Freitag, 30. Januar 2015

Eins mit Gott

»Eins mit Gott um Gott in Gott zu lieben, so wird die Kirche eins mit Ihm um in Ihm die Welt und alle Dinge zu lieben.«
Charles Journet, Theologie der Kirche.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Das einzige Kind unseres Geistes

Ach Herr Jesus, wann werden wir, nachdem wir Dir alles geopfert, was wir haben, auch alles opfern, was wir sind?
Wann werden wir Dir unseren freien Willen zum Brandopfer darbringen, dieses einzige Kind unseres Geistes?
Wann werden wir diesen freien Willen binden und auf den Scheiterhaufen Deines Kreuzes, Deiner Dornen, Deiner Lanze legen, damit er wie ein Schäflein ein Deinem Wohlgefallen angenehmes Opfer sei, um durch das Feuer und das Schwert Deiner heiligen Liebe zu sterben und zu verbrennen?
O Freiheit meines Herzens, wie gut wird es für dich sein, an das Kreuz des göttlichen Erlösers gebunden und ausgespannt zu sein! 
Wie wünschenswert ist es für dich, dir selbst zu sterben, um auf immer als Brandopfer des Herrn zu brennen! Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

Gebet des hl. Franz von Sales

Der Häretiker, der keiner war

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Roberto de Mattei so meine Probleme habe. Manchmal kommt es mir so vor, als würde er seine Argumente einem Handbuch für gallikanische, konziliaristische und protestantische Irrtümern entnehmen. Diesmal ist es ein Beitrag mit dem reißerischen Titel: A Pope who fell into heresy, a Church that restited: John XXII and the Beatific Vision, veröffentlicht gestern bei Rorate Caeli. Der Artikel behauptet nicht nur, dass Papst Johannes XXII. Häretiker war, sondern auch, dass er diese Häresie der gesamten Kirche durch sein ordentliches Lehramt vorschreiben wollte. Harter Tobak.

Die verschiedenen Grade der Unfehlbarkeit der Kirche, die nicht von der Unfehlbarkeit des Papstes zu trennen ist, verdient eine längere Abhandlung. Leider wird diese Lehre, heute vielleicht so sehr wie nie, falsch verstanden ... nicht zuletzt dadurch, dass das traditionalistische Lager Argumente aus dem Hut zaubert, die eigentlich seit dem 1. Vaticanum in der Schublade der Geschichte verschwunden sein sollten. Dazu gehört auch der Fall Johannes XXII. Es sollte aber auch nicht verschwiegen werden, dass es uns die Inhaber der höchsten Lehrgewalt der Kirche und die mit ihm verbundenen Bischöfe nicht gerade leicht machen. Ja, sie geben selbst all zu häufig geradezu den Anspruch auf Lehrautorität auf, womit letztlich der Zweck der Kirche selbst ad absurdum geführt wird: Nämlich die Sicherheit unseres Seelenheiles. Kein leichtes Thema. Mir fehlt gerade auch die Zeit und Muße, es zu behandeln - insbesondere, da ich selbst keine gute Lösung parat habe, außer, dass eine auf längere Zeit andauernde Verdunklung der Glaubenswahrheiten nicht mit dem Versprechen des Erlösers, mit den Aposteln und mit uns (d.h., mittels der lebendigen Berührung Christi durch die kirchliche Hierarchie) bis zum Ende der Tage zu sein, vereinbar ist. Diese Zeit der Finsternis muss also ein Ende finden, sei es durch eine gewaltige Umwälzung in der Kirche, oder durch Seine Wiederkunft. Erstere Möglichkeit scheint gerade nicht besonders wahrscheinlich.

Aber nun dennoch kurz zu de Mattei. Johannes XXII. hat keiner definierten Lehre widersprochen, er ist also auch kein Häretiker, noch war er in seinem Irrtum verhärtet (ein Wesensbestandteil der Häresie), noch wollte er der ganzen Kirche die falsche Lehre von den schlafenden Seelen aufzwingen. Dass der italienische Historiker auch noch Robert Bellarmin gleichwie zur Unterstützung seiner These heranzieht, grenzt schon an Dreistigkeit. Der Kirchenlehrer verteidigte in seinem Werk die Päpste ja gerade gegen die Anschuldigen der Pseudoreformatoren! Der heilige Jesuit schreibt an der von ihm angeführten Stelle, benannte Lehre konnte in seiner Zeit "ohne Gefahr der Häresie" gehalten werden, da "die Kirche sie noch nicht definiert hatte." "Er wollte jedoch die Frage definieren, wurde in den Vorbereitungen und Beratungen umgeschwenkt und verstarb (...)." Bellarmin sagt beinahe das Gegenteil von dem, was de Mattei behauptet. Genau so schildert den Sachverhalt Hefele in seiner Conciliengeschichte (Bd. VI, Herder: Freiburg i.Br. 1890 S. 601f.) und fügt hinzu: "Weiterhin richtete er [Johannes] (...) ein Schreiben an den König und die Königin von Frankreich, um dem erstern zu versichern, daß er den Minoritengeneral keineswegs zur Verbreitung der fraglichen Ansicht nach Paris geschickt habe."
Ferner sei bemerkt, dass Bellarmin und die Mehrheit der Theologen der Meinung sind, dass noch nie ein Papst in formale Häresie gefallen ist noch jemals fallen wird.

Von einer Anwendung seines ordentlichen Lehramtes, wie de Mattei insinuiert, kann gar keine Rede sein. Es ist geradezu das Paradebeispiel für einen Fall, in dem das ordentliche Lehramt* nicht zur Anwendung kommt, sondern der Papst als Ordinarius seiner Diözese, als Hirte einer bestimmten Pfarrei oder Menschenmenge, als privater Autor oder als Staatsoberhaupt spricht. Spricht der Papst in seinem ordentlichen Lehramt, so spricht er als Papst die Kirche an. Heutzutage zum Beispiel typischerweise durch eine Enzyklika oder ein Apostolisches Schreiben.** Die Predigten Johannes XXII. zu Avignon haben dagegen die gleiche verbindliche Autorität für alle Gläubige wie die des regierenden Pontifex zu Santa Marta. Eher noch weniger, denn Johannes äußerte sich in einer umstrittenen Sache in einem begrenzten Personenkreis, machte deutlich, nichts definieren zu wollen und holte sich Rat bei seinen Kardinälen und Theologen ein. Freilich war sein Verhalten unklug wie skandalös und die heftige Reaktion mitunter verdienstlich ... aber keinesfalls stand der Kirche ein häretischer Papst vor.


*(oder päpstliches/pontifikales Lehramt, oder ordentliches päpstliches Lehramt - das ordentliche allgemeine Lehramt meint er scheinbar nicht, obgleich es eher üblich ist, es mit dem ordentlichen Lehramt gleichzusetzen) 
**Immer mehr werden die typischerweise zum ordentlichen Magisterium zugerechneten Mittel Vehikel des unfehlbaren Lehramtes (z.B. Humanae Vitae, Ordinatio Sacerdotalis), wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind: Der Papst
1. Spricht in seiner Kapazität als Hirte und Lehrer aller Gläubigen
2. Er spricht mit höchster apostolischen Autorität
3. Die fragliche Lehre handelt von Moral oder Glauben
4. Er stellt ein sicheres und definitives Urteil aus
5. Er will, dass das Urteil von der ganzen Kirche als solches angenommen wird. 
Es kann diskutiert werden, ob jene Verkündigungen automatisch Teile des außerordentlichen Lehramtes werden. Richtet sich der Papst an die ganze Kirche (Punkt 1) handelt es sich aber mit Sicherheit um einen Ausdruck des universalen Lehramtes und genießt zumindest unfehlbare Sicherheit, wenn auch nicht Unfehlbarkeit per se. Es ist außerdem zu bedenken, dass es sich nicht einmal um eine Unfehlbarkeit der Kirche und einmal um eine Unfehlbarkeit des Papstes handelt, es gibt nur eine einzige Unfehlbarkeit. Die Kirche ist unfehlbar in ihrem Bekenntnis, in ihren Urteilen und in ihrer Lehre. Der Papst genießt in allen drei Ämtern die gleiche Unfehlbarkeit. 

Montag, 26. Januar 2015

Spekulatius zur Annullierungsbeschleunigung

Da aller guten Dinge drei sind, noch eine kurze Wortmeldung mit Blick in meine Glaskugel zur Beschleunigung von Ehenichtigkeitsverfahren. Grundsätzlich gäbe es dafür wohl drei Möglichkeiten:

1. Ein administratives Verfahren unter Aufsicht des Ortsbischofs (der sogenannte Vierte Vorschlag Kardinal Scolas):
Eine rechtliche Basis dafür bestünde bereits (c. 1419), der Bischof ist grundsätzlich ohnehin Richter erster Instanz.
Probleme: Was aber, wenn der Ortsbischof (selten ein profilierter Kanonist) die Verfahren nicht führen kann oder (aus Angst vor Shitstürmen) will? Die Antwort: Dann soll er doch einen Stellvertreter einsetzen. Ja gut, nur dann haben wir die bislang bestehenden Diözesangerichte nur unter neuem Namen neu erfunden. Es wird weder Zeit noch Mühe gespart, denn um den Ansprüchen der Gerechtigkeit gerecht zu werden - und das ist der springende Punkt, es geht in den Verfahren letztlich um die Untersuchung eines Vertrages - und die moralische Sicherheit zu erlangen, die notwendig ist und vom Papst selbst erwähnt wird ... besteht der gleiche Aufwand für Bischof oder Vikar, wie aktuell für die bestehenden Gerichte.
Außerdem würde eine Revision nicht mehr an die (entsprechend qualifizierte) Rota gehen, sondern irgendeine Römische Kongregation. Die Gefahr einer mangelnden Transparenz und Willkür droht, die man bereits anderen administrativen Verfahren anlastet.
Option 1 scheidet also eigentlich aus, sie bringt nur zahlreiche neue Probleme mit sich und kann den Prozess kaum beschleunigen.

2. Die Abschaffung des Ehebandverteidigers (c. 1432):
Um die rechtliche Qualität (die Gerechtigkeit) eines Verfahrens zu bewahren, dürfen Rechtsvermutungen nur aus spezifischen Gründen verworfen werden, die aus objektiven Informationen gewonnen, von unabhängigen Personen erwogen und von Vorgesetzten überprüft werden können. Dazu ist der Ehebandverteidiger, der defensor vinculi, streng genommen nicht notwendig.
Probleme: Einer der bedeutendsten Kirchenrechtler aller Zeiten, Benedikt XIV., führte dieses Amt sicherlich nicht nur zum Vergnügen ein. Außerdem sagte Papst Franziskus in seiner Ansprache, der Ehebandverteidiger werde nicht entfallen.
Also eine mögliche, aber leichtsinnige Lösung, die vom Heiligen Vater bereits ausgeschlossen wurde. Auch Option 2 scheidet daher aus.


3. Die Abschaffung der obligatorischen (ex officio) Berufung (c. 1682):
Im Falle der Erklärung der Ehenichtigkeit wird das Urteil dem Berufungsgericht zugeleitet. Wie der Ehebandverteidiger ist diese Einrichtung keine Anforderung der Gerechtigkeit. Tatsächlich entscheidet das Berufungsgericht in den seltensten Fällen anders als die erste Instanz, nimmt aber mehrere Monate in Anspruch.
Problem: Es handelt sich auch hier nicht um eine willkürliche Einrichtung. Die Wichtigkeit derartiger Entscheidungen legt die Überprüfung durch eine zweite Instanz nahe. Mit Kardinal Burke ist der große Verteidiger der Berufungsinstanz aber aus dem Rennen.
Tja, wie es aussieht, bleibt nur Option 3 übrig. Eigentlich schon fast eine Binsenweisheit, denn anderswo kann man kaum noch etwas am Verfahren abknapsen. Damit würde sich eventuell auch das Aufsetzen von langwierigen Urteilen erübrigen, die hauptsächlich für die Zweitinstanz bestimmt sind.

Also, eigentlich, naja, ziemlich langweilig! So wirklich was an der Natur des Ehenichtigkeitsverfahrens ändert es nämlich nichts. Und das ist auch gut so. Aber ist es nicht genau das, was Kasper und Co. eigentlich wollen? Dass die kirchlichen Verfahren ihren rechtlichen Charakter zugunsten eines pastoralen verlieren? Allein verbietet das die Gerechtigkeit.

Ist also eine Reform des Ehenichtigkeitsprozesses ein Sieg für die progressive Partei? Mag man so sehen. Haben sie aber damit ihr eigentliches Ziel erreicht? Mit Sicherheit nicht.

Es sei denn, meine Glaskugel würde mich gewaltig täuschen ...

Sonntag, 25. Januar 2015

Auch so ne Sentenz

Manchmal denke ich, selbst das grässlichste, über Höllenfeuern infernalisch gegossene Bronzesakramentshäuschen, gar unpolierbar stumpf, im hintersten Winkel des Presbyteriums eines konziliaren Betonbunkers, der mehr PastoralreferentInnen gesehen hat als lateinische Messen ... ist zu bevorzugen vor einem Barocktabernakel, welches so geschickt dem güldnen Altarretabel einverleibt wurde, dass es von diesem gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Bei ersterem kann das Auge wenigstens noch versehentlich über die Gegenwart des Allerheiligsten stolpern. Bei letzterem braucht es schon die ganze Willens- und Vorstellungskraft des Gläubigen, im Altaraufbau mehr als schillernden Glanz zu erkennen.

Noch einmal die vielen ungültigen Ehen, oder: Sakrament auf Widerruf

Kollege clamormeus macht mit seinem jüngsten Beitrag bezüglich der hier auch schon erwähnten päpstlichen Äußerungen zur Ehe auf die inneren Widersprüchlichkeiten und Gefahren eines "Sakramentalstorno" aufmerksam. Wenn Glaube unabdingbare Grundlage der Sakramentspendung wird, was wäre dann in der Kirche überhaupt noch sicher?

Da mein Kommentar drüben entsprechende Spalte zu sprengen drohte, stelle ich ihn hüben ein. Gewisse Formmängel und Ungenauigkeiten, die in dergleichen Anmerkungen eher erlaubt sind, bitte ich daher zu entschuldigen:

Nun, ich denke, die Sakramente der Weihe oder Eucharistie lassen sich nicht so direkt mit der Ehe vergleichen, und sei es in diesem Beitrag nur eine mehr rhetorische Figur. In ersterem Fall haben wir z.B. die Handauflegung als Materie, die Weiheworte als Form. Gute Lehre ist, dass zur (durchaus notwendigen) Intention ausreicht, tun zu wollen, was die Kirche tut. Hier liegt die Messlatte so tief, wie sie eigentlich nur sein kann. Wenn der Priester oder Bischof irgendwie kirchlich handeln will, und das drückt sich allein schon dadurch aus, dass er an diesem Morgen in die Kirche ging und die Paramente anlegte ... dann ist es was die Intention angeht fraglos gültig. Gott sei Dank!
In der Ehe haben wir nicht diese praktischen, handfesten Anhaltspunkte wie etwa in der Weihe, hier kommt es ja allein auf den Ehekonsens, Ehewillen, Ehevertrag oder Bund oder wie man es nennen möchte an. Und hier sei mal eingehakt: Das gilt für alle Ehen. Nur bei Christen wird die dann auch sakramental. Ich denke, es wird mit großem Schaden all zu häufig vergessen, dass wir hier vor einer Institution der Natur stehen, die von Christus zur Würde eines Sakramentes erhoben wurden, ohne die natürliche Basis auszulöschen, die weiterhin für ausnahmslos alle Menschen besteht. Glaube ist keine Grundbedingung für das Eingehen einer Ehe. Glaube ist auch nicht notwendig, um irgendein Sakrament zu spenden (s. Summa Theologiae IIIa q. 64 a. 9).
Wie dem nun auch sei, es dürfte ersichtlich sein, dass es sich durch die Vertragseigenschaft der Ehe gewissermaßen um das "komplizierteste Sakrament" handelt. Von Vollbewusstsein und Glaubensschwäche ("Ich stell mich einma' die Woche aufs Credometer, damit ich merke, ob mein Glaube abgenommen hat"?!?) war hier bislang aber trotzdem noch nie die Rede. Entweder haben wir einen bewussten Vorbehalt gegenüber Wesenseigenschaften der Ehe oder einen willensbestimmenden (sic!) Irrtum, der einen Mangel im Ehewillen hervorruft. 
Bislang geht die Kirche davon aus, dass jeder, der seinen Ehewillen kundtut, auch eine Ehe eingehen will. Und das folgt auch einem ganz allgemeinen Rechtsgrundsatz. Die ganze Rechtsordnung würde ins Wanken geraten, würde jeder Aussage mit Misstrauen begegnet und müsste sie irgendwie durch zusätzliche Elemente gestützt werden. 
Natürlich hast Du grundsätzlich recht, dass sich in jedem vorgeschriebenen Brautexamen das Gröbste bestimmen lassen muss, was den Ehewillen angeht. Der Pfarrer ist auch dazu verpflichtet, bei offensichtlich fehlendem Konsens die Trauung nicht durchzuführen. Wie oft das wohl vorkommen mag? 
Es gehört zum Verkündungsdienst der Kirche, die Lehre von der Ehe darzulegen und zu verteidigen. Hier wäre schon mal die erste Ursache, der erste Mangel. Als nächstes käme fraglos das Traugespräch. Und die Fehler müssen dann die Kirchengerichte ausbaden ...
Bezüglich der Kirchenjuristen sei aber bemerkt, dass es sich meiner Erfahrung nach zum allergrößten Teil um glaubens- und kirchentreue Personen handelt, die noch dazu sehr gut qualifiziert sind. Würde der gleiche Standard für den Weihestand gelten, hätten wir glaube ich zahlreiche Probleme nicht. Die Gerichte prüfen jeden Fall sehr gründlich und keinesfalls willkürlich . Wenn es so weitergeht, werden sie aber einmal mehr der Erwartungshaltung gegenüberstehen, ein katholischer Scheidungsdienst zu sein. Bis jetzt sind sie das (im allgemeinen) aber keinesfalls, trotz gewisser traditionalistischer Vorbehalte.

Und wo ich gerade schon beim Recht bin: die Kirche stellt nie und niemals nicht ein Urteil über die Sakramentalität der Ehe aus, sondern allein über die Gültigkeit der Ehe.

Samstag, 24. Januar 2015

Die vielen ungültigen Ehen

Durch den Kreuzknappen stieß ich auf die jüngste Rota-Ansprache des Papstes, Radio Vatikan berichtete ebenfalls. Nun mal ganz abgesehen von den Aussagen, die - es ist außerhalb kirchenrechtlicher Kreise wohl schon so üblich - die Frage der Ehegültigkeit und Sakramentalität der Ehe vermischen bzw. gleichsetzen ... ist es doch äußerst erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit der Bedeutung der päpstlichen Statements diesbezüglich beigemessen wird. Skandalon wäre wahrscheinlich, wenn ein Römischer Pontifex öffentlich davon sprechen würde, dass viele Taufen oder Messen ungültig wären. Dem Ehesakrament scheint im allgemeinen weniger Wichtigkeit beigemessen zu werden. Der amerikanische Kanonist Edward Peters wies bereits hier und hier auf die Tragweite jener Behauptungen hin.
Ferner würde der Vorschlag des Papstes, sofern ich das hier zu deuten vermag, eine komplette Umkremplung des kirchlichen Eherechts zur Folge haben: nämlich eine Beweislastumkehr, die Rechtsvermutung für die Nichtigkeit einer Ehe. Wenn der Heilige Vater das aber tatsächlich meint, ist es mit einer Ansprache vor der Rota nicht getan.

Freitag, 23. Januar 2015

Unfreiwillige Buße

Da der letzte Schwank aus meiner Jugend so gut ankam, gibt es heute noch ein Anekdötchen samt Spruch. Diesmal kein Anmachspruch, nein, sondern gewissermaßen ein geistliches Wort eines Oberen in einer religiösen Gemeinschaft. Nicht aus einem Anekdotenbüchlein quasi-legendarischen Charakters, sondern es trug sich tatsächlich so zu: Ein junger, übereifriger und scheinbar bußbegeisterter Postulant fragte den Abt, wann man denn nun im Kloster die härenen Hemden bekomme. Darauf antwortete ihm der Vater Abt:
»Mein lieber Mitbruder, wir sind einander härene Hemden!«

PS: Wer über weniger handwerkliches Geschick als Kollege ultramontan verfügt und auch nicht in zwielichtigen Geschäften verkehren möchte, kann unter der bezaubernden Internetadresse http://www.cilice.co.uk/ allerlei Bußwerkzeug erwerben. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Hagiographien oder fragen Sie Ihren Beichtvater.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Herzens- statt Bücherandacht

Das innerliche Gebet ist die Hauptsache; aber man darf doch das mündliche weder vernachlässigen, noch übertreiben. Manche haben all ihre Andacht in den Büchern, keine im Herzen; täglich sprechen sie Gott Gebetsformeln vor, bis sie den Atem verlieren, wodurch sie freilich nicht das Herz erwärmen, sondern nur die Brust austrocknen. Andere behalten alle Formeln bei und setzen immer neue dazu, weshalb sie in Überschleuderung, Zerstreuung, Mißmut und Vernachlässigung ihrer Standespflichten geraten (...). 
Jean-Nicolas Grou, SJ, aus: Kennzeichen der wahren Frömmigkeit. 

Mittwoch, 21. Januar 2015

Agnes als einzige die Macht erhielt


O virgo felix, o nova gloria,
caelestis arcis nobilis incola,
intende nostris colluvionibus
vultum gemello cum diademate,
cui posse soli cunctiparens dedit
castum vel ipsum reddere fornicem!
Purgabor oris propitiabilis
fulgore, nostrum si iecur inpleas.
Nil non pudicum est, quod pia visere
dignaris almo vel pede tangere.

O du glücklich' Jungfrau, o du neuer Ruhm,
edle Bürgerin der Himmelsburg,
wend unsrer Schande du dein Antlitz zu,
die du geschmückt vom Diadem
vom Schöpfer als einzige die Macht erhieltst,
rein selbst ein Freudenhaus zu machen!
Auch ich werd' rein füllst du mein Herz
mit deiner Mitleidsworte Glanz.
Nichts kann unrein bleiben, dem du den Blick gewährst,
oder zumindest würdigst, mit deinem Jungfraunfuß zu rührn'.

(Prudentius, Liber Peristephanon, carmen xiv)
Bild: Seligpreisungsfenster in Herz-Jesu, Pfersee

Dienstag, 20. Januar 2015

Romantisches zum Agnesabend

»Am Agnesabend, sagten ihr die Alten,
Wär mancher Jungfrau Glücksvision erwacht
Und kann sie huldigend ihr Liebster halten
Zur honigsüßen Mitte dieser Nacht,
Hat sie nur auf die rechten Bräuche acht –
So ohne Abendbrot zu Bett zu gehn,
Die Schönheit ausgestreckt, ganz Lilienpracht;
Nicht rings umherzuschaun, nur abzuflehn
Dem Himmel frommen Blicks, was ihre Träume sehn.«
aus The Eve of St. Agnes von John Kneats


Das Motiv der schönen Märtyrin, die reine ... und die bittersüße, im wortwörtlichen Sinn leidenschaftlichn Liebe brachte die Volksfrömmigkeit - und auch der Volksaberglaube, wie man im Gedichtauszug sieht - jene Jungfrau in die Nähe romantischer Beziehungen. Wer sich ein wenig in der katholischen Welt auskennt, weiß, dass es beileibe kein Gegensatz ist, wenn die hl. Agnes Patronin der Keuschheit und der Verlobten ist.
Pulchra facie sed pulchrior fide, so beginnt ein Responsorium in einigen alten Eigenriten, entnommen der Passio S. Agnetis: »Schön von Antlitz, schöner aber noch ist Dein Glaube!« Ein Freund gab mir vor geraumer Zeit mal den Ratschlag, einer pulchra diesen Vers zu senden. Vielleicht wollte er auch auf diese Art nur andeuten, wie christlicherweise mit derartigen Schönheiten umzugehen ist. Wie dem auch sei, ich bin mir sicher, als Flirtspruch ist dieses Responsorium unschlagbar und führt ob der Fürsprache S. Agnetis tausendprozentig zum Erfolg. Ich habe ihn nämlich nicht angewandt, und, ja, was passierte ...?! Genau, es klappte nicht. Mal ganz abgesehen von meinem Antlitz, mein Glaube war wohl auf jeden Fall zu klein oder unschön. q.e.d.

Wenn man nun denkt, dies wäre der einzig denkbare Anmachspruch für traditionsfrohe Katholiken, dann liegt man weit daneben. In feuchtfröhlicher Runde dachte ich mir mit besagtem Kumpel aus fernen Landen noch die ein oder andere pick-up line aus, leider verlieren sie durch Übersetzung ins Deutsche nur ein wenig an Pfiff - eine kleine, noch präsentierfähige Auswahl:

Für Rubrizisten:
»Deine Lippen sind süßen Rubriken gleich, an die ich sub gravi gebunden bin!«
Für Kantoren:
»Hallo schönes Fräulein, hörst Du das auch? Ich glaube, ich kann den Chor mein Requiem singen hören, denn Deine Schönheit und Dein Anmut haben mich tödlich verwundet
Für Ministranten:
»Ich gedachte Deiner während der Messe im Suscipiat, denn immer wenn ich Dich sehe, fange ich an zu stottern und vergesse, was ich sagen wollte.«

Sicherlich gäbe es da noch einiges mehr. »Hast Du mal Feuer für meine Votivkerze?«, »Na, kommst Du oft hier in den Beichtstuhl?«* sind natürlich schon richtige Klassiker. Auf einem kanonistischen Kongress fiel mir mir noch sowas ein wie »Hey, wollen wir nachher noch zu mir, unsere Ehefähigkeit prüfen/ein Ehevollzugsverfahren eröffnen?«, aber gut, hier verlasse ich wohl schon den gesteckten Rahmen - obwohl mir komischerweise da am schnellsten was in den Sinn kommt.

Aber vielleicht hat ja der ein oder andere Leser noch was parat, Tipps für den Tradi-Single? (Geistbraus, übernehmen Sie!?)

*Nein nein, der Beichtvater soll das natürlich nicht sagen!

Im Vergießen des Blutes


...  ewiger Gott;
denn im Vergießen des Blutes
Deines seligen Märtyrers Sebastian 
für das Bekenntnis
Deines verehrungswürdigen Namens,
zeigst Du Deine wunderbare Macht,
durch die Du in unserer Schwäche 
Deine Kraft zur Vollendung bringst
unseren Mühen
Fortschritt gewährst,
und das Schwache 
Beistand findet bei Dir,
durch Christus ...


Präfation vom Fest im Gregorianischen Sakramentar (leicht abgewandelt hier)
Bild: Statue des frühbarocken Bildhauers Georg Petel in St. Moritz, Augsburg

Sonntag, 18. Januar 2015

Tut alles, was er euch sagt

"Da sagte seine Mutter zu den Dienern: Tut alles, was er euch sagt!"
Diese Worte liefern den Schlüssel zum Geheimnis. Wäre Mariens Gebet nicht gewesen, so wäre der Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu von Ewigkeit her auf einen späteren Zeitpunkt angesetzt worden. Dann hätte Jesus, der den Menschen Zeichen und Wunder geben sollte, um seine Botschaft zu beglaubigen, für seine Selbstoffenbarung andere Gelegenheiten abgewartet: er hätte Lahme aufgerichtet, Blinden das Augenlicht geschenkt, Aussätzige gereinigt. Das ist es, was Jesus selbst seiner Mutter eingesteht, wenn er ihr antwortet, seine Stunde sei, so verstanden, noch nicht gekommen. Indem er aber zugleich ihr Herz mit einer anderen Erleuchtung erhellt, will er ihr bekanntgeben, daß die Stunde seines öffentlichen Wirkens vorgerückt wurde, und zwar in Voraussicht der demütigen Bitte, die sie soeben an ihn gerichtet hat. O welch innige Zärtlichkeit, welch unendlich feinfühlige Liebe Jesu zu seiner Mutter liegt in diesen Worten des Evangeliums verborgen! Sie sind geheimnisvoll und zurückhaltend und erwecken daher bei gewissen Lesern den Eindruck frostiger Kälte. O wunderbare Macht aber auch der Fürbitte Mariens! Es hat genügt, daß eine Regung ihres Herzens, ein einziges Wort, das sie im Verlangen gesprochen hat, die geringste aller irdischen Sorgen zu lindern, von aller Ewigkeit her vorausgesehen war, und darauf hin wurde von aller Ewigkeit her die Zeit vorgerückt, in der Jesus den Menschen das Gottesreich öffentlich verkünden sollte. Nichts Größeres wird je gesagt werden über die Macht der Fürbitte Mariens, als der Bericht des Evangeliums über das Wunder zu Kana. Das ist die Stunde der Macht Mariens.
Charles Journet: Mater Dolorosa. Unsere Liebe Frau von den Sieben Schmerzen. Stein am Rhein: Christiana-Verlag 1974, S. 44ff. 

Samstag, 17. Januar 2015

Herrliche Wunder, die so nie geschehen

In der Zeit der Epiphanie wird uns der Erlöser nicht nur ganz passiv dargestellt, gezeigt, beschienen - durch Sein Geborenwerden, die Anbetung der Weisen, die Stimme des Vaters bei der Taufe im Jordan. In der Verwandlung von Wasser zu Wein verkündet der Heiland selbst die »neue Art der Macht«, novum genus potentiae, wie wir es in der Vesper von Erscheinung besungen haben. Im Wasser der Krüge sahen die Alten die Schriften, das Gesetz, die Propheten ... die Christus nicht ausschüttete, sondern erfüllte, verwandelte, vergeistigte. Und diese Handlung selbst war schon die Erfüllung. Denn der Messias des Alten Testamentes ist ein Wundertäter.

Anstößig sind diese Wunder vielleicht manchmal, erst recht so banale wie diese Verwandlung, oder archaisch anmutende Teufelsaustreibungen. Aber sie haben messianische Transparenz, darum werden sie bei Johannes zu Zeichen. In der Antrittspredigt zu Nazareth (Lk 4,16ff) legt Er Seinen Zuhörern das messianische Programm aus Isaias 61,1ff vor, aber nicht aus. Das ist auch unnötig, denn mit Jesu Handeln erfüllt sich die Prophetie.

Aus Qumran haben wir ein beeindruckendes Messiaslied, welches die messianischen Erwartungen der Juden jener Zeit zum Ausdruck bringt. Hier klingt Isaias an, die Psalmen ... aber auch Jesu Antwort auf die Frage des Johannes, ob er es sei, der da kommen soll: Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. (Lk 7,22; Mt 11,5)

»Himmel und Erde sollen hören auf Seinen Gesalbten
und alles, was in ihnen ist, soll nicht weichen
von den Geboten der Heiligen.
Stärkt euch, die ihr den Herr sucht, in Seinem Dienst!
Werdet ihr nicht so den Herrn finden, alle,
die ihr in euren Herzen harrt?
Denn der Herr wacht über die Frommen, sucht die Demütigen,
die Gerechten ruft Er beim Namen.
Über den Armen schwebt Sein Geist,
die Getreuen stärkt Er mit Seiner Kraft.
Er verherrlicht die Frommen am Thron Seiner Herrlichkeit,
Arme wird Er sättigen, Vertriebene führen,
Hungernde reich machen, einladen zum Mahl.
Die Gebundenen löst Er, öffnet Blinden die Augen,
die Gebeugten richtet Er auf
... und herrliche Wunder, die so nicht geschahen ...
Dann wird Er Schwerverletzte heilen, Tote wieder beleben,
den Armen frohe Botschaft verkünden.
«
(4Q521, frg. 2,II,1; nach der Übertragung von Otto Betz)

Freitag, 16. Januar 2015

Mein Bauch gehört mir!


Liturgische Eph­e­me­ri­de

»Pius XII. war der erste Papst, der einen deutlichen Eingriff in das überlieferte Messbuch vorgenommen hat.« 
Msgr. Klaus Gamber

Andreas von Pro Spe Salutis, der von mir und sicherlich auch der gesamten dunkelkatholischen Netzgemeinschaft hochgeschätzte Vertreter eines aufgeklärten Reformtraditionalismus, äußerte sich neulich in einem spitzen Tagessplitter über den hier und da grassierenden Antipacellianismus im Lager der Außergewöhnlichen Außerordentlichen.

Zwar nagte dieser Beitrag in meinem Inneren wie der Gewissenswurm, doch aus zweierlei Gründen wollte ich mich eigentlich nicht weiter dazu äußern. Zum einen, da ich die kräftezehrenden innertraditionalistischen Zwiste leid bin (»welche Buchstabensuppensekte-Priestergemeinschaft ist die Beste?«), gerade angesichts dringlicher Probleme wie der systematischen Verfolgung der Ecclesia Dei in vielen Teilen der Welt ... zum anderen, da ich niemandes persönliche Helden, Vorbilder und damit verbundene Ideale unnötig in den Schmutz ziehen möchte. Mir würde es auch nicht gefallen, täte jemand das mit den meinen. 

Und wieso schreibe ich jetzt doch was? Weil der Heilige Geist - es ist immer gut, einen Schuldigen zu haben - mich mittels Kommentarfunktion daran erinnerte, dass der Liturgiewissenschaftler Klaus Gamber ebenfalls so ein Kritiker der neuen Karwochenordnung war. Nicht, dass das nun etwas ganz besonderes wäre, so wirklich viele Verteidiger des Ordo Hebdomadae Sanctae Instauratus gab es im traditionsverbundenen Bereich damals wie heute ohnehin nicht, eher ist deren Zahl noch weiter geschwunden. Und ich denke, dass es nicht nur daran liegt, dass die gleichen Übeltäter, welche sich an der Heiligen Woche verdingten, auch die Neue Messe zusammenkritzelten ... oder dass es einfach nur stumpfes Festhalten am Festgeschriebenen ist, was man auf Gedeih und Verderb verteidigen musste, so wie die Anderen es auf Gedeih und Verderb überwinden wollten: "Der Kopf des Rammbocks", so nannte der Bugnini-Handlanger Carlo Braga die vorkonziliare Reform, "der die Festung der bislang statischen Liturgie einrannte.

Nein nein, ich glaube, es ist wirklich etwas verkehrt mit dieser Liturgie, sie ist nämlich der Prototyp des neuen rationale aller Riten, die Vormachtstellung des Pastoral. Nicht irgendeines Pastorals, nein, sondern es geht um 'Das Pastoral' von 'Das Konzil'.

Das Argument schlechthin für die neue Karliturgie scheint der Zelebrationszeitpunkt der Ostervigil zu sein. Und hanc sacratissimam noctem in der Nacht zu feiern, ist mir auch durchaus sehr recht. Aber was soll das nun, ist es das stärkste oder einfach nur das einzige Argument, was für die Reform spricht? Hört sich erstmal gut an, ist bei genauerer Betrachtung aber reichlich schwachbrüstig. Wie der oben zitierte Klaus Gamber sagte, hätte man ja einfach die alte Liturgie nach hinten verschieben können. Das hätte viel Kosten und Mühen gespart. Man wollte aber nicht sparen, man wollte etwas gaaaanz anderes.
Es hatte nämlich wahrscheinlich schon so seinen Zweck, die Arbeit an offensichtlichen Unstimmigkeiten zu beginnen, gegen die sich niemand wehren konnte. Oder besser: es war, wie so vieles, Mittel zum Zweck. Die Auferstehung muss pünktlich um Mitternacht stattfinden, während alle anderen Regeln der Zelebrationszeit aufgegeben wurden. (Mal ganz abgesehen davon, dass es so oder so schräg ist, in finsterster Nacht jedem frohe Ostern zu wünschen und sich dann zur Feier des Tages erstmal ins Bett zu legen und am Ostersonntag höchstens in irgendeine Freßstube, nicht aber in die Kirche zu gehen.) Was sagte neulich noch ein verehrter Blogger von wegen Mysterium und Zeit?
Segensformeln wurden gestrichen, weil Sakramentalien nicht so wichtig wie das Sakrament sind, aber sie sind wichtig genug, dass man sie in ihrer ganzen Armut nun versus populum auf einem kleinen Tischchen feiern muss. Stufengebet und Schlussevangelium wird abgezwackt, weil sonst alles zu lang dauert, hier und dort wird aber Neues hinzugefügt, wo es schon mal länger dauern darf - und selbst der blödeste Plebs im Kirchenschiff es versteht. Statt urkirchlicher Taufzeremonie im Baptisterium findet im Presbyterium ein frisch erfundenes Spektakel im ad hoc errichteten Suppenkessel oder Weinfass statt, in das man, auch wenn es sich doppelt, eine Tauferneuerung in Landessprache einfügt. Man könnte noch dutzende innere Widersprüchlichkeiten dieser Liturgie benennen, die eigentlich nur zwei mögliche Schlussfolgerungen zulassen: Entweder hatten die Schöpfer keine Ahnung von dem, was sie da taten, oder es war Absicht. Im Kontext der Neuen Messe wird wohl klar, dass es letzteres war. Eigentlich finden wir alle Normen, die den Novus Ordo regieren, schon in der "Wiederhergestellten Heiligen Woche" von 1955.

Mehr will ich nun zur Karliturgie nicht sagen, es wäre ohnehin eine Wiederholung der Wiederholung. Interessierte Leser können sich dazu die wie immer ausgezeichneten Una Voce Position PapersTeil 1 und Teil 2 anschauen. Eine Übersetzung der hervorragenden Vergleichsstudie von Pater Stefano Carusi ins Englische findet sich hier.
Der französische Rubrizist Msgr. León Gromier erlebte die Paulinische Messe nicht mehr. Und doch erkennt er in seiner äußerst amüsanten (wenn auch holprig übersetzten) Polemik gegen die Karwochenreform ganz genau, wohin der Wind weht.

Ich gebe also zu, ein Fan von Pius XII. bin ich wirklich nicht. Mir kommt es so vor, als litt er an jeder öffentlichen liturgischen Feier, als präferiere er den jesuitischen Minimalismus, den man vielleicht auch in seinen entsprechenden Verlautbarungen erkennen kann (dazu die Kollegen von Summorum-Pontificum). Überhaupt erscheint er mir so steif, eng, verkrampft. So, wie die Erneuerer die Kirche damals gerne sahen ... und wie sie in Teilen vielleicht auch war. Ganz im Gegensatz zum Jesuita-non-contat steht Johannes XXIII., der in der Feier der Mysterien aufzublühen scheint, in dem ich viel mehr einen Mann der Tradition zu sehen vermag, als beim Pacelli-Papst. Auch ganz ohne Accademia dei Nobili Ecclesiastici, wie damals schon bei Papa Sarto. Eben die Tradition des Bauern, nicht die des italienischen (Geld-)Adels.
Und ja, ich denke, auch die Psalterordnung Pius X. darf noch einmal überdacht werden. Denn, dass heilige Päpste - sogar, wenn sie eifrige Antimodernisten sind - nicht immer und alles richtig machen, das dürften wir inzwischen wissen ...

Donnerstag, 15. Januar 2015

Innerer Dialog

Wenn man den inneren Dialog nicht mehr mit sich selbst, sondern mit Gott führt ... dann ist man eine Stufe weiter auf dem Wege der Heiligkeit.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Die erste Untersuchung der Neuen Messbuches in der vergleichenden Liturgiewissenschaft

Wer bislang nach einer wirklich wissenschaftlichen Kritik der Novus Ordo Missae suchte, der konnte lange suchen und doch nicht fündig werden. Sicherlich gibt es gute Studien, die Einzelaspekte herausgreifen und durchdacht behandeln. Aber wenn wir ehrlich sind, dann ist das Gros an Kritik nicht gerade auf einem hohen Niveau, polemisch im schlechtesten Wortsinn und noch dazu von üblichen Verdächtigen geschrieben, mehr Selbstbeschäftigung und Futter für jene, die sowieso schon die gleiche Meinung teilen. Als würde das nicht reichen, ist viel, was seit Beginn der "traditionalistischen Bewegung" so alles geschrieben wurde, noch dazu schlichtweg falsch. Manchmal würde man da am liebsten schon aus Trotz in die nächste Fastnachtsmesse gehen.
Das alles ist natürlich Wasser auf die Mühlen der sogenannten Progressiven, die alte-Messe-Molche schon mal gerne als ungebildete Hinterwäldler oder schrullige Wirrköpfe darstellen. Auch nicht unbedingt das allerhöchsten Niveau. Obgleich möglicherweise auch hier und da was dran sein könnte.

Zugegeben, die Arbeit ist keine kleine und keine leichte. Zwar haben wir haufenweise Material sowohl für das tridentinische als auch für das moderne Römische Missale, aber über die Beziehung der beiden zueinander existiert praktisch nichts. Welch ein Rattenschwanz an solch einer Studie hängt, sollte klar sein. Aber ohne eine derartige Arbeit lässt sich die lex orandi der neuen Liturgie gar nicht verstehen. Oder will die gar niemand verstehen, weil man Gefahr laufen könnte, dass das Ergebnis nicht zur eigenen Agenda passt? Und ja, auch hier kann man wieder sagen, dass in kritikfröhlichen Kreisen oftmals weder die intellektuellen noch materiellen Voraussetzungen für Arbeiten dieser Art vorhanden sind.

Wie dem auch sei, um so erfrischender, wenn dieses seit inzwischen fast 50 Jahren brachliegende Feld doch noch beackert wird. Dr. Lauren Pristas veröffentlichte nach einigen Vorarbeiten im Jahr 2013 die erste vergleichende Untersuchungen der Texte beider Römischen Messbücher, die zeigen soll, ob 
»(...) the pre- and post-Vatican II missals assume the same posture before God, express the same convictions and sentiments about him, present the human situation in the same way, beseech God for the same or similar graces - and if they do not, in what specific ways, and to what extent, they differ.«*
So viel sei bereits verraten, they differ! Dabei ist die Theologin nun wirklich keine Krawalltraditionalistin, ihre Urteile und Ergebnisse sind stets mehr als ausgeglichen. Fast schon zu ausgeglichen, mir scheint ihr Schlussfazit im Vergleich zu den Zwischenergebnissen eigentlich schon beschönigend, was die lex orandi des reformierten Missales angeht. Dom Cassian Folsom, Prior der altrituellen Benediktinergemeinschaft in Norcia, der von Benedikt XVI. zum Berater der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung berufen wurde, schreibt, ihr Buch "raises the interesting question: if the lex orandi of each Missal is different, how can they represent one lex credendi?" Nun, eine Lösung dafür steht noch nicht parat. Zumindest keine einfache.

Naja, jetzt bin ich schon weit vom eigentlich intendierten Thema abgekommen. Eigentlich sollte es zum Abschluss der Weihnachtszeit im engeren Sinn nur um die neuen Kollekten dieser liturgischen Jahreszeit gehen. Mit dem Advent sind sie logischerweise das erste Thema bei Pristas, das Zwischenfazit macht aber schon auf Vorlieben der Messbuchsredaktion (welch unschönes Wort!) aufmerksam, die sich in den weiteren liturgischen Zeiten fortsetzen werden - obgleich um Weihnachten noch vergleichsweise viele tridentinische Orationen weiterverwendet wurden:
1. Es besteht die Neigung, die Titel unseres Herrn zu streichen (unser Erlöser, unser Herr Dein Sohn, Eingeborener)
2. Es besteht die Tendenz, den rezipierten Text abzuwandeln, und zwar ohne jegliche Begründung in der Tradition des Manuskripts. Diese leichten Veränderungen verbessern den Text nicht merklich.
3. Die Redakteure lehnen das Vokabular der Unterwerfung, des Gehorsams, der Unterordnung ab und streichen entsprechende Passagen oder ganze Orationen.**
4. Es besteht die Tendenz, die Sünde oder der das Ringen mit der Sünde nicht zu benennen.
Im Laufe des Kirchenjahres werden noch einige weitere, teilweise erstaunliche Neigungen der Redaktion des postkonziliaren Missales sichtbar werden.

Die Kollekten des Römischen Messbuches und der antiken Sakramentare sind ein reicher Schatz, eine ergiebige Quelle für die Theologie und das geistliche Leben. Vieles kann sich dem modernen Beter aber leider nicht mehr so ohne weiteres erschließen, erst recht nicht in mehr oder weniger guten landessprachigen Übersetzungen. Folglich nehmen wir die Gebete auch nicht mehr so wahr wie die Alten. Vielleicht, weil wir unbewusst der Bedeutung von Sprache weniger Gewicht beimessen, vielleicht, weil man uns an jeder (Kirchen-)Ecke mit vorformulierten Gebeten erschlägt. Gerne würde ich hier jede Oration einzeln thematisieren ... würde das die Leserschaft nicht all zu sehr ermüden und mir viel Arbeit bereiten. Aber sich werde ich hin und wieder mal auf Dr. Pristas zurückgreifen, gerade auch, um die eindrücklichsten Veränderungen zum reformierten Messbuch aufzuzeigen.

Zwei Arbeiten der amerikanischen Theologin sind übrigens auch online verfügbar:

The Collects at Sunday Mass: An Examination of the Revisions of Vatican II (in: nova & vetera, Winterausgabe 2005)
The Orations of the Vatican II Missal: Policies for Revision (in: Communio, Winterausgabe 2003)


*The Collects of the Roman Missals. A Comparative Study of the Sundays in Proper Seasons before and after the Second Vatican Council. London u.a.: Bloomsbury 2013, S. 2.
**dadurch verliert gerade die Kollekte vom Fest der Heiligen Familie fast gänzlich ihre theologische Qualität: der göttliche Sohn war seinen Eltern untertan und heiligte das häusliche Leben, in dem er es lebte!

Dienstag, 13. Januar 2015

Da wollte ich gerade ...

... anlässlich des sich jährenden Heimgangs eine Eloge auf den princeps philosophorum Pater Josef Kleutgen, SJ, halten - und es will schon etwas heißen, wenn ich Positives über Jesuiten zu berichten weiß - da spuckte mir die Google-Suche ein Buch über gewisse Nonnen von Sant' Ambrogio aus. Einen Link dahin möchte ich auf dieser Seite nicht einstellen.

Nun mag sich das verhalten wie es will, wahr oder erdacht sein, was ich da las. Die Freude am Schreiben einer commemoratio ist mir dennoch irgendwie vergangen. Nicht, dass es mir an Verständnis für menschliche Schwächen gleich jeder Art fehlen würde. Erst recht nicht, dass ich glaubte, ein schwarzer Rock und wacher Geist mache immun gegen jeden Fehler. Man muss nicht ergraut sein, um aus eigener Erfahrung ... oder zumindest aus zweiter Hand ... zu wissen, dass die Kirche unvollkommene Glieder erleidet, mehr noch, Oberen Gewalt über Seelen verantwortet wird, die sie nie hätten haben dürfen. Schwerer Schaden, zerstörtes Urvertrauen, verbrannte Erde. Nur im Kreuz mag sich dieses Mysterium auflösen lassen.

Wie dem auch sei, ich glaube, in Kirchensachen nicht der Allernaivste zu sein. Und doch schockiert es irgendwo, tief in der Seele. Und raubt ein bisschen mehr Vertrauen. Egal, ob die Anschuldigungen wahr sind oder nicht, allein, dass sie wahr sein könnten. Gar nicht mehr genug Kraft und Glauben vorhanden ist, sie erst einmal zurückzuschmettern, wie man das vielleicht früher getan hätte. Viel Heiligkeit ist vonnöten, um trennen zu können: Makellose Braut Christi, die Kirche, der Glaube, und fehlerbehaftete Diener der Braut. Solange das nicht erreicht ist, man nicht in kindlicher Ehrfurcht sich niederbeugen und versinken will vor der Majestät des priesterlichen Charakters, dem großen Seelensiegel ... gleichzeitig die sich bisweilen so grauslig monströs zeigende Welt, ja gerade dort, wo sie am heiligsten sein soll, am satanischsten wirkt ... erkennen, aber transzendieren, überwinden kann. Nicht in Bitterkeit und Zynismus, sondern in Milde und Liebe.

Erst dann leidet der eigene kleine Glaube keinen Schaden mehr, ob man es sich eingestehen möchte oder nicht.

Urtextliche Epiphanie

Jüngst trat hier im Kommentarbereich eines Beitrages eine kleine Diskussion um den biblischen Urtext bzw. seine älteren und neueren Übertragungen auf. Kollege montan, wohl nicht nur des Lateinischen, sondern auch des Griechischen mächtig, stand mir dabei zur Seite. In der Tat kann spätestens seit Qumran der für längere Zeit sakrosankt gehaltene »Urtext« masoretischer Machart nicht mehr als 100% authentischer Tempeltext sine macula gelten, gegen den keine fremdsprachige Übersetzung anstinken kann.* Plötzlich erscheint die Kontroverse zwischen Synagoge und junger Kirche in der frühchristlichen Zeit um die echten Schriften nicht mehr ganz so arg als Phantasterei der christlichen Partei, und ihre »Interpolationen« vielleicht doch nicht ganz so frei erfunden oder fromm herbeigewünscht, reingelesen und dann hineingeschrieben. Ich weiß ich weiß, viel Spekulatius und nicht unbedingt mainstream-wissenschaftstauglich, aber wir wollen ja doch nicht nur Wissenschaftler sein, sondern womöglich obendrein auch Christen ... und unseren Vorvätern im Glauben doch den favorem fidei zugestehen? Wenn ich mehr Zeit habe, schreibe ich vielleicht alsbald noch etwas mehr über das Thema.

Wie dem auch sei, zum Oktavtag von Epiphanie etwas Theophanisches aus der sogenannten Aramäischen Apokalypse von Qumran (4Q246):
Gottes Sohn wird er genannt und heißen wird man ihn Sohn des Höchsten, wie eine Sternschnuppe. (...) Bis das Volk Gottes ersteht und alle vom Kriege ruhen lässt. Ihr Königreich wird ein Reich ohne Ende sein.
Na, sounds familiar? Mal ganz abgesehen von der Sternschnuppe:
Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden … Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden (...) und seines Reiches wird kein Ende sein.
(Lukas 1, 30-35)

Der ach-so-griechische-Griechen-Lukas, der sich ob seines Griechentums schon viele Vorwürfe machen lassen musste (wie die Erfindung des Sohnes Gottes) ... er ist, so kann man m.M.n. jetzt doch mit nahezu absoluter Sicherheit sagen, wohl näher an der jüdischen Tradition als die nachchristliche Synagoge. Wer es fassen kann, der fasse es.

*(und ja, ich weiß, dass ich da gewissermaßen gegen Hieronymus argumentiere und mir mit meiner Vulgata-Vorliebe ins eigene Bein schieße)

Montag, 12. Januar 2015

Schelte eines Seligen

Kardinal Schuster selig war ein Liebhaber des feinen liturgischen Sinnes der spätantiken bis frühmittelalterlichen Kirche. Ich bin mir ziemlich sicher, die himmlische Liturgie, welche er jetzt genießt, trifft ebenfalls genau seinen Geschmack. Bei der irdischen jedoch, ja, da hatte er bei manchen modernen Kompositionen einiges auszusetzen.* So las ich z.B. neulich zum zweiten Gradualvers vom letzten Sonntag in seinem Liber Sacramentorum:
»An der Abkehr von den klassischen Regeln der Responsorialpsalmodie erkennen wir sofort den modernen Komponisten, der sich bei der Zusammenstellung des Messformulars mit einem Band von Schriftkonkordanzen begnügte.«  
O Du hoffentlich-bald-heiliger Benediktiner, kenntest Du die computergestützten Bibelwissenschaftler von heute, die noch nicht einmal das Buche Obdias gelesen haben müssen, aber ihre Fußnoten dennoch mit seitenweise Belegstellen füllen können, dann würdest Du jene Konkordanzen von einst nicht lästern, die jetzt ein trauriges Staubfängerdasein fristen!

Hüten wir uns vor einer Copy&Paste-Theologie, vor Liturgie und Geistlichkeit aus seelenlosem Stückwerk, die nie das Ganze durchdringen kann ...


*Bei gelungenen Texten neueren Datums spart er aber auch nicht an Lob, mir fiele da z.B. die Präfation vom Christkönigsfest oder das Offizium des Rosenkranzfestes ein. 
(Zitat entnommen aus der englischen Edition: The Sacramentary (Band 3). Westminster 1927, S. 332, ins Deutsche übertragen)

Sonntag, 11. Januar 2015

Von Augenblick zu Augenblick im Sein

»Der unleugbaren Tatsache, daß mein Sein ein flüchtiges, von Augenblick zu Augenblick gefristetes und der Möglichkeit des Nichtseins ausgesetztes ist, entspricht die andere ebenso unleugbare Tatsache, daß ich trotz dieser Flüchtigkeit bin und von Augenblick zu Augenblick im Sein erhalten werde und in meinem flüchtigen Sein ein dauerndes umfasse. Ich weiß mich gehalten und habe darin Ruhe und Sicherheit - nicht die selbstgewisse Sicherheit des Mannes, der in eigener Kraft auf festem Boden steht, aber die süße und selige Sicherheit des Kindes, das von einem starken Arm getragen wird - eine, sachlich betrachtet, nicht weniger vernünftige Sicherheit. Oder wäre das Kind "vernünftig", das beständig in der Angst lebte, die Mutter könnte es fallen lassen?«
Edith Stein. In der Kraft des Kreuzes. Herausgegeben von Waltraud Herbstrith. Freiburg i. Br. 1980 S. 37f, aus Endliches und Ewiges Sein. 

Freitag, 9. Januar 2015

Was fürchtest du die Ankunft Christi?

Hostis Herodes impie,
Christum venire quid times?*
Non eripit mortalia,
qui regna dat caelestia
Treuloser Feind, Herodes,
was fürchtest du die Ankunft Christi?
Es raubt nicht vergängliche Reiche
der das himmlische schenkt.

Erst kürzlich habe ich bemerkt, wie man plötzlich über Altbekanntes stolpern kann. Der Vesperhymnus der Epiphaniezeit ist wohl kein ganz so alltäglicher Gefährte, aber auch hier ging mir erst nach mehrmaligem Rezitieren ein Licht auf: Ich spiele hier nicht nur Vergangenes durch, erzähle die Geschichte der Weisen und würge dem Herodes nebenbei auch noch eins rein. Nein, es ist ja auch ein geistliches Lehrstück für mich, für den eigenen, inneren Herodes. Wie der König damals feiere ich auch die heiligen Riten, spreche meine Gebete, bringe meine Opfergaben dar. Aber wenn es darauf ankommt, der Vorsehung zu vertrauen, mich nicht vor Christus zu fürchten, der schon in unserem irdischen Leben nicht nimmt, sondern gibt ... da verlässt mich häufig der Mut, da ist die Sorge um das bisschen Vergängliche, Sterbliche, was ich hier angehäuft habe; oder was ich mir so alles erhoffe, noch anzuhäufen.

So seien diese Verse doch Ermahnung, besser, Ermunterung, dass es keinen Grund zur Furcht gibt. Dass wir nicht das Lippenbekenntnis ablegen: Ich will kommen und es anbeten, für uns aber ganz andere Pläne aushecken. Treulose, grausame ... gottlose Vorhaben, im wortwörtlichen Sinn.

Der Herr wird wohl zwischen Schächern gekreuzigt werden, aber er selbst ist doch kein Räuber. Selbst die Geschenke, die wir Ihm darbringen können, haben wir doch nur von Ihm. Die Gnade der göttlichen Adoption macht uns zu Brüdern Christi, und so dürfen wir so tun, als wären Seine Reichtümer die unsrigen.
Nicht weniger haben wir dadurch, wie Herodes fürchtete, sondern mehr.



*die hyperlatinistischen Abänderung durch Urban VIII., wie man sie seither im Römischen Brevier findet, hat sicher auch einen eigenständigen Wert:

Crudelis Herodes, Deum,
Regem venire quid times?

Grausamer Herodes, warum fürchtest du,
dass Gott als König kommt?

Donnerstag, 8. Januar 2015

Die Kirche und der wahre Islam - Lösungsansatz einer Fragestellung

Die Ereignisse der letzten Jahre - jüngst der schreckliche Anschlag in Frankreich - stellt Gläubige vor das Problem, wie das doch sehr optimistische Bild vom Islam, welches die Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil zeichnet, mit der sich bietenden Realität vereinbar ist. Dazu tritt die Frage, mit welcher Autorität die Kirche überhaupt von einem wahren Islam sprechen kann. Schließlich hat der Römische Pontifex nicht die oberste Lehrgewalt über den muslimischen Glauben inne. Oder ist die Kirche etwa auch authentische Interpretin aller fremden Lehren?

Eine Überlegung meinerseits dazu mit einem Blick in die Geschichte.

Als Papst Innozenz X. fünf Sätze des Bischofs Cornelius Jansen aus seinem Hauptwerk "Augustinus" als häretisch verurteilte, gaben die Jansenisten auch zu, dass jene Doktrin heterodox sei ... jedoch stünde sie tatsächlich nicht im Augustinus. Ein sophistisches Verwirrspiel begann. Für die Jünger Jansenius' stand letztlich fest, dass der Papst eine Kompetenz in bestimmten Glaubensfragen hat, er jedoch nicht den Sinngehalt eines Buches feststellen kann. Sie behaupteten, die Kirche wäre in der Verkündung von geoffenbarten Glaubenswahrheiten und der Verurteilung von ihr entgegenstehenden Irrtümern unfehlbar, also im Dogma, nicht jedoch in Dingen, die nur in einer gewissen Verbindung zum Dogma stehen, bzw. den Dingen, die notwendig sind, um den Glaubensschatz effektiv zu bewahren, sozusagen in den dazugehörigen Fakten. Und so musste Alexander VII. die jansenistischen Lehren erneut verdammen und feststellen, dass die berühmten fünf Sätze auch wirklich im Augustinus enthalten sind. Den Jansenisten blieb somit kein Spielraum mehr, entweder ordneten sie sich unter das Urteil oder aber sie trennten sich offiziell von der Kirche.
Ganz neu war das Ganze der Theologie ohnehin nicht - denn wäre die Kirche nur Lehrerin abstrakter Theorien, dann wäre sie als praktische Hüterin und Unterweiserin in Glaube und Moral komplett nutzlos und die Kirchenglieder jedem Irrtum schutzlos ausgeliefert.

Anders ausgedrückt: Derjenige, der dem Urteil der Kirche glaubt, muss auch glauben, dass das Objekt des Urteils, das Beurteilte, genau das ist, wie es die Kirche beurteilt. Denn das Urteil der Kirche als wahr anerkennen heißt gleichermaßen, anzuerkennen, dass das Objekt des Urteils genau so ist, wie es im Urteil dargestellt wird.

Durch die jansenistische Kontroverse entstanden also die Begriffe des dogmatischen Faktes und des fides ecclesiastica, des "kirchlichen Glaubens", der nahe am Dogma steht, aber kein Dogma ist. Das wurde von mir hier und hier schon einmal im Zuge der Sicherheit von Heiligsprechungen am Rande erwähnt.* Im weiteren Sinne wird der dogmatische Fakt nämlich für die Unfehlbarkeit der Kirche in der Erklärung, wer der Papstamt hält, welche Konzilien ökumenisch und welche Personen Heilige waren verwendet. Im engeren Sinne aber bezeichnet die kirchliche Gewalt über bzw. in dogmatischen Fakten die Feststellung der Bedeutung, des Sinngehaltes von Sprache. Wie eben schon gesagt, wäre die Kirche machtlos, könnte sie nicht die Bedeutung von Sprache feststellen. Ihr ihr einziges Lehrmedium ist ja gerade die menschliche Sprache!

Soweit so gut. Was hat das aber nun mit dem Islam zu tun? Wenn die Kirche feststellt, wer ihr Papst ist, so ist sie erst einmal mit sich selbst beschäftigt. Stellt sie die Lehre der Jansenisten fest, so ist es der Kirche auch noch recht nahe, denn die wollten ja gerade den katholischen Namen bewahren, freilich, ohne echte innere Unterwerfung unter das Urteil der Catholica. Und selbst die Häretiker beanspruchen doch für sich, Christen zu sein.

Das ist alles richtig, und hier dürfte meiner Meinung nach Berührungspunkt und Grenze der lehramtlichen Feststellung eines wahren Islams liegen. Wo der Islam christlichen Glauben und Moral berührt, dort kann, dort muss die Kirche die Lehre ihres Gegenübers erkennen und abgrenzen können. Um ihre eigene Integrität zu wahren, um ihre Kinder richtig unterrichten und vor Gefahren schützen zu können, muss sie auch die muslimischen Lehren in einer gewissen Grenze sicher erkennen können. Hier bewegen wir uns nach meinem Dafürhalten im Bereich der dogmatischen Fakten.

Wo wird aber die benannte Grenze überschritten? Je mehr wir uns im Islam nach innen wenden, je tiefer wir in muslimische Glaubenssachen eindringen, die Berührpunkte von Lehrsätzen und Moralgesetzen verlassen. Die Kirche wird schwerlich beurteilen können oder wollen, ob Schiiten oder Sunniten nun die einzig wahren Muslime sind. Es betrifft nicht ihre Mission, Glauben und Moral der Christgläubigen berührt diese Frage nicht. Aber ob Muslime im Allgemeinen unseren Glauben an einen allmächtigen und barmherzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde teilen, das nähert sich schon wieder der Grenze an.

Möglich wäre vielleicht auch - und das ist wohl die eigentliche Frage von Interesse im Moment - eine Feststellung der Kirche, ob die Lehren Mohammeds aus sich heraus zu Zwietracht und Gewalt oder mehr zu Eintracht und Frieden führen. Eine letztere Behauptung von Seiten des Lehramtes wäre aus vielerlei Gründen natürlich befremdlich, man könnte fast meinen, dann wäre der Islam der Welt dienlicher als das Christentum. Ein derartiger Schluss scheint auch den jüngeren und älteren Erfahrungen entscheidend zu widersprechen.

Ganz anders einzustufen ist aber die Aufforderung der Kirche zur rechten Moral, ein Aufruf an die Muslime, auf das Gesetz der Natur zu hören, welches in jedes Herz geschrieben ist und ungerechtes Töten verbietet. Hier haben wir es kaum mit einer Feststellung über irgendwelche muslimischen Lehren selbst zu tun. Auch will ich in diesem Artikel in keinster Weise behaupten, die Kirche hätte definitiv über den Islam geurteilt wie vielleicht einst über die Jansenisten. Hierarchen reden in den letzten Jahrzehnten viel über den Islam, aber wirklich gelehrt wird doch - wie überall muss man wohl sagen: leider - nichts so richtig. Auch lässt sich kaum bestreiten, dass sich der Islam in den letzten fünfzig Jahren selbst sehr gewandelt hat, weit weniger Raum für den grellen Fortschrittsoptimismus von einst lässt. Mir ging es hier aber vor allem darum, doch die Möglichkeiten der Kirche aufzuzeigen und darzustellen, wie gefährlich Schlussfolgerungen einer all zu großen Einschränkung der "Erkenntnisfähigkeit" der Kirche sind. Es gilt: Kann, muss aber nicht. Und was möglich ist, ist längst auch nicht immer ratsam oder opportun.
Wenn ich damit nun nichts zu Brennpunkten aktueller Debatten beitragen konnte, wie es der Titel möglicherweise vermuten lässt, dann entschuldige ich mich beim enttäuschen Leser ...


*P. Marin-Sola, OP, vertritt allerdings gegen die Mehrheit der Theologen und u.a. gegen P. Garrigou-Lagrange, OP, die äußerst interessante These, dass alles, was mit kirchlichem Glauben geglaubt werden kann, in Wirklichkeit auch mit göttlichem Glauben geglaubt werden kann, es also gar keinen vom göttlichen Glauben verschiedenen kirchlichen Glauben gibt. 

Dienstag, 6. Januar 2015

Im Fleisch der Erde unser Gott


O Bethlehem, einzig grosse stadt
Der grossen städte, aus dir ging
Der fürst des heils vom himmel her
In menschlicher gestalt hervor.

Der stern, der noch das sonnenrad
An licht und schönheit überglänzt,
Zeigt an der welt: gekommen ist
Im fleisch der erde unser Gott.

Die weisen, da sie ihn geschaut,
Bringen des ostens gaben dar
Und opfern betend hingestreckt
Harz, myrrhe, königliches gold.

Als gott und könig künden ihn
Der goldschatz und der glühe duft
Von Sabas weihrauch, doch der staub
Der bittern myrrhe meint sein grab.


Laudeshymnus O sola magnarum urbium nach dem Römischen Brevier, aus dem Epiphaniehymnus des Prudentius zusammengestellt, übersetzt von Friedrich Wolters in: Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Berlin 1914, S. 36.

Bild: Krippendarstellung in St. Margareth, Augsburg.

Ankündigung der beweglichen Feiertage

In Kathedral-, Kollegiats- und Klosterkirchen an Epiphanie nach dem Evangelium zu singen: 
Noveritis, fratres charissimi, quod annuente Dei misericordia, sicut de Nativitate Domini nostri Jesu Christi gavisi sumus, ita et de Resurrectione ejusdem Salvatoris nostri gaudium vobis annuntiamus. Die prima Februarii erit Dominica in Septuagesima. Decima octava Februarii dies Cinerum, et initium jejunii sacratissimae Quadragesimae. Quinta Aprilis sanctum Pascha Domini nostri Jesu Christi cum gaudio celebrabimus. Die decima quarta Maji erit Ascensio Domini nostri Jesu Christi. Vigesima quarta ejusdem festum Pentecostes. Die quarta Junii Festum sacratissimi Corporis Christi. Vigesima nona Novembris Dominica prima Adventus Domini nostri Jesu Chnisti, cui est honor et gloria in saecula saeculorum. Amen.
»Wisset, geliebte Brüder, dass wir mit der Gnade der Barmherzigkeit Gottes, wie wir über die Geburt unseres Herrn Jesus Christus gefreut haben, so auch mit Freude euch die Auferstehung unseres Heilandes verkündigen. Am 1. Februar wird Septuagesima sein, am 18. Februar ist Aschermittwoch und der Beginn der allerheiligsten vierzigtägigen Fasten. Am 5.  April werden wir das das Osterfest des Herrn mit Freude feiern. Am 14. Mai ist das Himmelfahrtsfest unseres Herrn Jesus Christus. Am 24. desselben Monats Pfingsten. Am 4. Juni das Fest des hochheiligsten Leibes Christi. Am 29. November ist der 1. Sonntag des Advents unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre und Preis sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.«

(Nach dem Pontificale Romanum. Jussu editum a Benedicto XIV. et Leone XIII. recognitum et castigatum. Rom 1886.)

PS: Vorgetragen von Fr. Zuhlsdorf hier

Montag, 5. Januar 2015

Noch einmal Thomas Pink

Kürzlich habe ich selbst auf Thomas Pinks Einwurf zur eigentlich schon wieder eingeschlafenen Debatte über Dignitatis humanae hingewiesen. Heute brachte Rorate Caeli einen Beitrag über die mangelnde Rezeption der Pink'schen Thesen sowohl bei den Theologen der FSSPX als auch in der Glaubenskongregation.

Nur ein einziger Gedanke dazu von meiner Seite: Letztlich spielt es doch nur eine untergeordnete Rolle - ich vergleiche es mit der aristotelischen Materialursache - wie Theologen oder Philosophen bestimmte Lehramtstexte interpretieren. Es bringt uns nur äußerst bedingt weiter. Selbst dann, wenn sie selbst daran mitgewirkt haben. Entscheidend ist am Ende, wie die Kirche selbst ihre Äußerungen auffasst. Diesen Vorwurf musste sich auch Alexandra von Teuffenbach (deren Arbeit ich sehr schätze) bei ihrer Interpretation von subsistit in zu Recht machen lassen. Natürlich ist solch eine Auseinandersetzung förderlich und hilft der Kirche bei der Findung ihrer rechten Lehre. Doch sollten wir uns auch bewusst machen, dass es letztlich nur die Ecclesia ist, welche Glaubenssätze authentisch interpretiert. Und wäre es auch nur eine dem Ausgang des Gnadenstreites ähnliche Lösung, nämliche eine offizielle Lehrerlaubnis "beider", d.h. liberalerer und konservativerer Positionen - es hätte wenigstens Hand und Fuß.

Was die Alten einst gebetet: Marianische Schlussantiphon

Fortsetzung von hier.



"Ha", möget ihr nun sagen, "aber die beten wir ja auch heute noch!" Das ist nun wahr, jedoch nicht ganz so häufig. Nach tridentinischer Ordnung singt man das Schlusslied zu Ehren der allerseeligsten Jungfrau nämlich nach den Laudes, der Komplet oder vor jedem Verlassen des Chorraums. Zu viel des Guten, unnötige Wiederholung? You decide!

Bild: Liber Usualis Missae et Officii. Desclee: Paris, Tournai, Rom 1928.

Sonntag, 4. Januar 2015

Petrus, Thomas und franziskanische Namen-Jesu-Spiritualität

Als Papst Innozenz IV. Thomas von Aquin einmal in seiner Studierstube empfing, lagen einige Gold- und Silbermünzen auf dem Tisch. Der Heilige Vater scherzte: "Wie du siehst, Bruder Thomas, können wir nicht mehr wie der erste Papst sagen: 'Gold und Silber habe ich nicht.'"  "Fürwahr", entgegnete der Dominikaner, "und darum könnt Ihr auch nicht mit Petrus sagen: 'Im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und gehe!'"

Samstag, 3. Januar 2015

Mein Vorsatz für das neue Jahr



Einen Kalender für das neue Jahr besorgen! Gewöhnlich schaffe ich das aber bis Mitte Februar ...

Ich bin heilig

Vergangenen Abend stolperte ich beim Beten der Komplet über Vers 2 in Psalm lxxxv:
Custodi animam meam, quoniam sanctus sum: * salvum fac servum tuum, Deus meus, sperantem in te.
Behüte meine Seele, denn ich bin heilig: * rette Deinen Knecht, mein Gott, der auf Dich hofft.
Ich weiß gar nicht, wie das so kam. Fiel mir die Stelle sonst nie auf, leiere ich das Stundengebet all zu oft nur gedankenlos herunter? Eine gefälligere Interpretation wäre natürlich, dass man in der Psalmmeditation ein Leben lang immer neues entdecken kann, nun ja ...

Wie dem auch sei, der Vers brachte mich etwas aus dem Konzept, wie konnte ich denn sagen, ich sei heilig? Gewiss, wenn man der christlichen Tradition nicht ganz fremd ist, fällt einem dazu schon eine halbwegs passable Antwort ein. Allem voran, dass Psalm 85 ein Christuspsalm ist. Die Stimme des Sohnes zum Vater. Wie aber kann dem Sünder jenes Wort auf die Lippen gelegt werden?
Bevor ich mir nun also weiter Gedanken machte, holte ich mal meinen vierbändigen Psalmenkommentar heraus, der gewöhnlich im Regal nur so vor sich hin verstaubt. Die beiden anglokatholischen Verfasser trugen u.a. zu jedem Vers die Kommentare der Alten zusammen:
(Augustinus) Weil Christus, unser Haupt, nicht nur in Sich selbst heilig ist, sondern auch die Ursache der Heiligkeit in anderen. Er gab uns die Gnade der Taufe und der Vergebung der Sünden, sodass der Apostel in 1. Cor. vi. 11. nach der Aufzählung vieler Arten von Sündern hinzufügt: Von der Art sind manche von euch gewesen; doch wurdet ihr abgewaschen, wurdet zu Heiligen und Gerechten im Namen unseres Herrn Jesus Christus und im Geiste unseres Gottes. Jeder Gläubige kann daher sagen: Ich bin heilig. (Euthymius Zigabenus) Es ist nicht der Stolz der Selbstgefälligkeit, sondern ein Bekenntnis der Dankbarkeit, und die Anerkennung dessen, dass wir feierlich dem Dienste Gottes geweiht wurden. Wir sind daher also mindestens im gleichen Sinne heilig, wie es die Geräte des Gottesdienstes sind. (Balthasar Corderius) Es ist auch beleibe kein Ausdruck von Selbstvertrauen, sondern die Erkenntnis der vergrößerten Gefahr für den Heiligen, die größere Notwendigkeit eines Retters. Denn gerade seine Heiligkeit gibt ihn den bösartigeren Angriffen seiner geistlichen Feinde preis. "Der Feind," so bemerkt einer der wortgewaltigsten frühen Prediger (Petrus Chrysologus), "zielt eher auf den Feldherr denn auf den Soldaten; noch greift er die Toten an, sondern die Lebenden; gleichermaßen versucht der Teufel nicht, Sündern zu betören, die er bereits als seine Untertanen hält, sondern er arbeitet daran, die Gerechten zu verführen.

Und zum Abschluss noch eine Kollekte zum Psalm aus dem mozarabischen Ritus:
Habe Erbarmen mit uns, O Herr, die wir den ganzen Tag lang zu Dir schreien; und sei denen gnädig, die Dich in der Not anrufen, dass wenn wir Dich preisen und Deine Majestät anbeten, Du uns wohlgefällig annimmst, und wenn wir Dich wegen unserer Taten fürchten, Du uns gnädig vergeben mögest. Mache also froh unsere Herzen mit gehorsamer Furcht vor Dir, und labe unsere zweifelnden Geister mit der Süße Deiner Tröstungen. Da Du süß und gnädig bist, lass uns in Süße von Deiner Vergebung trinken; und mögen wir Dich liebend und gnädig in der Zuteilwerdung des Lohnes finden.

(übersetzt aus J.M. Neale und R.F. Littledale: A Commentary on the Psalms. From Primitive and Mediaeval Writers and from Various Office-books and Hymns (vol. III). London: Joseph Masters & Co 1887, S. 66 u. 79.) 

Freitag, 2. Januar 2015

Wann ich Frauen beneide

Nämlich dann, wenn sie in winterkalten Kirchen ihre Pudelmützen aufbehalten können!

»Attacks on Thomism« von John Lamont

Ein äußerst lesenswertes Weihnachtsgeschenk machten uns die Kollegen von Rorate Caeli mit der Veröffentlichung eines Essays von Dr. John Lamont. Darin geht es um die Angriffe der neomodernistischen Schule auf den Thomismus, insbesondere durch die Errichtung des Feindbildes der Handbuch- oder Manualisten-Theologie und persönliche Attacken auf die Hauptvertreter neuscholastischer Theologie, allen voran Pater Garrigou-Lagrange aus dem Predigerorden. Nun mag auch in der alten Schultheologie nicht alles Gold gewesen sein, was glänzte, aber die Verdienste der durch Leo XIII. wieder auf den ihr gebührenden Platz gehobenen Scholastik thomistischer Prägung sind doch unbestreitbar. Es gelang in dieser eigentlich doch recht kurzen Zeit, dass die katholische Kirche wieder in den intellektuellen Diskurs einsteigen konnte, sich auf den Schlachtfeldern von Philosophie und Theologie nicht mehr verstecken brauchte. Und nicht zuletzt übte dieses über Jahrhunderte ausgefeilte Gefüge aristotelisch-platonischer Synthese auch eine Attraktivität aus, ich sehe es gerne als das akademische Gegenstück zur überlieferten Liturgie und Kirchenmusik, die selbst bei Un- oder Andersgläubigen Bewunderung hervorrufen konnte.

Prophetisch wirken da die Worte des benannten Dominikaners in seiner Schrift La nouvelle théologie où va-t-elle?, erstmals veröffentlicht 1946 im Angelicum:
Und es wurde vorgeschlagen, der Thomismus solle ersetzt werden, als wenn sich Leo XIII. mit seiner Enzyklika Aeterni Patris getäuscht hätte, als wenn Pius X., die Empfehlung erneuernd, einen falschen Weg eingeschlagen hätte? Und auf welchem Weg endeten die, die sich jene neue Theologie zu eigen machten? Doch keinem anderen als dem des Skeptizismus, der Phantasterei und der Häresie? Seine Heiligkeit Papst Pius XII. sagte kürzlich in einer im L'Osservatore Romano, 19. Dez. 1946 veröffentlichten Unterhaltung:
"Es gibt eine ganze Menge an Gerede (jedoch ohne die notwendige Klarheit) über eine 'neue Theologie', die in beständiger Veränderung sein muss, dem Beispiel aller anderen Dinge der Welt folgend, die im ständigen Fluss und in ständiger Bewegung sind, ohne jemals ihr Ende zu finden. Würden wir solch eine Meinung akzeptieren, was würde aus den unveränderlichen Dogmen des katholischen Glaubens; und was würde aus der Einheit und Stabilität des Glaubens werden?"
Inzwischen stehen wir genau dort. Wir haben zwar noch die Dogmen, aber wir wissen nicht, was wir mit ihnen anfangen sollen. Das Handwerkszeug für ihre Begründung und Verteidigung fehlt, wenn überhaupt, dann bleibt ein Flickenteppich von zusammenhanglosen Argumenten. Von daher kann man es den heutigen Kirchenfürsten kaum noch übel nehmen, wenn sie diese letzten Bastionen überwinden möchten. Selbst die meisten Verteidiger der rechten Lehre können nur bei einem reinen Fideismus stehenbleiben, und wir müssen diesem fides contra intellectum auch noch Beifall zollen, weil es wahr ist, dass man ohne Verstand gerettet werden kann, aber nicht ohne Glauben.

Man gab zugunsten einer vermeintlichen Lebenswirklichkeit, so eng und notwendig mit jedem historischen Jetzt verknüpft ... die so tief katholische Universalität auf. Freilich verstoßen die Neomodernisten hier bereits gegen den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, schließlich ist die Behauptung, dass der menschliche Verstand keine universellen Wahrheiten erkennen kann, auch schon eine universelle Aussage. Nicht, dass es die Vertreter dieser Position interessieren würde, von derlei logischen Spitzfindigkeiten hat man sich schon lange verabschiedet. Und doch sind die Schlussfolgerungen, die notwendigen Widersprüchlichkeiten der neumodernistischen Thesen in der Philosophie und gegen den Glauben, die Garrigou-Lagrange vorhersagte, genau so eingetreten. Und letzten Endes schaufelten sie damit ihr eigenes Grab. Eine echte Auseinandersetzung mit fremden Gedankengängen, die man im Thomismus fälschlicherweise nicht zu sehen glaubte, fehlte gerade ihnen - nicht den Scholastikern. John Lamont:
»The historical perspectivism of the neomodernists arose from the intellectual limitations that they falsely ascribed to Garrigou-Lagrange. It is the reaction of people unable to take on board and cope with outlooks radically different from their own; who as a result are incapable of recognising universal questions and concerns when they are embodied in alien forms of thought. The neomodernist insistence on bringing doctrine into conformity with contemporary thought is partially a consequence of these limitations. In an encounter between the Catholic faith and contemporary thought, the alternative to a surrender of this kind is attaining a deep understanding of contemporary philosophical positions, determining just how they relate to Catholic teaching, and demonstrating the intellectual superiority of the faith. The neomodernists lacked the intellectual capacity for this project; so undertaking it was out of the question for them, and the surrender option was chosen instead.«

Die aktuelle katholische Theologie, so scheint es mir, befindet sich wieder in einer dunklen Nacht wie zuletzt etwa im 17.  bis 19. Jahrhundert, vermutlich aber in einer noch schlimmeren. Sicherlich, es funkeln hier und da auch ein paar Sterne, so wie auch damals. Aber für die gewaltige Kraftanstrengung einer theologischen (und philosophischen!) Renaissance, wie sie zuletzt unter Leo XIII. geschah, fehlt es an Ressourcen. Und natürlich überhaupt an einem Interesse daran. Ich wünschte, ich würde derartiges noch erleben ... allein fehlt mir der Glaube.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Deutscher Kulturimperialismus bei Josef Bordat


;-)

Zum Original geht es hier entlang.

In Commemoratione Omnium Octavorum Defunctorum

Ich bin sicherlich der letzte, der sich darüber beschweren würde, dass man im modernen römischen Missale zum Jahresbeginn ein Marienfest feiert. Um so schöner, wenn die Oration (im 2008er Neudruck der editio typica tertia) mit unserer übereinstimmt, obgleich wir nicht einmal das selbe Fest feiern. Das gleiche Gebet sprechen wir auch noch bis zum 2. Februar nach der marianischen Schlussantiphon.
An dieser Stelle sei jedoch daran erinnert, dass die römische Kirche in frühester Zeit an diesem Tage weder die Beschneidung des Herrn noch ein Marienfest feierte, sondern schlicht und einfach den Oktavtag von Weihnachten. Oktaven, ja, das ist soetwas, was wir kaum noch kennen. Und längst nicht jeder ist ob der Tilgung - oder suppressio, Unterdrückung, wie es in der Kirchensprache so ungeschönt heißt - der einstmals vielen Oktaven betrübt. Ich gebe zu, hier und da mag berechtigterweise die Frage gestellt werden, ob mehrfach überlagerte Oktaven noch so recht sinnvoll und der Andacht förderlich sind. Aber gerade die Weihnachtszeit, sie war die große Oktavenzeit. Es gehörte zum besonderen Charakter dieses Festkreises, will ich meinen, man versammelte sich gleichsam mit der Schar der Heiligen um das Christkind, um die Krippe zu Bethlehem. Jetzt plumpst man nach dem 1.1. erstmal in ein liturgisches Loch.

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass sich die Liturgiereformer schon lange vor dem Konzil an Messbuch, Brevier und Kalender befleißigten. Gerne benutzte man da den Deckmantel der Wiederherstellung, instauranda nannte man das bekannteste Beispiel für präkonziliaren Murks, die neue Karwochenliturgie. Und das hört sich immer so schön an, dass man gar nicht den Beweis antreten musste, ob die Liturgie denn wirklich einmal genau so war. Ob früher immer alles besser war, naja, darüber kann man sich freilich auch trefflich streiten. Am Ende aber schaffte man oftmals das Allerälteste ab, ich denke nur an die Vigilien und 1. Vespern, und dachte sich - wie zum Ausgleich - dafür ganz Neues aus. Danach klopfte man sich gegenseitig auf die Schultern und feierte die Wiederherstellung nach Norm der Väter ... is' klar.

Im Gedenken an die Oktaven von einst gebe ich hier eine alte Kollekte für den heutigen Tage wieder, wie man sie noch in einigen anderen lateinischen Riten finden kann:

1. Januar: Oktavtag von Weihnachten
Deus, qui nobis nati Salvatoris diem celebrare concedis octavum: fac nos, quaesumus, ejus perpetua divinitate muneri, cujus sumus carnali commercio reparati. Qui tecum vivit.
Gott, Du lässt uns den achten Tag der Geburt des Erlösers feiern. Laß uns, so bitten wir, durch Seine ewige Gottheit beschützt werden, durch dessen Menschwerdung wir erlöst worden sind. Der mit Dir lebt ... *
2. Januar: Oktavtag des hl. Stephanus

3. Januar: Oktavtag der hl. Johannes

4. Januar: Oktavtag der Unschuldigen Kinder

5. Januar: Vigil des Festes der Erscheinung des Herrn

*(zitiert nach dem Missale der Beschuhten Karmeliten, lateinisch und deutsch, herausgegeben im Anschluß an das von den Mönchen der Erzabtei Beuron herausgegebene vollständige Römische Meßbuch, von P. Gundekar Hatzold, O. Carm., Straubing 1950)