Samstag, 28. Februar 2015

Blogopause

In den nächsten drei bis vier Wochen wird es auf diesem Blog urlaubs- und reisebedingt ruhig zugehen. Vielleicht schaffe ich es in einer freien Minute hin und wieder mal, einen kleinen Beitrag einzustellen, auf jeden Fall aber schaue ich weiterhin bei den Nachbarblogs vorbei.

Euch allen weiterhin eine gesegnete Fastenzeit!

Freitag, 27. Februar 2015

Credo unserer Lieben Frau

»Ich glaube, daß Gott dir in höchster Fülle alle besonderen Gnaden gab, die er seinen Geschöpfen geben kann ... Ich glaube, daß du die Miterlöserin mit Christus bist für unser Heil, daß alle Gnaden, die Gott spendet, durch deine Hände gehen und daß niemand in den Himmel eingeht außer durch dich, die Pforte des Himmels.«
Hl. Gabriel von der Schmerzhaften Mutter in seinem Credo unserer Lieben Frau

Donnerstag, 26. Februar 2015

My View For Awhile

Auch der Denzinger-Katholik fliegt Bergoglio-Klasse!

Raphael Merry del Val zum Gedächtnis

Vor der Furcht, erniedrigt zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, verachtet zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, getadelt zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, verleumdet zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, vergessen zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, ausgelacht zu werden, befreie mich o Jesus.Vor der Furcht, Unrecht zu erfahren, befreie mich o Jesus.

Heute vor 85 Jahren verstarb der Kardinalstaatssekretär Pius' X im Ruf der Heiligkeit. Neben seinen Verdiensten für Kirche und Christenheit hinterließ er uns auch die oben in einem Auszug wiedergegebene Litanei. Vollständig findet sie sich z.B. hier.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Die klaren Einwände und das dunkle Geheimnis

»'Ein kleiner Irrtum im Anfang ist groß am Ende.'
Gerade dieser Satz erklärt, warum gewisse Gipfel der Wahrheit in den Augen mancher so nahe an schwerste Irrtümer grenzen. Dies kommt daher, daß man nicht auf den genauen Wortausdruck dieser höchsten Wahrheiten achtet. Auf solcher Höhe führt die kleinste Abweichung zu einem unheilvollen Sturz, wie der kleinste Fehltritt auf einem Berggipfel am Rande eines Abgrundes.Es ist auch erklärlich, weshalb die Einwände gegen diese höchsten Wahrheiten oft klarer scheinen als die rechte Antwort. Der Einwand entspringt nämlich unserer niederen, oberflächlichen, gleichsam mechanischen, von den Sinnendingen abhängigen Denkweise, während die Antwort aus der erhabensten Höhe des unaussprechlichen Geheimnisses stammt, gegen das der Einwand sich richtet. Dieser wird ohne weiteres erfaßt, über die Antwort aber muß man sehr lange nachdenken, wenn man sie recht verstehen will.«

P. Reginald Garrigou-Lagrange, OP: Der Sinn für das Geheimnis und das Hell-Dunkel des Geistes. Natur und Übernatur. Paderborn: Schöningh-Verlag 1937. S. 264f.

Dienstag, 24. Februar 2015

Ephemerides traditionalisticae

»Sie sind katholisch? Werden Sie doch Protestant, wenn es Ihnen zusagt. Ja, vielmehr steht dem nichts im Wege zugleich katholisch und protestantisch zu sein, weil ja das katholische Glaubensbekenntnis keinerlei Schaden erleiden wird, wenn Sie es zugleich mit dem lutheranischen, anglikanischen oder calvinistischen Glaubensbekenntnis verbinden. Und welcher Gläubige wird schließlich nicht die Absicht hegen, alleine der unbekannten Wahrheit anzuhängen, die sich ihm vielleicht eines Tages offenbaren wird? Deshalb stehen wir bereits mit allen Bekenntnissen auf der Welt durch eine Glaubensgemeinschaft in Verbindung, und schon leuchtet das Morgenrot eines Zeitalters, in dem es eine einzige Religion für die ganze Menschheit geben wird, nachdem man für immer alle Trennungen abgeschafft hat, die der alte Aberglaube eingeführt hat.«
Louis Billot, SJ: Die Unveränderlichkeit der Tradition gegen die neue Häresie des Evolutionismus. Eingeleitet und übersetzt von C. und P. Barthold. Fohren-Linden: Carthusianus Verlag 2014. Im Original unter dem Titel De immutabilitate traditionis contra novam haeresim evolutionismi erstmals erschienen 1909, vorliegende Ausgabe nach der Edition von 1929. S. 229.

Montag, 23. Februar 2015

Vatikanum Zwo in einem Paralleluniversum

Nach der glücklichen Beendigung des Zweiten Vatikanischen Konzils, welches Gregor XVII., Papa Siri, in Gemeinschaft mit den versammelten katholischen Bischöfen mit der dogmatischen Definition der Mittlerschaft Mariens schloss, konnte Kardinalstaatssekretär Lefebvre den eigens angereisten Karl VIII., dem Franco im vergangenen Jahr alle Regierungsgeschäfte anvertraute, für die internationale Staatengemeinschaft der Katholische Liga gewinnen, die insbesondere als Bollwerk gegen die jüngst feierlich verurteilten Irrlehren des atheistischen Kommunismus und Liberalismus sowie zur Stärkung des ständestaatlichen Gedankens ...
... halt! Für Szenarien alternativer Geschichte ist immer noch der Geistbraus zuständig. Welche Auswirkungen ein anderes II. Vatikunum gehabt hätte, das weiß der liebe Herrgott allein - und ich gebe mich da auch keinen Illusionen hin. Interessant ist aber allemal, sich anzuschauen, was die Vorbereitungskommission, die Johannes XXIII. eingesetzt hatte, in vielen tausend Stunden harter Arbeit zusammentrug. In wenigen Stunden, vielleicht war es nicht mal eine, entschieden die Konzilsväter, alle vorliegenden Dokumente über Bord zu werfen und komplett neu anzufangen. Das geschah wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen, weil genau diesen Entschluss schon gewisse transalpine Theologen auf einem Treffen in Deutschland fassten - unter ihnen ein junger Josef Ratzinger.

Man kann der Schultheologie, deren Hauptvertreter aller Richtungen das Gros der commissio antepreparatoria ausmachte, sicher einige Vorhaltungen machen. Vielleicht war man es leid, sich von der Metaphysik den Himmel erklären zu lassen. Vielleicht war der kalte Intellektualismus kaum nützlich in der beginnenden Krise des Pastoral, vielleicht zu beschränkt auf die letzten hundert Jahre Lehramt, vielleicht der Schrift, den Vätern, den Geschichts- und Naturwissenschaften zu fremd. Aus heutiger Sicht meine ich aber, dass die Kirche sich um diese Dinge - jedenfalls nach Art und Weise der Nouvelle Théologie - in der Ausübung des höchsten Magisteriums weniger zu kümmern braucht. Nicht, weil sie unwichtig sind ... sondern viel mehr, weil sie immer da sind, dem Wechsel der Gezeiten unterliegend. Die Theologie im engsten Sinne ist aber der Bräutigam der Kirche. Je weiter sie sich von ihm entfernt, um so weniger kann sie sich ihrer Wahrheiten sicher sein. "Debemus procedere theologice", soll P. Sebastian Tromp in der Kommission immer wieder gesagt haben, "wir müssen theologisch vorgehen". Ich denke, einer der größten Verluste in Folge des Konzils ist es gewesen, dass die theologische Vorgehensweise komplett in Vergessenheit geraten ist, sich die Kirche viel zu tief in die Relativität hat einsenken lassen, aus der sie sich kaum noch herausarbeiten kann.
In der Kommission saßen aber nicht nur alte Schulmänner, sondern auch ein Congar und ein De Lubac. Sie hatten Schwierigkeiten, sich in der scholastischen Atmosphäre einzufinden, in der die anderen Teilnehmer zu Hause waren. Letztgenannter bemerkte spöttisch, dass die römischen Theologen sich sogar verstehen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Es ist die Welt des numquam negare, raro affirmare, semper distinguere - niemals verneinen, selten zustimmen, immer unterscheiden. Hier waren sie keine Einzelkämpfer mehr, umjubelte Autoren. Hier stand jeder Satz, jedes Wort auf dem Prüfstand. Es führte dazu, dass sie wenig sagen sollten.

Eigentlich wollte ich in einem Anfall von Krawalltraditionalismus - die Überschrift und der erste Abschnitt lassen es noch vermuten - einfach nur eine Passage über Die religiösen Pflichten der Staatsgewalt aus dem Entwurf für die dogmatische Konstitution De Ecclesia einstellen. Dass sie sich sehr von dem unterschiedet, was wir in Dignitatis humanae lesen können, kann sich sicher jeder denken. Aber die von der Vorbereitungskommission erarbeiteten Dokumente eignen sich nicht nur für plumpe Effekthascherei ... in ihnen finden sich die Früchte von etwa hundert Jahren theologischen Fortschrittes. Ich rede nicht von der Theologie der Manuale, der Handbücher, auf welche die Schultheologie sowohl von ihren Gegnern wie auch von ihren wenig kenntnisreichen modernen Apologeten gerne reduziert wird. Obwohl die kondensierte Form lehramtlicher Äußerungen selbst mehr hin zu einer zusammengeschmolzenen, handbuchartigen und formelhaften Sprache neigt und nicht dazu, wie ein avantgardistisches Journal zu schreiben ... gibt es doch viele Glanzstücke in den Entwürfen, die ein wenig von den Verdiensten dieser eigentlich so kurzen neuscholastischen Periode verraten. In meinem letzten Thomaskommentar habe ich noch einmal davon gesprochen, dass die Wissenschaft der Theologie eigentlich die Wissenschaft oder das Wissen Gottes ist. So die alte Definition, die die Modernen nicht teilen. Und nach dieser ist es vor allem die Aufgabe der Theologie, näher zu kommen, näher an die Wissenschaft Gottes. Aus meiner Sicht - sie ist freilich keine neutrale - lassen sich die Jahrzehnte der Neoscholastik vor allem als ein Schritt hin zum Höchsten charakterisieren. Ein Schritt nach oben auf einer Treppe, die man schon sehr lange nicht mehr beschritten hatte.

Wenn ich die Zeit finde, möchte ich mich also hin und wieder mal auf die Suche begeben und die Acta synodalia sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II durchforsten, diesen unbekannten und unbeachteten Bänden für ein doch - ob man es will oder nicht - so wichtiges Konzil. Eine großartige neue Serie kann und will ich damit nicht versprechen, nur hier und da ein paar Einblicke geben und anreißen, wie die Synode vielleicht auch anders hätte ausgehen können.

Sonntag, 22. Februar 2015

Sage nicht: 'Mein Fasten war nutzlos'

Manchmal bekommt man seine Fragen beantwortet, obwohl man gar nicht explizit danach sucht. So ging es mir jedenfalls heute. Und wenn das via Thomas geschieht, der seinem mir liebsten Titel, Doctor Communis, mal wieder alle Ehre machte ... um so besser!
»Weil der Teufel sah, dass Christus 40 Tage lang fastete, war er verzweifelt. Als er aber spürte, dass jener Hunger hatte, begann er wieder zu hoffen. Daher folgt: 'Es trat der Versucher an ihn heran'. Wenn du also gefastet hast und danach wieder von Versuchungen bedrängt wirst, sage nicht: Mein Fasten war nutzlos. Denn auch wenn dir dein Fasten nicht dazu genützt hat, um nicht mehr versucht zu werden, so wird es dir dennoch helfen, deinen Versuchungen nicht zu erliegen.«
(Pseudo-)Chrysostomus, Opus Imperfectum in Matthaeum zitiert nach der Catena Aurea

Das Wesen der Theologie und mein weiterer Thomasfahrplan

Nicht jeder einzelne Artikel der ersten Frage wurde bislang behandelt, aber ich denke, die Substanz, das große Thema dieses Vorwortes der Summa findet sich in meinen Beiträgen wieder. Zugegeben, mir ist der Thomaskommentar nicht immer bestens geglückt, und gerade am Anfang ging es doch sehr holprig und hölzern zu. Inzwischen meine ich aber, dass ich mich in der Aufgabe etwas eingefunden habe und mir das Schreiben besser von der Hand geht.
Nun haben die Semesterferien begonnen und ich mache mich auch bald ab in südlichere Gefilde. Den ein oder anderen wird es vielleicht freuen, denn jüngst gab es von mir eher zu viel als zu wenig zu lesen. Da also vor meinem Urlaub sowieso kein neuer Abschnitt mehr angegangen werden kann, eignet sich dieser Moment dafür, das Vorangegangene noch einmal Revue passieren zu lassen. Vielleicht auch für diejenigen Leser, die bis dato nicht viel damit anzufangen wussten oder denen das alles etwas zu träge und langatmig war.

Wie soll es jetzt aber mit meinem bescheidenen Thomaskommentar weitergehen? Erst habe ich mir ja gedacht, ich frage einfach, für was sich die Leserschaft besonders interessiert oder wo es am meisten Fragen gibt. Das könnte allerdings auch bedeuten, dass ausgerechnet ein Thema dran käme, wo ich mich so gar nicht auskenne. Also lassen wir das lieber ... Vorschläge dürfen natürlich trotzdem gerne eingereicht werden, allein versprechen kann ich nichts.
Ein weiterer Weg wäre, schlicht bei den nächsten Artikeln weiterzumachen, den quinque viae, die Gottesbeweise des Aquinaten. Aus zwei Gründen wollte ich das eigentlich nicht tun: Erstens wird kaum ein anderer Teil seiner Lehre derart ad nauseam wiedergekäut wie dieser, erst recht hängt er wahrscheinlich dem traditionsaffinen Leser zum Halse raus, während - da sind wir bei zweitens - man vielleicht noch nie etwas über seine Vorstellungen von Natur und Gnade, die Prädestinationslehre oder Christologie gehört hat.

Jetzt habe ich mich aber entschieden, doch erst einmal dort anzusetzen. Warum? Eben gerade, weil auch mit kaum einem anderem Teil des aristotelisch-thomistischen Kosmos' so viel Schindluder getrieben wird wie hier, obwohl es oftmals gut gemeint ist. Diesmal will ich aber nicht Artikel für Artikel und Questio für Questio durcharbeiten, das tun und taten schon genug andere, sondern die Fragestellung mehr in seiner Gesamtheit betrachten. Dabei will ich vor allem erläutern, was die fünf Wege eigentlich sein sollen, und mehr noch, was sie nicht sind. Aber genug von Zukunftsplänen geredet, erstmal soll hier das zu Ende geführt werden, was ich oben versprochen habe. Wie so häufig hilft mir dabei Pater Garrigou-Lagrange, OP.

Samstag, 21. Februar 2015

Christus, du bist der helle Tag

Heute Abend ist es mal wieder soweit: Breviere tauschen! Das Stundenbuch für den Winter kommt in den Schrank, und zumindest liturgisch ist damit der Frühling ausgebrochen. Eigentlich ein bisschen komisch, könnte man fast meinen, jetzt erst zu wechseln - ist nicht schon seit Mittwoch Fastenzeit? Nun, in den älteren Tagen, als es noch nicht so lange her war, dass man die Fastenzeit auf den Mittwoch von Quinquagesima ausdehnte, unterschied man: Das Fasten beginnt am Aschermittwoch, die Fastenzeit ab Quadragesima.
An dieser Stelle sei aber auch wieder daran erinnert, woher das Brevier kommt und was der Name bedeutet. Es ist das alte Choralamt in Kürze, ursprünglich erdacht für die beschäftigten Kleriker des päpstlichen Hofes, die auf ihren Reisen oft nicht an der gemeinschaftlichen Rezitation teilnehmen konnten. Damit aber auch alles in ein handliches Büchlein passt, wurde gewaltig verkürzt und vereinfacht. Durchaus verständlich, aber leider sind damit letztlich viele Schätze mehr oder minder verloren gegangen, wenn sie nicht durch verschiedene Eigenriten erhalten wurden. Ein besonders guter Gewährsmann, von dem wir viel über die alte stadtrömische Liturgie erfahren, ist der Ritus des Dominikanerordens. Eines seiner besonderen Markenzeichen ist sein Abwechslungsreichtum in der Komplet, die in der römischen Liturgie leider aufgegeben wurde. Ab heute singen die Predigerbrüder den über fünfzehnhundert Jahre alten Hymnus: Christe, qui lux es et dies.


1. Christe qui lux es et dies,
Noctis tenebras detegis,
Lucisque lumen crederis,
Lumen beatum praedicans.

Christus, du bist der helle Tag,
dein Glanz durchbricht die dunkle Nacht.
Du Gott des Lichtes kündest uns
das Licht, das wahrhaft selig macht.

2. Precamur sancte Domine,
Defende nos in hac nocte,
Sit nobis in te requies,
Quietam noctem tribue.

Nimm gnädig, guter Herr und Gott, 
uns diese Nacht in deine Hut;
laß uns in dir geborgen sein, 
in deinem Frieden ruht sich's gut.

3. Ne gravis somnus irruat,
Nec hostis nos surripiat,
Nec caro illi consentiens,
Nos tibi reos statuat.

Gib, daß nichts Arges uns bedrängt, 
der böse Feind uns nicht verführt,
und laß nicht zu, daß Geist und Leib 
vor deinem Auge schuldig wird.

4. Oculi somnum capiant,
Cor ad te semper vigilet,
Dextera tua protegat
Famulos qui te diligunt.

Dieweil die müden Glieder ruhn, 
bleib unser Herz dir zugewandt.
Wir sind dein Volk, das dir vertraut, 
beschütze uns mit starker Hand.

5. Defensor noster aspice,
Insidiantes reprime,
Guberna tuos famulos,
Quos sanguine mercatus es.

Sei deiner Diener eingedenk, 
die du mit deinem Blut erkauft.
Stärk uns durch deines Leidens Kraft,
wir sind auf deinen Tod getauft.

6. Memento nostri Domine
In gravi isto corpore,
Qui es defensor animae,
Adesto nobis Domine.

Gedenke unser, treuer Herr, 
da uns des Leibes Schwere hemmt.
Der Seele Schutz und Schild bist du,
Herr, sei bei uns mit deiner Huld.


Deutsche Übertragung nach der modernen Liturgia Horarum. Hörbar z.B. hier gesungen vom unglaublichen Giovanni Vianini.

Freitag, 20. Februar 2015

Nebenbei bemerkt: Freitag in der Fastenzeit ist Kreuzwegtag (und die XV. Station mal anders)

Kreuzwegstation zu St. Margareth, Augsburg

Ist die Theologie eine praktische Wissenschaft? (STh Ia q. 1 a. 5)

In der berühmt gewordenen Regensburger Rede unseres damals regierenden Papstes gibt es eine Passage, die vielleicht weniger bekannt ist. Er erinnert sich darin an ein Gespräch unter Wissenschaftlern an der Universität Bonn, wo einer der Akademiker meinte, an dieser Universität gäbe es etwas sehr Merkwürdiges: ganze zwei Fakultäten beschäftigen sich mit etwas, was es gar nicht gibt. Mit Gott.

So gesehen wäre die Theologie eine höchst unpraktische Wissenschaft, denn was nicht vernünftig ist, das hat auch eigentlich keinen richtigen Nutzen. Ein ganz kleines Bisschen könnte der hl. Thomas hier sogar zustimmen. Natürlich gibt es für ihn Gott und Ihn zu erkennen findet er überaus vernünftig. Aber in diesem Artikel sagt der Kirchenlehrer auch, dass die Theologie vor allem oder in besonderer Weise spekulativ ist, da hat der Zweifler das Wesen der Theologie richtig ausgemacht - aber ganz grundsätzlich ist sie spekulativ und praktisch.

Was heißt das jetzt aber nun?

Ephemerides traditionalisticae

1. Wenn man so ein bisschen alles kann, heißt das vor allem auch, dass man gar nichts richtig drauf hat.
2. a) Wenn man zwar nicht den fleischlichen Genüssen gänzlich entsagt hat, sich aber doch - weniger aus Frömmigkeit denn aus Eitelkeit - recht bescheiden ernährt, auch unter dem Jahr auf Süß- und Salzkram und überhaupt auf alles verzichtet, was nicht niedrig im carb und hoch im protein ist, sprich: jegliche Nahrungsmittel vermeidet, die überhaupt noch irgendeinen Geschmack haben ... dann weiß man nicht so recht, zu welcher Mahlzeit man noch sein ieiunium pflegen kann; befürchtend, dass das ganze bodybuilding und -shaping, was man ganz modern und mühselig für ein bisschen Muskulatur betrieben hat, Makulatur wird.
b) Selbst des hl. Alfons Maria Liguori Moraltheologie konnte mich aus dem Dilemma nicht erretten. Das dem am nächsten kommende dubium bezog sich auf die bald heiratende puella: Darob besorgt, dass sie durchs Fasten zur Hochzeit gar unschön deformiert dastehen könnte, stellt sich die Frage, ob sie nicht von von der quadragesimalen Enthaltsamkeit entschuldigt sei. Der hl. Alfons verneint aber und meint, die kirchlichen Fastengebote könnten schwerlich sichtbare Verunstaltungen zur Folge habe.
c) Syllogizo mal ganz ohne logische Stringenz, was wir wahrscheinlich ohnehin schon längst wussten:
Alle Mädchen sind um ihre Figur besorgt.
Aber die heutigen Männer sorgen sich um ihre Figur.
Ergo sind alle heutigen Männer Mädchen. Mich offensichtlich eingeschlossen.
Virilere Gründe für die Fastendispens sind übrigens eher was fürs Spätabendprogramm.
3. Und ausnahmsweise gehe ich mal mit dem regierenden Pontifex konform. Dass das mit der Reform der Reform nichts mehr wird, habe ich nämlich auch schon gesagt. Und was mir so alles zu "psychisch-moralisch unausgeglichenen Seminaristen der Tradition" einfällt, das behalte ich ex causa caritatis lieber für mich ...

Donnerstag, 19. Februar 2015

Das Verlangen der Gerechten

»In Gerechten, die noch nicht gänzlich von der Kirche eingenommen worden sind [d.h., die noch keine Heiligen sind - Anm.], je mehr die göttliche Liebe in ihnen heranwächst, um so mehr wächst auch die Sorge und die Verwirrung aus den Wunden ihrer alten Sünden und aus ihren täglichen Unzulänglichkeiten. Sie trachten danach, über die Grenze hin zu dem Vaterland zu gelangen, in dem sie endlich ihre eigene Schwäche verschwunden sehen, wo sie endlich fähig sind, Gott ohne Verrat und Zerteilung ihrer Herzen zu lieben. Sie sehnen sich nach der Zeit, in der sie nicht länger wiederfinden umzingelt von den Triumphen des Fürsten dieser Welt; wenn sich all die unüberwindlichen Unkenntnisse auflösen, die unüberbrückbare Hindernisse zwischen Seelen guten Willens und dem Verlangen nach Christus (der sie für die Kirche beansprucht); wenn sie ihre Geliebten nicht länger sterben oder kleine Kinder leiden oder die Lügen herrschen oder die Erde überzogen von Blut, Hass und Verzweiflung, oder irgendeinen Menschen seinem eigenen Verderben entgegengehen sehen. An all das denken sie, wenn sie das Pater noster sprechen oder den Schrei des hl. Paulus wiedergeben: Maranatha! Komm, unser Herr! (1 Kor 16,22), oder den des hl. Johannes: Ich, Jesus ... bin die Wurzel des Geschlechtes David, der helle Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! (Offb 22, 16f)«

Charles Journet: Theology of the Church. San Francisco: Ignatius Press 2004, S. 362f.

Gute Nachricht für alle deutschen Bäuche

Angestoßen von den Kommentaren auf einem Nachbarblog habe ich mir noch einmal angeschaut, was die prä- und postkodikarischen Moraltheologen so zum Fasten zu sagen haben. Interessanterweise unterscheiden sie sich fast nur* bezüglich der nicht mehr geltenden Abstinenz von Fleisch, die Freitage und Samstage natürlich ausgenommen, und der allgemeinen Erlaubnis von Eiern und Milchprodukten. Per Dispens war allerdings, gerade in hiesigen Landen, schon mindestens 100 Jahre vor Geltung des CIC 1917 diese Disziplin de facto üblich, tatsächlich war sogar häufig von der Samstagsabstinenz dispensiert, wodurch das neue Gesetzbuch also wieder eine größere Strenge brachte! Vielerorts hielt man sich aber dennoch daran, zumindest den Fleischgenuss aufzugeben ... sei es aus Frömmigkeit oder aus Unkenntnis über die gewährten Erleichterungen.

Fraglos sind sich alle einig, dass das Fasten eine sehr subjektive Sache ist, die mit Klugheit und nicht mit der Waage angegangen werden muss**. Als allgemeiner Richtwert wird aber nichtsdestotrotz für das Frühstück eine Menge von zwei Unzen (60g), für das Abendbrot acht Unzen (240g) angegeben, selbst für jene, die dadurch gesättigt werden würden.*** Nun aber die gute Nachricht. Nach Alfons von Liguori u.a. kann man für alle Germanen und diejenigen, die zumindest einen teutschen Magen haben, schon einmal eine Ausnahme machen und zwei Unzen drauflegen, dann sind wir bei ungefähr 300g! Allel ... äh, ich meine, laus tibi Domine, Rex aeterne gloriae!



*(zum alten kirchlichen Fastengebot gehörte zusätzlich noch das Einhalten der bestimmten Uhrzeit)
**(obgleich ich schon von manch altrituellen Gemeinschaften hörte, die die kleinen Mahlzeiten abwiegen ... )
***siehe Liguori, Lehmkuhl, Noldin, Prümmer, Aertnys-Damen, Merkelbach uva.
Bild: Benedikt H. Merkelbach, OP: Summa Theologiae Moralis. Ad mentem D. Thomae et ad normam Iuris Novi (Bd. II). Brügge: Desclée 1962, Sp. 958.

Mittwoch, 18. Februar 2015

Märtyrer vor Gott und der Kirche


Ich habe mich schon zur anhaltenden Diskussion über das Martyrium von Nichtkatholiken in den Kommentarspalten bereits aus einer gnadentheologischen und ekklesiologischen Sicht geäußert, diese frei Schnauze schnell dahingetippte Bemerkung, der natürliche eine akademische Rigidität fehlt, gebe ich hier nur leicht editiert wieder:
Es ist natürlich wichtig, die Lehre zu bekennen, dass außerhalb der Kirche kein Heil ist. Das ist auch der Sinn des Unionsdekretes von Florenz – man muss Christus angehören, seinem mystischen Leib, nur diese Arche kann retten und selig machen.
Aber die Gnade wirkt auch außerhalb der sichtbaren Kirche, da spricht man ja gerne, wenn auch etwas ungenau, von ihrer Seele. Sie geht dem Leib gewissermaßen voran, voraus, aber wo die Seele ist, da muss zumindest keimhaft auch der Leib sein. Bei Lebendigem kennen wir keinen anderen Zustand, wo der Körper ist, da ist auch die Seele. Und so befindet sich die Kirche in den getrennten Gliedern auf dem Weg der Verwirklichung, der Sichtbarwerdung, insofern dort Christus und die Gnade seines Hauptes wirkt.
Und wer könnte verleugnen, dass in den Märtyrern von Libyen Christus schon so verwirklicht wurde, in diesen “Kopten” die Kirche vollkommener war, als sie vielleicht in uns ist? Ich wage zu sagen: diese Blutzeugen waren katholischer als wir. Im Himmel sind sie es sowieso.

Da aber die Kontroverse - wenn man sie denn überhaupt so nennen kann - nicht enden will, stelle ich hier zusätzlich die Meinung des Heiligenspezialisten schlechthin vor, Benedikt XIV., und zwar via Dictionnaire de théologie catholique, das trotz seiner Einstellung 1950 nach wie vor als kaum verzichtbares Standardwerk der Theologie gilt. Somit hätten wir also eine vorkonziliare Quelle samt Gelehrtenpapst, der wohl wirklich nicht als falscher Ireniker gelten kann und mit der Strenge eines Kirchenrechtlers spricht. Meine Anmerkungen in eckigen Klammern:
Die falschen häretischen und schismatischen Märtyrer. (c. XX). – Wir können zwei Fälle unterscheiden, einmal stirbt der Häretiker, um seine Irrlehre zu verteidigen, oder aber er stirbt für eine mit dem wahren Glauben geteilte Lehre.
Der zweite Fall ist der interessantere, doch auch in diesem Fall wird das Opfer nicht als Märtyrer betrachtet, so Benedikt XIV., obwohl er für die Wahrheit starb, denn er starb nicht für die vom Glauben vorgestellte Wahrheit, da er keinen Glauben hat. Dennoch gesteht er ihm einen übernatürlichen, vom Glauben geformten habitus zu; diese Ansicht wird von den Theologen gemeinhin verworfen. Derjenige, der keinen Glauben hat, kann nicht für den Glauben sterben. Benedict XIV. spricht dann vom Häretiker invincibiliter [dem Häretiker in unüberwindlicher Häresie], d.h., der im 'guten Glauben' irrt - wenn er für einen wahren Glaubenssatz stirbt, kann er als Märtyrer gelten? Benedikt XIV. beantwortet die Frage mit einer wichtigen Unterscheidung: er wird zum Märtyrer coram Deo [vor Gott], aber nicht coram Ecclesia [vor der Kirche]. Er wird [zum Märtyrer] coram Deo, vorausgesetzt, er ist dazu disponiert, all das zu glauben, was ihm von der rechtmäßigen Autorität vorgestellt wird; denn dann ist er nach dem Wort des hl. Johannes schuldlos: "Si non venissem et locutus fuissem eis, peccatum non haberent" XV, 22 [Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde]; er wäre kein Märtyrer coram Ecclesia, die von außen richtet und seine äußerliche Häresie sieht, dazu gezwungen ist, auf seine innere Häresie zu schließen. 
Wir können sehen, wie die von dem eminenten Kanonisten vorgestellte Unterscheidung das Schwierigste zufriedenstellend beantwortet. Aber sobald es erlaubt ist, einen Häretiker invincibiliter, der für eine mit der katholischen Wahrheit übereinstimmende Lehre stirbt, als Märtyrer coram Deo anzuerkennen, muss er nicht auch anerkannt werden, wenn er mit der gleichen Ehrlichkeit für einen Irrtum stirbt, den er für einen Teil des christlichen Credo hält? Durch diese Beispiele sehen wir, dass das Konzept des auf den ersten Blick so klar und scharf definierte Konzept des Martyriums in Wirklichkeit doch viele Fragen offen lässt, die sich nur schwer mit Sicherheit beantworten lassen. 

Gleichwohl Papst Benedikt den Irrgläubigen nicht den, ich sage mal, titulus des Märtyrers verleiht - das tat nicht einmal Paul VI. bei den anglikanischen Märtyrern von Uganda - so spricht er dennoch von Märtyrern vor Gott. Für uns sollte das allemal reichen, denke ich, dass auch wir von Märtyrern sprechen dürfen. Und "dank" der modernen Technik und der furchtbaren Grausamkeit der Schlächter gab es wohl noch nie ein so universell sichtbares Glaubenszeugnis, eingeschrieben in Blut, im Sand, im Meer ... und doch bitte auch in unseren Herzen.

Quelle: René Hedde, O.P.: Art. Martyr, In: Dictionnaire de théologie catholique, Bd. 10. Paris: Letouzey et Ané 1928, Sp. 228. 

Auf dem Feldzug zum Mysterion

Da die Kirche heute in der außerordentlichen Form des römischen Ritus' zum Abschluss der Aschenbestreuung mit dem gleichen Gebet schließt, die in der ordentlichen Form als Kollekte Verwendung findet, habe ich einmal gewagt, einen Blick auf die deutsche Übersetzung zu werfen, wie sie uns heute landaus, landein in den Kirchen begegnen würde:

»Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich 
beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße. 
Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht,
damit wir dem Bösen absagen 
und mit Entschiedenheit das Gute tun.«

Das war dann so ein Moment zwischen Fassungslosigkeit und Bestürzung, der schmerzt. Manchmal kommt es mir so vor, als wolle man mit Absicht das Wenige, was uns von den Reichtümern des Glaubens noch übrig ist, auch noch nehmen, verarmen, entleeren. Zunächst dachte ich sogar, es könnte sich um einen Fehler handeln, denn die Oration ähnelt sehr der des 1. Fastensonntages. Ist aber keiner. Und als ich mir die Übersetzung vom 1. Fastensonntages (oF) anschaute, machte sich die nächste Enttäuschung ... oder viel mehr Bitterkeit breit, denn um enttäuscht zu werden, muss man überhaupt noch etwas erwarten können. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Schauen wir uns das Original (MR 1970/2002) an:

»Concede nobis, Domine, praesidia militiae christianae
sanctis inchoare ieiuniis,
ut, contra spiritales nequitias pugnaturi,
continentiae muniamur auxiliis.« 

Und damit wir vernünftig mit dem Text arbeiten können, auch schon einmal die Übersetzung aus dem altem Schott:

»Laß uns, o Herr, den Wachtpostendienst des christlichen Kampflebens 
durch heiliges Fasten antreten, 
damit wir im Kampf mit den bösen Geistern
in der Enthaltsamkeit Halt und Hilfe haben.« 

Schon ein klein bisschen anders, oder?

Es scheint mir ziemlich offensichtlich zu sein, dass die Übersetzer des Neuen Messbuches jegliche Termini technici aus dem Soldatenhandwerk vermeiden wollten. Dabei ist es gerade die älteste Tradition der Christenheit, das geistliche Leben als beständigen Kampf zu betrachten. In diesem Gebet vernehmen wir den Nachklang, das Echo von Epheser 6, 10ff.

Militia ist der Kriegsdienst, das Kampfleben, wie hier im Genitiv vor allem der Feldzug. Es ist nicht irgendein Feldzug, keiner der vielen Kriege, die die Welt immer wieder geißeln. Hier ist die Rede von dem Krieg, der als einziger immer und ohne Zweifel als bellum iustum gelten kann: der Kampf gegen Mächte und Gewalten.
Das praesidium, der Schutz, der Posten, lässt an die Disziplin der römischen Legionen denken, die auf dem Feldzug nie ohne Schanzwerkzeug unterwegs waren. Selbst nach den Anstrengungen von vielen Gewaltmärschen warfen sie vor der ersehnten Nachruhe erst einen Wall auf, richteten Wachstellungen ein. Die Parallele zum Christenleben ist nicht zu übersehen. Dieses Leben ist die Zeit des Feldzugs, des auf-dem-Weg-Seins, nicht die Zeit der Ruhe und des Friedens. Wollen wir die genießen können, müssen wir uns zunächst rüsten, bereitmachen, wachen.

Um diesem Motiv treu zu bleiben, ließe sich munire auch besser mit befestigen übersetzen, aber natürlich ist die geistliche Burg auch unser Halt und unser Schutz.
Auxilium ist die Hilfe, der Beistand, im abstrakten wie im konkreten Sinne. Aber im militärischen Kontext der Antike denken wir an die leichten Hilfstruppen, welche die Vorhut und den Flankenschutz der schweren Legionäre bildeten. Das Fasten lässt sich somit sehen als unsere Hilfstruppe, als unsere Unterstützung im Streit gegen die Welt, den Teufel, das Fleisch - es ist niemals Selbstzweck, sondern Mittel zum Ziel. Dieser Gedanke durchzieht die gesamte Oration.

Die Logik des Gebetes ist nämlich Folgende: Wenn Gott unserem Fasten Heiligkeit gewährt, dann wird die Enthaltsamkeit uns im Kampf gegen die bösen Geister - innere und äußere - ein Halt und eine Hilfe sein.

Aber noch einmal zurück zum militärischen Motiv, das wir so oft in Gebeten, Hymnen, geistlichen Texten finden. In der Sekret der aF taucht noch ein weiteres, in diesem Kontext besonders wichtiges Wort auf: Sacramentum.*
Auf den ersten Blick könnte man vielleicht meinen, hier ginge es um das Sakrament des Altares, um die Feier der hl. Eucharistie. Aber vor allem redet die Liturgie hier in der Sprache der Kirchenväter, für die das ehrwürdige Sakrament das Osterfest selbst war. Heute beginnen wir also die Heilszeit, das sacramentum quadragesimale.

Lange bevor das Wort Sakrament ausschließlich für unsere sieben Sakramente stand, bezeichnete es alle heiligen Handlungen und Zeichen - in dem Wissen, dass sie alle Ihn, Christus, als Urheber und Quell haben. Das lateinische sacramentum übersetzt das griechische mysterion, das Geheimnis. Aber zunächst, erst Tertullian sollte das Wort in den christlichen Dienst stellen, war das sacramentum der Treueid der Soldaten, die Verpflichtung zum Kriegsdienst.
In der griechisch-lateinischen Synthese kommen schließlich beide Elemente zum Ausdruck. Wenn wir also von der heiligen Fastenzeit sprechen, diesem Sakrament in Christus, dann meinen wir sowohl das geheimnisvolle Wirken Gottes in uns, als auch unsere moralische Verpflichtung, unsere Einwilligung in seine Werke - unseren christlichen Treueschwur.

Im Keim stecken hier auch die Christusmysterien, das arcanum Christi. Im sacramentum der vierzig Tage wollen wir in das mysterion des Gesalbten eindringen, und seinem Beispiel in der stillen Heimlichkeit der Wüste folgen. Von einem Blickwinkel aus gesehen - es ist der, den die Kirche uns besonders in der oF darstellt - ist der Fastenfeldzug der Weg in das Geheimnis Christi. In der aF sehen wir im Fasten selbst schon die imitatio Christi, der Beginn des mysterium paschale, des Ostergeheimnisses in unseren Seelen.


*»Fac nos, quaesumus, Domine, his muneribus offerendis convenienter aptari: quibus ipsius venerabilis sacramenti celebramus exordium.«
Wir bitten Dich, o Herr: bewirke, daß wir uns geziemend diesen Opfergaben anpassen, mit denen wir den Beginn dieses ehrwürdigen Geheimnisses selbst feiern.

Die deutsche Übersetzung des Tagesgebetes ist dem Angebot der Erzabtei Beuron entnommen.

Dienstag, 17. Februar 2015

Quarantore und der schlechte Grund


Wo früher karnevalistischen Kehraus noch vor den Kirchtüren stattfand, ist die närrische Zeit inzwischen schon längt in die leergefegten Kirchen eingekehrt - ob auf Einladung oder wie der Rauch des, na, ihr wisst schon wer, langsam durch die Ritzen und Spalten, das vermag ich nicht zu sagen. Fast noch komischer mutet aber an, wenn in der gleichen communio hier Fastnachtsmesse und dort vierzigstündiges Gebet angesagt ist ... aber nun denn.

Ich gebe zu, ein klein wenig fürchte ich mich da auch vor einer holier-than-thou-Attitüde, wir hier, in des Nachts fest verrammelter Kirche heiliger Rest, dort draußen, die Sünderschar. Und ich kam mir selbst ziemlich wohlgefällig katholisch vor, als ich allein mit dem Brevier bewaffnet durch die dunklen Gassen marschierte. Dabei habe ich von der Fastnacht nicht viel mitbekommen, ich glaube, in meinem heimatlichen Viertausendeinwohnernest werden die Straßen voller gewesen sein - zumindest waren sie das, als ich dieselben noch unsicher machte. Aber das will ich mal nicht übel nehmen.

Zurück zum Scheinheiligenschein. Natürlich liegt da nicht die Intention der Kirche. Wenn wir Sühne leisten, dann aus der Überfülle unseres eigenen zerknirschten Herzens. Erst müssen wir unseres eigenen Sünderdaseins eingedenk sein, dann erst für die anderen flehen. Und dann wird uns auch die Gesinnung des Erlösers zu eigen, die so ganz unselbstherrlich ist. Für andere bitten, heißt sich selbst zurückzustellen, und dadurch einen zweifachen Sieg erringen: durch Gott für uns und den Nächsten. Das Absterbenlassen der Grundneigung des Egoismus, die so tief in der gefallenen Menschennatur steckt, macht unseren Seelengrund nicht kahl, sondern fruchtbar: "Wenn das Weizenkorn nicht zur Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht"  (Joh 12, 24). Hier müssen wir vorsichtig sein und die Geister recht unterscheiden. Schnell kann man sich einbilden, eine glühende Liebe für Gott zu haben. Wenn da aber nur Strenge und Tadel für die Fehler des Nächsten folgt und Blindheit für die eigene Schwäche - so schnell entschuldigt, gerechtfertigt, verteidigt - dann ist alles nur Schein und Äußerlichkeit. Johannes Tauler beschreibt das in einer seiner Predigten sehr schön:
»Solange ihr euch selbst sucht, für euch selbst tätig seid und Vergeltung und Lohn für eure Handlungen fordert und es nicht ertragen könnt, bei den übrigen für das zu gelten, was ihr seid, bleibt ihr in einer Täuschung und einem bemitleidenswerten Irrtum. Wenn ihr jemand wegen seiner Fehler verachtet und denen, die nicht nach euren Grundsätzen leben, vorgezogen werden wollt, so kennt ihr euch selbst nicht, ihr wißt nicht um den schlechten "Grund", der in euch ist.« 
Wenn wir in der rechten Gesinnung bitten und sühnen, dann nehmen wir Teil am Leiden Christi. Mehr noch, wir nehmen Anteil an Christus selbst und nehmen zu in unserer Gottebenbildlichkeit. Das innere Gottesleben ist ja selbst fruchtbar, überströmend, sich immer wieder selbst schenkend. Achten wir aber darauf, dass es ein echter Liebeseifer ist, der uns antreibt, und der erst recht auch aus unserem Beten folgt. Dann ist der gute Grund gelegt, und der Beginn des ewigen Lebens in unserer Seele.


Zitat: Johannes Tauler: Unterweisungen. Kapitel 3. Nach: Reginald Garrigou-Lagrange: Des Christen Weg zu Gott. Aszetik und Mystik nach den drei Stufen des geistlichen Lebens (Band 1). München: Schnell und Steiner 1957, S. 499.
Bild: St. Margareth, Augsburg. 

Montag, 16. Februar 2015

Was die Alten einst gebetet: Aperi, Domine

Fortsetzung von hier.

Wie das Sacrosanctae nach den Horen, war dies Gebet dereinst löblicherweise vor Beginn des Offiziums zu verrichten:


»Öffne meinen Mund, o Herr, und hilf mir Deinen hl. Namen preisen! Reinige mein Herz von allen eiteln, bösen und wandernden Gedanken. Erleuchte den Verstand, entzünde meinen Eifer, damit ich dies Offizium würdig, aufmerksam und andächtig verrichte, und Erhörung finden möge vor dem Angesichte Deiner göttlichen Majestät. Durch Christus unsern Herrn. Amen.
O Herr, in Vereinigung mit jener göttlichen Meinung, mit der Du selbst auf Erden Gott Dein Lob darbrachtest, opfere ich Dir diese Horen (oder diese Hore) auf.«

Bild: Horae Diurnae S.O.P., Rom 1956. 

Wird in der Theologie gestritten? (STh Ia q. 1 a. 8)


Würde man die einleitende Frage des 8. Artikels so übersetzen, würde die Antwort wohl leicht fallen. Theologen streiten wie die Kesselflicker. Hier geht es aber darum, ob die Thesen der heiligen Lehre beweisend dargelegt werden, ob sie eine echte Überzeugungskraft haben. Das scheint nämlich erst einmal nicht so zu sein, schließlich sprechen wir ja vom Glauben, nicht vom Wissen.

Thomas antwortet in drei Schritten:
1. Die sacra doctrina geht beweisführend (argumentierend) vor, aber nicht um ihre Prinzipien, sondern um ihre Schlussfolgerungen zu beweisen. 
Diesen Punkt habe ich schon mehrfach angeführt, aber es ist gut, das noch einmal zu wiederholen. Hier haben wir nämlich das Fundament der Theologie als Glaubenswissenschaft. Wie jede andere Wissenschaft kann und will sie ihre Prinzipien nicht beweisen. Dafür fehlen ihr schlichtweg die Mittel. Schauen wir uns zum Beispiel die Naturwissenschaften im Allgemeinen an. Sie führen, vereinfacht gesagt, all ihre Ergebnisse auf die Naturgesetze zurück. Was aber ein Naturgesetz ist, wie bzw. wodurch es seine Wirksamkeit hat und woher es stammt, darüber müssen sie schweigen. So verhält es sich auch in der Theologie, nur statt der Naturgesetze haben wir gewissermaßen die Gottesgesetze. Und die muss man glauben.
2. Dadurch verteidigt sie Schlussfolgerungen aus geoffenbarten Wahrheiten, die von Gegnern zugestanden werden. 
Auch hier haben wir wieder eine grundsätzlich wissenschaftliche Vorgehensweise, die schon Aristoteles kannte. Wenn einer die Autorität der Heiligen Schrift, der Glaubensartikel anerkennt, oder zumindest einen Teil davon, kann auf dieser Ebene diskutiert werden. Man braucht nicht mit der Bibel auf den Tisch zu hauen, wenn sie für den Gegenüber nicht das Wort Gottes ist. Dann bleibt nur noch der nächste Schritt:
3. Sie löst die Einwände und Gegenargumente derjenigen auf, die nichts von der göttlichen Offenbarung einräumen.
Ganz schlicht drückt Thomas diesen Gedanken auch in seinem Boetius-Kommentar aus: "In der Heiligen Lehre können wir die Philosophie anwenden (...) um dem zu widerstehen, was gegen den Glauben gesagt wird, indem man entweder aufweist, dass es falsch ist, oder indem man aufweist, dass es nicht notwendig ist."* Nach diesen drei Schritten haben wir im Keim schon die ganze Lehre von den loci theologici, die Orte oder Quellen theologischer Erkenntnis, die Melchior Cano berühmt gemacht hat. Doch zunächst ein kleiner Schritt zurück, wir wollen nämlich noch herausfinden, was es mit dem Lösen von Einwänden auf sich hat. Cajetan gibt die Antwort: Eine These zu beweisen heißt nichts andere, als Beweise argumentativ vorzulegen. Die Auflösung eines Einwands aber benötigt keine Beweise - es reicht aus, dass sie dem Einwand seine Überzeugungskraft raubt.**

Ich denke, es ist sofort klar, wo wir uns am ehesten mit dem Auflösen von Einwänden beschäftigen. Nämlich in den Glaubensgeheimnissen. Wir können die Dreifaltigkeit nicht beweisen, aber wir können aufzeigen, dass die Gegenseite nicht das Gegenteil beweisen kann, also etwa, dass die selbe unendliche Natur nicht mehreren Personen angehören kann - auch, wenn das für eine endliche Natur gelten würde. Thomas: Was Glaubenssache ist, kann durch die Autorität alleine denen bewiesen werden, die sie anerkennen. Bezüglich aller anderen gilt als ausreichend, dass die Lehre des Glaubens nicht unmöglich ist. 
Wir sind vernünftigerweise von den Mysterien des Glaubens überzeugt, weil sie geoffenbart sind, nicht das Gegenteil bewiesen werden kann und es Angemessenheitsgründe für sie gibt.

Wie sich andere Wissenschaften ihr untergeordnete Wissenschaften bedienen, z.B. die Metaphysik der Logik, so verhält es sich auch in der Glaubenswissenschaft. Sie verteidigt die Glaubwürdigkeit der Glaubensmysterien, etwa aus der Geschichte und Philosophie, damit die Ungläubigen zur Tatsache der Offenbarung gelangen und auf diesem Wege Gott einen vernünftigen Dienst erweisen können (Röm 12, 1).
Nichtsdestotrotz ist die der Theologie ganz eigentümliche Methode des Beweisführung die aus der Autorität. Soviel sie auch von der menschlichen Vernunft Gebrauch macht, bleibt Glaube Glaube, und der kommt von Gott, dem Höchsten.

Die klassische Aufteilung der loci theologici, die Melchior Cano dem behandelten Artikel entnimmt, stellt sich (von mir etwas dilettantisch zusammengekritzelt) wie folgt dar:


Es ließe sich noch bemerken, dass sich die Autorität der Kirche in die des ordentlichen Lehramtes und des im Konzil versammelten außerordentlichen Lehramtes aufschlüsselt. Soviel erst einmal wieder für heute!

*Com. in Boetium de Trinitate, q. 2. a. 3
**Com. in art. 8, no. 4 (paraphrasiert)
Bild: Leoninische Summenausgabe. Ich habe leider versäumt, mir genaue Angaben zu notieren, aber es dürfte sich um einen Druck der S. C. de Propaganda Fide in Rom aus dem Jahr 1888 handeln.

Sonntag, 15. Februar 2015

WDTPRS: Lateinschule am Sonntag [updated]

Im Advent habe ich eine kleine Serie über die Theologie jener liturgischen Zeit geführt. Das ist mir vielleicht nicht ganz so glücklich gelungen, aber zumindest kam ich dazu, dass ich mich selber verstärkt mit den liturgischen Formularen beschäftigt habe, die ja gewissermaßen der Mund der Kirche sind. Bei aller Liebe zu sicher notwendigen Unterweisungen im Glauben, sollte man doch nicht vergessen, dass die Liturgie der allererste Religionsunterricht ist. Nicht Beiwerk, sondern Mittelpunkt und Quell. Und wenn es nicht nur Lippenbekenntnis sein soll, dass unser ganzes Glaubensleben daraus sprudelt ... dann müssen wir uns doch vielleicht noch etwas eingehender damit auseinandersetzen. Zumindest bei mir ist das der Fall.

Wie dem auch sei, ich weiß noch nicht, ob ich es zeitlich hinkriege, aber eventuell werde ich eine ähnliche Serie auch in der Fastenzeit führen. Heute aber auf jeden Fall schon mal ein kleiner Vorgeschmack.

Kollekte von Quinquagesima:
Preces nostras, quaesumus, Domine, clementer exaudi: atque, a peccatorum vinculis absolutos, ab omni nos adversitate custodi.
Deutsche Übertragung nach Anselm Schott:
Wir bitten Dich, o Herr: erhöre gnädig unser Flehen; löse uns von den Banden der Sünde und behüte uns vor allem Unheil. Durch unseren Herrn.

Fr. Zuhlsdorf analysiert die Orationen beider römischen Missale vor allem durch eine genaue Betrachtung des wörtlichen Sinnes und daraus folgender Interpretationen. Das ist würdig und recht, aber es gilt auch, die Rhetorik der Kollekten zu betrachten.
Da fällt zuallererst auf, dass der erste Teilsatz umgedreht ist. Das Gebet beginnt mit dem Objekt des Imperativs exaudi, erhöre, das ganz hinten steht. Dieses rhetorische Mittel begegnet uns häufiger in Bußzeiten, auch im Advent, und hat auch hier wieder den gleichen Zweck. Es betont sowohl Preces nostras, unsere Gebete, als auch exaudi und damit die Dringlichkeit, die Not der Bittsteller. Das Adverb clementer, gnädig, nimmt ein wenig von der ungeduldigen Eile; der Sprecher holt Luft und wird sich bewusst, wen er da bittet. Wieder am Ende steht ein weiterer Imperativ, custodi, behüte. Jetzt fällt auf, dass ein Höflichkeitswort wie clementer fehlt. Dadurch steigt die Intensität, die Eindringlichkeit des Gebetes.

Vinculis übersetzt Schott mit Banden. Das ist auch grundsätzlich richtig, aber die Pluralform suggeriert hier vor allem eine besondere Art von Banden: die Fesseln oder Ketten der Gefangenen. Von dieser Art ist nämlich unser Verhältnis zur Sünde, nicht wie ein glückliches Band, dass uns etwa an eine geliebte Person bindet - sondern wie verhasste, zu Boden ziehende Fußeisen.
Das Fehlen eines Possessivpronomens bei peccatorum vinculis, den Fesseln der Sünden (auch wenn es im nos nachgereicht wird) legt außerdem nahe, dass es hier nicht nur um unsere eigenen Verfehlungen geht, sondern um alle Folgen der Ursünde.

Absolutos, gelöst wurden, vor nos, uns, gesetzt aber doch getrennt, nimmt eine Parallelstellung zu custodi, behüte, ein. Das legt eine zeitliche oder kausale Abfolge nahe: zuerst bitten wir Gott darum, uns von den Fesseln der Sünden zu befreien, dann erst können wir um Schutz vor Unheil bitten.
Hier finden wir noch eine zweite räumliche Trennung zwischen omni, allem, und adversitate, Unheil, wodurch omni besonders betont wird. Ein Blick in Georges lateinisch-deutsches Handwörterbuch verrät, dass omnis nicht nur als "alles", sondern auch als "jegliches (andere)" gelesen werden kann. So versteht sich der zweite Teilsatz wie folgt: Behüte uns vor dem Unheil der Sünde, aber auch vor allem anderen Unheil.

Slavishly accurate translation:
Unsere Gebete, wir bitten Dich, o Herr, gnädig erhöre: und, (wenn wir) von den Fesseln unserer Sünden befreit (wurden), schütze uns vor jedem Unheil. 

UPDATE: Mit Upgrade! In Professionell gibt es das Ganze nämlich nochmal drüben bei per speculum in aenigmate, dessen Autor mein bescheidenes Laienwerk ganz virtuos in den Schatten stellt. Ihm sei angesichts der Tageslesung außerdem zum Patronatsfest gratuliert!

Samstag, 14. Februar 2015

Zwei Rubrizisten, ein Gedanke

Wo wir gerade schon mal bei der Disziplin sind, in der man die Verschiedenheit von Latria, Hyperdulia und Dulia nicht theologisch begründet, sondern am Winkel der Kopfverneigung feststellen kann ... so stieß ich gestern zufällig auf ein Zitat des bedeutenden Rubrizisten Joseph Haegys, dessen Hauptwerk ich hier natürlich auch herumliegen habe:
»Die Frömmigkeit eines Priesters mißt sich nicht an der Länge seiner Memento, sondern  am Grad seines Gehorsams gegenüber den Rubriken.«
Sag ich doch!

(Und bevor jemand meckert: Jaja, ich habe es auch schon anders herum gesehen ... )

Aus Échos de Santa Chiara (Zeitschrift des franz. Seminars in Rom). Nr. 45 S. 105. Zitiert nach Bernard Tissier de Mallerais: Marcel Lefebvre. Die Biographie. Sarto Verlag 2008, S. 74.

Zum Valentinstag: Wie Katholiken küssen

1. Was auch immer geküsst wird, muss mit den Lippen berührt werden.
2. Die Küsse sollen nicht hörbar sein.*

So geht es natürlich auch: die Pax 
Als passionierter (leider pensionierter) Zeremoniar bin ich mit der gut-katholischen Art und Weise des Küssens recht vertraut - abgesehen von den oben abgetippten Regeln gilt nämlich für uns vor allem eins: geküsst wird oft und viel! Eigentlich doch eine super Sache, denn wer küsst schon nicht gerne? Und die Liturgie hält da eine große Bandbreite parat:


Kollege Andreas erinnerte mich mit seinem jüngsten Tagessplitter an eine Passage im Zeremonienbüchlein des englischen Universalgelehrten und Rubrizisten Adrian Fortescue. Als komprimiertes, leicht verständliches und in Landessprache verfasstes Handbuch hat es sich in den letzten Jahren fast weltweit zum Standardwerk in dieser Disziplin gemausert. Die aktuelle Auflage von 2009 wurde vom Benediktiner Alcuin Reid überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht (und kann z.B. bei diesem großen Versandhändler erworben werden).
Bevor es aber richtig losgeht, widmet sich der Engländer in den ersten dreißig Seiten zunächst mal einem Verriss fast aller bis dato gebräuchlichen Rubrizisten und mäkelt dann noch ein wenig am Römischen Ritus seiner Zeit herum. Unter anderem auch an den Küssen:
Two points occur which one might hope the authorities would simplify. One ist the constant kissing. Certainly this is a very ancient sign of reverence; in some few cases, as for instance, to kiss the hand of a bishop, no one would wish to see it abolished. But would not the actions gain in dignity if the endless kissing of objects and of celebrant's hand by the deacon ceased? At such a simple action, so sontantly repeated, as the deacon performs incensing, are eight "solita oscula". He has to kiss the spoon, the hand, the hand, the spoon; the thurible, the hand, the hand, the thurible. If only from the point of view of artistic effect these repeated inclinations of the head are not graceful. If all kissing were reduced to the chief cases of the paten and chalice and, at certain more important moments, of the hand of a bishop, the general effect of a ceremony would be calmer, and the osculum would become a more real sign of respect.**

Hm, anscheinend küsst doch nicht jeder so gerne wie ich ...


*Felix Zualdi: Caerimoniale Missae Privatae. Turin: Marietti 1922, S. 7.
**Adrian Fortescue: The Ceremonies of the Roman Rite described. London: Bournes, Outes and Washbourne 1920, S. xix.
Abbildungen aus: J.B. O'Connell: The Celebration of Mass. A Study of the Rubrics of the Roman Missal. Milwaukee: The Bruce Publishing Company 1947, S. 623 u. 282. Messe in Prinknash Abbey, England, Kongregation von Subiaco.

Freitag, 13. Februar 2015

Und das Übel existiert doch - außerordentl. Thomaskommentar (De Malo)

Der Thomasleser schreibt in seinen letzten beiden Artikeln über das Böse, das es als solches nicht gibt. Auch wenn es meine Überschrift nahelegen würde, widersprechen kann und will ich ihm nicht. Damit würde ich ja nicht zuletzt auch unserem gemeinsamem Meister widersprechen. Viel mehr will ich seinen Kommentar noch etwas präzisieren, oder einfach nur anders ausdrücken.
Und wenn es mir gelingt, soll demnächst auch mal wieder ein weiterer Teil meines schon wieder so lange brachliegenden "ordentlichen" Thomaskommentars erscheinen. Aber nun denn:

Wir müssen doch sagen, dass das Übel existiert! Wäre es nicht ein verquerer Blick auf die Welt, wollte man die Existenz des Übels einfach verneinen? Was würde da aus Krankheit, Elend, Not und Tod? Doch tatsächlich tun das manche, wie die sogenannte "Christliche Wissenschaft", die sich weigert, die Realität des Übels anzuerkennen. Nichts mehr als ein Traum ist alles Schlechte, sagen sie. Auf die Spitze getrieben müsste man die ganze Welt Schein nennen und das Sein selbst leugnen.
Andere Philosophen halten es nicht weniger schlimm, für einen Spinoza gleichen die Übel Bausteinen der Welt, die uns nur übel vorkommen - in Wirklichkeit, das heißt in den Augen der Weisen, sind sie aber Güter, und keine geringen! Bei Hegel ist es nicht viel anders.

Wir Thomisten sagen aber doch: Ja, das Übel existiert! Aber nicht so, wie das Sein existiert. Letzteres existiert wie eine positive Realität, die Übel nur als Beraubung. Wir können sagen, das Leben ist, die Sehkraft ist, und der Tod ist und die Blindheit ist. Hier haben Sein und Existenz aber nicht die gleiche Bedeutung. Thomas erklärt, dass das Wort "sein" eine zweifache Bedeutung hat. Es kann die Natur, den Bestand, die Positivität (quid est) des Seins bedeuten, das man aussagt. Aber in diesem Sinne ist das Übel, die Beraubung nicht. Das "sein" kann aber auch einfach heißen, dass eine Aussage wahr ist, als Antwort auf die Frage: Ist etwas oder ist etwas nicht? Ist diese Auge blind oder ist es nicht? Und in genau diesem Sinne ist das Übel, aber ohne dadurch eine Wirklichkeit zu sein. »Das Übel ist zwar in den Dingen, jedoch als Beraubung und nicht als etwas Wirkliches.«*

Hier haben wir, was der auf diesem Blog vielzitierte Kardinal Journet, ein weiterer getreuer Thomasleser, das Paradox des Übels nennt: »Es besteht in der furchtbaren Realität seiner privativen Existenz.« Es "ist" ohne zu "sein".
Man kann nicht versuchen, ein dem Guten konträr entgegengesetztes Ding gleicher Gattung als Definition des Übels zu begründen. Denn der krasseste Gegensatz im Sein ist nicht das Gegensätzliche, das Konträre - sondern die Beraubung.

Wenn man das Sein nicht versteht, versteht man auch das Übel nicht. Man muss das Recht des Seienden auf Unversehrtheit verstehen, sein Gesetz, das zu sein, was es ist oder vollkommen das zu werden, was es bereits keimhaft ist. Versteht man das, hat man auch das Übel verstanden. Geht dieses Wissen verloren, so verliert man auch den Sinn für das Übel. Das ist das furchtbare Problem der Ethik unserer Tage.

Natürlich ist es schwierig, dem Übel gleichzeitig Existenz und Nichtbestand zusprechen zu wollen. Aber nur so löst man alle Schwierigkeiten - die Illusion eines Spizonas, die Gott fern vom Übel rückt; oder aber, das Übel zum Ding zu machen und es somit zu nahe an Gott zu stellen. Der bereits zitierte Kardinal schreibt, nur das Christentum, dass »die abgrundtiefen Höhen Gottes kannte«, konnte das Übel so tief analysieren, und der Welt den Sinn seiner Definition als Beraubung aufzeigen. Ich denke, damit hat er Recht.


*Malum quidem est in rebus, sed ut privatio, non autem ut aliquid reale. (Mal I 1 ad 20)

Denzinger mit Beipackzettel

Dieser Beitrag wurde angeregt durch den Denzingererwerb beim Kollegen nebenan

Der »Denzinger« ist ein Buch, über das schon Bücher geschrieben wurden. Kaum ein anderes hat die Theologie des letzten Jahrhunderts entscheidender geprägt. Aber auch die Theologen prägten den Denzinger. Als Heinrich Denzinger 1854 das erste Enchiridion Symbolorum herausgab, war die Zeit der Quellenstudierer angebrochen, der positiven Theologie. Vorbei war die Herrschaft der Universitäten, des akademischen Lehramtes. Der Hw. Herr Professor verlor sich dabei aber nicht in der Geschichte, wie etwa sein Zeitgenosse Ignaz Döllinger, sondern machte seine Quellensammlung auch zum Instrument des sich immer klarer definierenden päpstlichen Magisteriums.
Die Zeiten wandelten sich und der Denzinger mit ihnen. Ab der 10. Aufgabe übernimmt Clemens Bannwart aus dem Jesuitenorden die Regie, sein Mitbruder und Mitarbeiter Johannes Umberg wird nach ihm das Zepter übernehmen. In dieser Zeit, gut fünfzig Jahre sind vergangen, ändert sich das Angesicht des Denzingers so stark, dass man in ihm die erste Auflage kaum noch wiedererkennen kann. Bannwart gibt ihm nicht nur wichtige Werkzeuge wie umfassende Register und Fußnotenapparate in die Hand, sondern dem ganzen Werk auch ein neuscholastisches und antimodernistisches Gepräge.
Der Denzinger bleibt weiterhin in der Gesellschaft Jesu zu Hause. Nach einem kurzen Rahner-Intermezzo übernimmt Adolf Schönmetzer die Regie. Wir sind bereits im Jahr 1963 und in der 32. Auflage. Wieder wird die Quellensammlung ein Kind seiner Zeit, diesmal in Form des Einzugs der Nouvelle Théologie, der Fokussierung auf Primat und Antimodernismus muss Ökumenismus, Freiheit, Menschenrechten weichen. Andere sagen, unter Schönmetzer wurde der Denzinger erstmals wirklich wissenschaftlich.
Neue Arbeit machte dann das II. Vatikanum und der allgemeine Verfall der Latinität, durch den Übersetzungen in Landessprachen notwendig wurden. Seit 1991 steht der Denzinger unter der Regie des erbitterten Ratzinger-Widersachers Peter Hünermann, erneut wird die Quellensammlung umfassend überarbeitet. Momentan befindet sich der Denzinger in seiner 44. Auflage.

Ganz amüsant finde ich die Anleitung zum Gebrauch des Denzinger, den die Hünermann'schen Editionen gleichsam als Beipackzettel zieren. Gefahren gar werden genannt, doch keine Bange, Yves Congar ist zur Stelle und spendiert einen Leitfaden für den Theologen von heute. Nicht »oberflächlich-naiv, gedankenlos« solle man den Denzinger benutzen. Man müsse sich des Eindrucks erwehren, ein »Überwesen« namens Lehramt stünde schulmeisterisch über uns allen ... und Obacht, viel mehr päpstliche Verkündigungen fände man hier als die Ergebnisse von Partikularsynoden und Co. Ferner sei der Denzinger keine juridisches Gesetzbuch, undsoweiterunsofort. Recht hat er natürlich, der Congar ... aber wem das nicht von vornherein klar ist, der sollte den Denzinger am besten nur von Ferne bewundern. Aus dem Denzinger-Missbrauch folge die Denzinger-Theologie, so der Kardinal. Auch dem stimme ich zu. Aber wer missbraucht ihn denn jetzt wirklich?

Ich glaube immer mehr, die wahren Denzingerkatholiken sind gar nicht die Konservativen, die Ewiggestrigen, sondern die sogenannten Progressiven. Denn sie suchen ständig nach einem nominellen Festhalten an den Glaubenswahrheiten, einem theologischen Minimalismus, den Denzingernummern, aber nur um eine Möglichkeit zu finden, den gleichen Glauben weitestgehend zu untergraben oder die Orthodoxie von der Orthopraxie zu trennen. Und das ist wiederum nichts anderes als eine Wiederbelebung - sofern er jemals verstorben war - des alten Modernismus und des Liberalismus, den Kardinal Billot charakterisiert als »vollkommenen und absoluten Widerspruch aufgrund des Gegensatzes, den seine Anhänger zwischen Prinzipien und Praxis aufstellen; denn die Prinzipien, die sie angeblich gelten lassen, sind nichts anderes als praktische Handlungsregeln, die sie nicht gelten lassen wollen.«* Wer kann da nicht an die Lehre Kaspers denken?

Aber jener Denzingerkatholizismus findet sich aktuell überall im Leben der Kirche. So kann man in der Feier der hl. Messe allenorts jeden abusus erleben, aber die Wandlungsworte werden doch vom Priester ausgesprochen, alles was zur Materie und Form gehört ist da. Der Pfarrer kann auf das Konzilsdekret verweisen, alles ist gültig und insofern rechtmäßig. So wird der Denzinger zum Hebel, um die Gesamtheit des christlichen Glaubensgutes, mehr noch, das gesamte Glaubensleben aus den Angeln zu reißen. Um das Falsche - zunächst! - mit dem Richtigen in seiner vermeintlichen Reinheit zu untermauern, dazu werden dieser Tage die Äußerungen des Lehramtes gebraucht und zur Rechtfertigung der gröbsten Irrtümer missbraucht. Eine Theologie des »es ist ja noch gültig«, des »besser als gar nichts« und »die Lehre hat sich ja nicht geändert«. Und erstmal bleibt alles dem Schein nach orthodox, die Prinzipien werden nicht angerührt. Nur die Praxis.

Das ist die Denzinger-Theologie von heute.


*De Ecclesia Christi. Tom. II. De habitatione Ecclesiae ad civilem societatem. Rom 1910, S. 57 (q. 17 a. 2 § 3).

Donnerstag, 12. Februar 2015

Die Taube, die des Ölbaums Blatt



Zweierlei Dinge ließen mich heute an den Hymnus Robens rosa tunc palluit aus dem Birgittenbrevier denken, den der Orden zur Freitagskomplet singt. Zum einen das Fest der Servitengründer, die besonders eifrig die Andacht zur Schmerzensmutter verbreiteten, zum anderen die Geschichte von der Sintflut, Noë und der Arche, die dieser Tage von der Kirche gelesen wurde. In der vorletzten Strophe nennt die hl. Birgitta - sie soll dem Petrus Olavi unter anderem diesen Gesang diktiert haben - die von Noë ausgesandte Taube ein Bild Mariens.
Den Laudeshymnus aus dem gleichen Brevier habe ich im vergangenen Jahr hier eingestellt.

Rubens rosa tunc palluit,
Dum nati mortem doluit
Virgo, quem vox prophetica
Dixit passurum talia.

Die rote rose wurde welk,
Als mit dem tod am kreuzgebälk
Die jungrau litt – ihr tat der mund
Des sehers schon die leiden kund.

Aurum in luto conditur,
Quo totus mundus emitur,
Dum Christus terrae traditur
Nec surrectus creditur.

Das gold ist in den schmutz getrauft,
Das diese ganze welt erkauft,
Wenn Christus wird der erde raub
Und nicht ersteht aus tod und staub.

Mariae spes non periit,
Plebs tota quamvis abiit,
Haec sola fidem tenuit 
Sperans, quod ipse dixerit.

Marias hoffnung ward nicht wank,
Nur ihr glaube niemals sank,
Ob alles volk vom sohne liess,
Sie hoffte, was der sohn verhiess.

O lucernam clarissimam,
Quae totam mundi machinam
Obumbratam caligine
Suo lustrabat lumine.

O klare lampe, süsse schau,
Die aller welten grossem bau
Wohung im engen kelch gewährt,
Mit ihrem hellen licht genährt.

Ramum columba deferens
Noë signum clementiae
Mariae typum gesserat,
Spem afferentis veniae.

Die taube, die des ölbaums blatt
Als pfand der huld getragen hat,
Ward als Marias bild gesandt,
Der neuerlangten gnade pfand.

Memento nostri, domina,
Nostras mentes irradia,
Spe firma, fide integra
Et caritate fervida.

Gedenke unsrer, königin,
Durchleuchte unsern trüben sinn
Und gib des glaubens reines gut,
Des hoffens kraft, der liebe glut.


Hymnus entnommen dem: Breviarium Sacrarum Virginum Ordinis Sanctissimi Salvatoris, vulgo Santae Birgittae; horas Deiparae Virginis per ferias distributas continens opus pium et omnibus eidem Virgini devotis ob Sermones Angelicos accommodatissimum. Rom, Tournai, Paris 1908.
In Übersetzung von Friedrich Wolters: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 181f.
Bild: Marienkapelle in Herz-Jesu, Pfersee

Noch ein paar Gedanken zum Zölibat

Kürzlich hat Andreas einige Gedanken zum Thema Zölibat geteilt, heute stieß ich zufällig in Kardinal Journets Theologie der Kirche, eine katechetische Verarbeitung seines Hauptwerkes L'Église du Verbe Incarné, auch auf das gleiche Thema. Ihn zitiere ich weiter unten.
Von der Christusnachfolge als geistiges Grundprinzip des Zölibats sprach der Blogger bereits. Doch gilt ja für alle Christen, dem nachzufolgen, dessen Ehrennamen sie tragen. Liegt hier nicht schon die crux der ganzen Angelegenheit? Die dem Ehestand angehören, sie müssen nicht unmittelbar durch die gleiche kátharsis gehen, wie es die besondere Gottesweihe verlangt. Sie bedienen sich ganz rechtmäßig der zeitlichen Güter. Jedoch so, ohne die Ewigen zu verlieren - mit der Welt verkehren, als verkehrten sie nicht, denn die Gestalt dieser Welt vergeht. (1 Kor 7, 31) Das ist keine geringe Aufgabe, kein geringer Stand. Vielmehr ist er zu erhaben, als dass ihn die Menge noch als das erkennen könnte, was er eigentlich ist.

Charles Journet, der théologien contemplatif, führt diesen Gedanken in Bezug auf die Nachfolge im engeren Sinne weiter. Es ist gewissermaßen eine soziale Begründung des Zölibats, so modern das auf den ersten Blick auch anmuten mag. Doch lasse ich den Kardinal am besten nun selbst zu Worte kommen:
»Hier, im Herzen der Kirche, offenbart sich die soziale Notwendigkeit des 'vollkommenen Weges'. Wie können die Gläubigen als Gesamtheit zu einer christlichen Nutzung der äußeren Güter, der Ehe, der Freiheit gelangen, wenn sich nicht in ihrer Mitte stets einige Christen erheben, die genau jene Güter freiwillig aufgeben, um die strahlende Eindrücklichkeit des Primats der geistlichen Ziele zu bekräftigen? (...) Aber wenn die, die hauptsächlich im weiteren Sinne mit der rechtmäßigen Nutzung der irdischen Güter, der Ehe und Freiheit beschäftigt sind, plötzlich in ihrem Schwung gestoppt und durch Unglück wie Ausgestoßene vom Leben verworfen werden; wenn sie einen Blick auf die herrlichen Beispiele der Selbstverleugnung werfen, welche die Kirche durch alle Epochen erstrahlen lässt, sind sie dann nicht in der Lage zu begreifen, dass Gott, der sie scheinbar brechen und den Prüfungen des Lebens übergeben wollte, sie doch tatsächlich in seiner Liebe zu einer heiligeren und vorzüglicheren Berufung einlädt, von der sie selbst nicht einmal träumten?«
Freilich meint der Gottgelehrte hier kein reines Solidaritätsopfer, wie die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen heutzutage schon mal gerne bezeichnet wird. Es bliebe ein leeres Opfer ohne Verdienst und ohne Ziel, und somit auch ohne Trost. Genau hier schließt sich nämlich das alter-Christus-Sein der Priester an. Hier berührt Christus ganz lebendig, wie es der Heilsökonomie so eigentümlich ist, mittels Menschen Menschen. Dabei ist es dann nicht mehr nur Frage der Angemessenheit, dass diese Nachfolger Christi christusähnlich sind. Es ist geradezu notwendig, dass die, die gewissermaßen Heiligkeit vermitteln, selbst heilig sind, um die Heiligkeit, das heißt die Liebe in der Welt zu erhalten.

Aufgabe der ganzen Christenheit ist es, die Menschheit ständig über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Ein Kernstück kommt dabei dem geistlichen Stand zu, der in seiner Vollkommenheit die Christgläubigen nicht nur zu neuen Höhen antreibt, hochhebt ... er ist das Beispiel, der Christus mit und unter uns. Im zölibatären Klerus wird in besonderer Weise das Kreuz sichtbar, das in ihnen ist. Das stille Rufen des Geistes, der nicht nur auf die Torheit des Kreuzes wie auf ein hölzernes Kruzifix an der Wand zeigt - sondern die Lebbarkeit das Evangeliums beweist. Nicht durch die stärksten, größten, lautesten Mittel. Ganz im Gegenteil, durch die größtmögliche Entsagung, die Welt so wenig wie möglich zu gebrauchen, dadurch kommen sie dem Herzen Gottes, dem Geiste, am nächsten.

Und sie reißen uns mit.

Zitat aus Charles Journet: Theology of the Church. San Francisco: Ignatius Press 2004, S. 270.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Vom Drachenzertreten und päpstlichen Hobbies (früher)



Caput draconis invidi
tu conteris vestigio,
et sola gloriam refers
intaminatae originis.

Das Haupt der neidischen Schlange 
zermalmst du mit dem Fuße;
und du allein trägst den Ruhm
der Unbefleckten Empfängnis.

Wo es um die Unbefleckte Empfängnis geht, da muss es irgendwo auch um die Urschuld gehen. Ein Glaubensgeheimnis, sicherlich ... doch ich denke, mit dem hl. Thomas, dass auch unsere Vernunft etwas davon ahnen kann. Sieht man nicht auch, ganz ohne Glaubenslicht, diesen Makel, der gleich einem Stachel im Fleisch der Menschheit sitzt? Erhaben ist das Adamsgeschlecht, kraftvoll, genial. Und doch nie vollkommen, jedes Unterfangen ... mal mehr, mal weniger ... verderbt durch das, was man all zu gerne Menschlichkeit nennt. Immer wieder aber gibt es Versuche, aus diesem Sumpfe auszubrechen. Viele ahnen ja doch, dass in unserer Natur eigentlich etwas viel Vollkommeneres schlummern sollte. Dass der Mensch ohne Menschlichkeit besser dran wäre, letzteres wie ein Geschwür, das untrennbar mit der Person verbunden ist, aber doch kein Wesensbestandteil sein kann. Soweit, glaube ich, geht zumindest implizit die Ahnung von der Urschuld und Ursünde. Rein menschliche Versuche, die zu heilen ... sind aber von vornherein zum Scheitern verurteilt und bringen am Ende zumeist mehr Übel als Gutes. Genau so wenig, wie der Arzt sich selbst heilen kann, so ist die Natur im Stande, sich selbst aus ihrem Jammertale, gleichwie ein Münchhausen am eigenen Schopfe, herauszuziehen. Das kann allein die Gnade.

Die Fülle der Gnade wurde als erstes der Gottesmutter Maria zuteil. Und wie Eva zum Fall der Menschheit beitrug, so hat Maria Anteil am Erlösungswerk. Damit wird das Versprechen des Protoevangeliums eingelöst, mehr noch, die Geschichte vom Sündenfall wird umgekehrt:

Denn ähnlich wie der Hohepriester von Amtes wegen den allerlösenden Opfertod Christi weissagte, so ähnlich tat es auch Adam, als er sich vor dem Höchsten zu rechtfertigen versuchte. Der hl. Bernhard predigt in seiner Homilie, die ehemals heute zu den Metten gelesen wurde: 
»Niederträchtige Worte sind es, mit denen du deine Schuld mehr vergrößerst als verringerst. Doch die Weisheit hat deine Boshaftigkeit besiegt. (...) Beschuldige die Frau also nicht mehr, sondern sprich in Danksagung: 'Herr, die Frau, die Du mir gegeben hast, sie gab mir vom Baum des Lebens, und ich habe gegessen: und süßer als Honig ist es mir in meinem Mund, denn dadurch hast Du mich belebt.«
Diese Frau, die neue Eva, deren Haupt zwölf Sterne ziert, ist die Immaculata. Durch Christus von Leib und Seele rein, durch Christus Siegerin über die Schlange. Möge sie uns also von den Täuschungen des alten Feindes behüten und immerfort den lebenspendenden Heiland reichen.


Die Hymnen des Tages wurden übrigens von Papst Leo XIII. geschrieben, der schon von frühester Jugend an in lateinischer Sprache dichtete. Dieses Hobby gab er zeitlebens nie auf, unter anderem wurden seine Verse in der römischen Zeitschrift Vox Urbis unter dem Pseudonym X veröffentlicht. Geheim blieb das Ganze aber nicht, ein findiger Journalist machte schon bald publik, dass hinter X der regierende Pontifex steckte.
Was die Päpste wohl heute so für Hobbies haben ... ?


Eingangs zitierte Verse aus dem Hymnus Te dicimus praeconio zur Matutin im Römischen Brevier, Auszug aus der Homilie ebenda, 8. Lesung gemäß der Rubriken von Divino afflatu.
Übersetzung der Hymnenstrophe aus Adalbert Schulte: Die Hymnen des Breviers. Schöningh-Verlag: Paderborn 1920, S. 217.
Bild: Marienstatue in der Dominikanerkirche Heilig-Kreuz, Augsburg.

Dienstag, 10. Februar 2015

Fastenvorsatz: Matutin


Als Ausgleich für den Entzug leiblicher Nahrung soll es mehr geistliche Kost geben. Doch ein derartiges Vorhaben will recht vorbereitet sein, darum rüste ich mich bereits im Psalmstudium und gürte mich mit Rubriken ... und damit es dann im Ernstfall auch wirklich fehlerfrei und ohne viel Überlegen klappt, werde ich die Tage schonmal anfangen. Domine, labia mea aperies!

Mögest Du die Trockenheit unserer Herzen durch Deine Bitten mit himmlischem Tau benetzen

Andreas kam mir bereits mit dem Einstellen des Vesperhymnus Te, beata sponsa Christi zuvor, den die Söhne und Töchter des hl. Benedikt schon am gestrigen Abend zu Ehren der hl. Scholastika sangen. Und der verehrte Kollege wies auch auf die Bedeutung jener Verse hin, welche auf die Tränenströme der Heiligen anspielen, mit denen sie die Himmel zu öffnen vermochte. Diesen Gedanken führt auch die Benedictus-Antiphon im monastischen Brevier weiter aus:
O quam praeclara sunt + merita beatae Scholasticae! O quanta virtus lacrimarum, per quas inclyta Virgo aeris serenitatem ad pluviae traxit inundationem.
O wie herrlich sind die Verdienste der seligen Scholastika! O wie stark sind diese Tränen, durch welche die erhabne Jungfrau Sturzbäche aus dem heitren Himmel zwang.
Aber warum haben die Tränen der Scholastika eine derartige Kraft? Gregor der Große erklärt es uns in seinen Dialogen:
Es darf uns nicht wundernehmen, daß die Frau, welche ihren Bruder länger zu sehen wünschte, mehr als er vermochte; denn weil nach dem Worte des Johannes Gott die Liebe ist, so vermochte nach einem gerechten Entschlusse Gottes jene mehr, die mehr liebte. 
Das ist vielleicht die große Botschaft dieses Wundern, gewissermaßen die Moral von der Geschicht'. Weniger um große Zeichen geht es. Die Wasserflut, die Taube, welche ihren Körper wie die Arche verlässt - so heißt es in einer anderen Antiphon - das alles fließt ja nur daraus, ist Ergebnis ihrer Liebe. Bevor sie nämlich Regengüsse auf die Erde zog, war es der Gnadentau, welcher beständig vom Himmel auf sie, gleich einem bewässerten Garten, hinabkam.*

An dieser Stelle, wo es schon mal um Benediktiner, Hymnen und Antiphonen geht: die Liturgie der Kirche ist keine staubige, vertrocknete Sache. Zwar erschließen sich einem schon große Schätze durch das bloße Lesen und Beten, aber in Fülle offenbaren sich ihre Geheimnisse erst, wenn sie so wiedergegeben werden, wie es eigentlich gedacht ist ... nämlich gesungen! Aber auch hier ist Obacht geboten. Es kann genau so trocken gesungen wie abgelesen werden.
Nie werde ich vergessen, wie ein Lehrmeister der Gregorianik eine Übungsstunde zu den Karmetten begann. Zunächst einmal gingen wir die Verse durch, um den Text kennenzulernen, ein Gefühl für seine Metrik zu bekommen. Dann trug er den zu behandelnden Abschnitt selber vor. Aber bevor wir Schüler uns nun auch am Singen versuchten, gab er erstmal eine kleine geistliche Katechese. Und wie beeindruckend die war, immer wieder untermalt von den jahrhundertealten Klängen! Von der Betrachtung und den Erfahrungen von Generationen von Mönchen genährt! Wir sollten nämlich nicht bloß Buchstaben und Neumen repetieren, sondern das Mysterium singen. Verständlich werden sollte die besondere Dramatik des Chorals dieser heiligen Tage auch für jene, die kein Latein verstehen ... alleine dadurch, dass wir das Heilsgeschehen im Gesang verkünden. Ganz ohne Worte. Wer genau hin hört, dem erschließt sich viel in den Chorälen. Viel mehr noch, als der bloße Text hergibt. Wie der Gnaden-Himmelstau auch oftmals unsere Herzen erleuchtet, ohne konkretes Bild oder Text oder Idee: dann ist es Gott selbst, der mit uns über das Himmelsreich in der stillen Sprache des Herzens spricht.

Der eingangs erwähnte Hymnus kann bei den Mönchen von La Barroux gehört werden (Vesper: ca. min. 21:05).


Liturgische Texte entnommen aus dem Breviarium Monasticum. Pro omnibus sub regula S. Patris Benedicti militantibus. Mechelen: H. Dessain 1938.
Das Zitat aus den Dialogen Gregors des Großen über die Wunder und Viten der italischen Väter stammt aus der Bibliothek der Kirchenväter.
Die Überschrift ist einer Anrufung aus der Scholastica-Litanei entnommen, die in lateinischer und englischer Sprache hier verfügbar ist.


*Sancta virgo Scholastica, quasi hortus irriguus, Gratiarum coelestium jugi rore perfundebatur.

Sonntag, 8. Februar 2015

Kardinaler Widerstand, das Ehesakrament und Glückwünsche

Ich bin ja eher ein ruhiger Geselle, aber wenn ich an die nächste Bischofssynode zum Thema Familie denke, dann schnellt mein Puls doch häufig in ungeahnte Höhen. Vor allem, wenn ich solche Worte wie die von Raymond Kardinal Burke höre, in denen er bereits seinen Widerstand gegen eine eventuelle Zulassung der WieverheiGeschie zur Kommunion auch gegen den Papst ankündigt (französisch, ca. 1:33). Es wird wieder spannend werden.

Apropos Ehe. Bei einem Vertreter der Barockscholastik, dem großen Thomaskommentator Juan de Santo Tomás aus dem Predigerorden begegnete ich neulich folgenden Zeilen:
»Die gegenseitige Liebe der miteinander Verbundenen, die Bände natürlicher Freundschaft, sie können auch außerhalb des Sakramentes der Ehe gefunden werden; aber nicht die gegenseitige sakramentale Liebe, die aus der Gleichförmigkeit der Verbindung von Mann und Frau mit der von Christus und Seiner Kirche hervorgeht.«
Gottlob wird Er sich von uns nicht scheiden lassen. Auch wenn man fast meinen möchte, Gründe für die Trennung von Tisch und Bett gäbe es genug.

Dann wünsche ich außerdem noch meinem ehemaligen Hirten, Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, eine segensreiche und fruchtbare Tätigkeit im Rat für die Neuevangelisierung. Zwar konnte ein Blinder mit Krückstock sehen, dass eine Anstellung in Rom der einzig mögliche Ausweg für einen in Ungnade gefallenen Diözesanbischof sein konnte (die Haas'sche Lösung war doch mehr eine einmalige Ausnahme) ... aber nun bin ich doch froh, dass es endlich mal offiziell geworden ist.


Zitat aus: Cursus theologicus, III, q. 62; disp. 24, a. 2, no. 30. Editio Vivés.