch nicht ganz so sein. Und zumindest war die beginnende Luftreise so meiner Andacht doch ganz zuträglich.

Das Confiteor ist ein Bekenntnis, eine Bitte, ein Gebet, das mit einer großen prostratio vor dem Höchsten beginnt. Eine Stille kehrt ein, eine Stille des Herzens, und klein machen wir uns vor Ihm. Das Confiteor ist auch ein wirklich katholisches, universales Gebet. Wir wenden uns an Gott und die himmlische Kirche. Aber ebenso an alle Brüder auf Erden. So ist es auch ein Glaubensbekenntnis an die Gemeinschaft der Heiligen. Im Text selbst wird uns die himmlische Hierarchie vorgestellt, gleichsam als ordnendes Gegengewicht wider die Unordnung der Sünde. Dort steht zuerst die Königin der Engel, gefolgt vom Herzog der himmlischen Heerscharen, zuletzt die thronenden Apostelfürsten. Schönheit und Form und Vollendung des göttlichen Schöpfungswerkes in nuce.

Nun war ich gerade schon dabei, eine kleine Betrachtung zum Confiteor zu schreiben, da fiel mir ein, dass Mosebach und Spaemann das schon viel besser taten, als ich es jemals könnte. Und meine sentimentalen Nebenbemerkungen braucht eigentlich auch niemand. So will ich es also mit dem Gedanken belassen, uns vielleicht doch hin und wieder bei der Rezitation des allgemeinen Schuldbekenntnisses wirklich in die himmlischen Hallen zu versetzen. Wenigstens im Geiste zerknirscht vom dem darniedersinken, der Herz und Nieren kennt und jeden Gedanken, bevor er gedacht. Wie die Schar der um das Lamm versammelten Heiligen auf uns kleine Elendsgestalten blickt ... und wir auf sie, als Vorbilder, als Beispiele ... vor allem aber um ihre Fürbitte bittend. Und uns dann, schuldbewusst, mit all diesen Heiligen des Himmels einreihen und gemeinsam die Gnade der Sündenvergebung und der Freundschaft mit Gott erflehen.

Wenn wir uns nur hin und wieder dieses Bild vor Augen halten ... ein Abglanz der Wirklichkeit, die wir da beten ... dann bleibt vielleicht auch unser Confiteor lebendig und kraftvoll.

Sonntag, 5. April 2015

Christus wird nie wieder sterben

Christus resurgens ex mortuis iam non moritur: mors illi ultra non dominabitur. Quod enim vivit, vivit Deo, alleluia, alleluia.
Dicant nunc Iudaei, quomodo milites custodientes sepulchrum perdiderunt Regem ad lapidis positionem. Quare non servabant petram iustitiae? 
Aut sepultum reddant, aut resurgentem adorent nobiscum dicentes - Quod enim.
Dicite in nationibus, alleluia. Quia Dominus regnavit a ligno, alleluia.
Oratio
Deus, qui pro nobis Filium tuum Crucis patibulum subire voluisti, ut inimici a nobis expelleres potestatem: concede nobis famulis tuis; ut resurrectionis gratiam consequamur. Per eundem Christum Dominum nostrum...

Der von den Toten auferstandene Christus wird nie wieder sterben: der Tod hat keine Gewalt mehr über ihn. Was er lebt, lebt er Gott, alleluja, alleluja!

Lasst nun die Juden sagen, wie die Soldaten, die das Grab bewachten, den König verloren haben, obgleich der Stein an seinem Platz war. Warum haben sie nicht den Felsen der Gerechtigkeit bewahrt? Sie sollen den Begrabenen hervorbringen, oder aber den Wiederauferstandenen anbeten und mit uns sagen: Was er lebt, lebt er Gott, alleluja, alleluja!

Verkündet den Völkern, alleluja. Dass der Herr vom Holze herrscht, alleluja.

O Gott, Du wolltest, dass Dein Sohn für uns die Schmach des Kreuzes auf Sich nehme, damit Du die Macht des Feindes von uns vertreibest; so verleihe denn uns, Deinen Dienern, dass wir die Gnade der Auferstehung erlangen. Durch Ihn, unsern Herrn.


Responsorium und Oration nach der Magnificat-Antiphon am Ostersonntag, aus dem Brevier der Predigerbrüder.


Allen Lesern, Freunden und Bekannten wünsche ich ein frohes und gnadenreiches Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus!

Samstag, 4. April 2015

Ero mors tua

O mors, * ero mors tua, morsus tuus ero inferne.
O Tod, ich werde Dein Tod sein! O Hölle, ich werde Dein Stachel! 

Bild: Höllenfahrt Christi in St. Anna, Augsburg, ehem. Fuggerkapelle

Freitag, 3. April 2015

Beweinung Christi

Plangent eum * quasi unigenitum, quia innocens Dominus occisus est.
Sie werden um ihn trauern, wie um den Erstgeborenen, denn der unschuldige Herr wurde zu Tode gebracht.

Bild: Fronleichnamsgruppe in St. Anna, Augsburg, ehem. Fuggerkapelle

Donnerstag, 2. April 2015

In Seinen Händen hält Er Sich

Rex sedet in coena
turba cinctus duodena,

Se tenet in manibus :
se cibat ipse cibus.

Der König sitzt zu Tische, umgeben von den Zwölf,
In Seinen Händen hält Er Sich, Er speist Sich selbst als Speise.

aus einem Glossar (Concord. Canon. Neg. Moyses, 87 Dist. 2 De Cons.)

Mittwoch, 1. April 2015

Das Kreuz und der christliche Kult

»Erst im Kreuz begann der christliche Kult im Vollsinn. Im Kreuz sind alle vorhergehenden Heilstaten Christi zusammengefaßt. Die Auferstehung und die Himmelfahrt, das Thronen zur Rechten des Vaters und die Sendung des Heiligen Geistes zählen ebensowenig zu den eigentlich verdienstlichen Taten wie die Wiederkunft Christi. Doch da die liturgische Feier die einzelnen Mysterien des Lebens und Opfertodes Christi im erklärten Sinn wiederaufleben läßt, so bildet sie auch die wirksam vergegenwärtigende Gedächtnisfeier der Auferstehung, Himmelfahrt, Verherrlichung, Geistsendung des Erlösers und selbst die prophetische Vorwegnahme seiner Wiederkunft. Alle Phasen des geschichtlichen und übergeschichtlichen Daseins des Herrn hängen zusammen und bilden nur ein einziges, großes Mysterium: das Mysterium Christi, des Erlösers. Von der Menschwerdung an bis zum Tode am Kreuz tendierte alles auf Golgotha hin als auf den erfüllenden Gipfelpunkt und das Sinnziel aller anderen Ereignisse. Golgotha selbst drängte auf die Auferstehung, Auffahrt, Verherrlichung, Geistsendung hin, da darin Christus für sich und für uns die Früchte von Golgotha erntete und sie uns mitteilte.«
Cyprian Vagaggini OSBCam: Die Theologie der Liturgie. Ins Deutsche übertragen und bearbeitet von August Berz. Benziger-Verlag: Einsiedeln 1959, S. 86.