Dienstag, 30. September 2014

Der nicht ganz so kleine Exorzismus, oder: das Original

Der (liturgie)geschichtlich geschulte Leser weiß sicher ob des Zusammenhangs zwischen den vormals vorgeschriebenen Gebeten nach der stillen Hl. Messe und der Bedrohung des Kirchenstaates. Josef Andreas Jungmann schreibt in seinem liturgischen Standardwerk, dass sich diese Anrufungen in die altkirchliche Tradition der Notgebete einfügt - den Fürbitten, dem Kyrie, dem Embolismus.
Unter der Regierung Leos XIII. wurden die Schlussgebete 1884 für die ganze Kirche vorgeschrieben, zwei Jahre später fügte er das bekannte Gebet "Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe..." hinzu. 1890 wurde auf seine Anordnung hin dann ein Exorzismusgebet veröffentlicht, mit Ablässen ausgestattet und dem Rituale hinzugefügt, das heute gemeinhin als kleiner Exorzismus bekannt ist. Weit weniger bekannt dürfte der Text der ersten Fassung sein, der sich von der später promulgierten Variante aus dem Jahre 1902 doch sehr unterscheidet. Vermutlich dürften es politische Gründe gewesen sein, welche die Revision des Gebetes erwirkten. Und die nur über zwölf Jahre gedruckte erste Version verschwand im Orkus der Geschichte. In größerer Schrift die ursprünglich formulierten Teile:
Glorreicher Fürst der Himmelsheere, heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe gegen die Mächte und Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Geister der Bosheit unter dem Himmel! Komme den Menschen zu Hilfe, die Gott nach seinem Ebenbilde und Gleichnis schuf und um einen hohen Preis aus der Tyrannei Satans erkaufte. Kämpfe an diesem Tage gemeinsam mit den seligen Engeln den Kampf des Herrn, wie du bereits den Anführer des Hochmuts, Luzifer, und seine abgefallenen Engel bekämpft hast, doch sie richteten nichts aus, und es blieb kein Platz mehr für sie im Himmel. Gestürzt wurde der große Drache, die alte Schlange, die den Namen Teufel und Satan trägt, der den ganzen Erdkreis verführt; er wurde hinabgestürzt auf die Erde und seine Engel wurden mit ihm gestürzt. Und siehe, der alte Widersacher und Mörder richtet sich wieder auf, verwandelt in einen Engel des Lichtes, und geht mit einer Vielzahl böser Geister umher, die Erde erobernd, um den Namen Gottes und seines Christus zu tilgen, und um die zur Krone der ewigen Herrlichkeit bestimmten Seelen zu erschlagen und sie in den ewigen Abgrund zu werfen. Der übeltäterische Drache schüttet in einer unreinsten Flut das Gift seiner Bösartigkeit auf Menschen mit verdorbenem Geist und Herz aus, den Geist der Lüge, der Gottlosigkeit, und den tödlichen Dunst der Unreinheit und jeder Laster und Ungerechtigkeit. Diese listigsten Feinde haben die Kirche, die Braut des unbefleckten Lammes, mit Bitterkeit gefüllt und mit Wermut berauscht, und haben auf alles Wünschenswerte ihre gottlosen Hände gelegt. Dort, wo der Stuhl des seligsten Petrus und der Sitz der Wahrheit zum Lichte der Völker aufgerichtet ist, da haben sie den abscheulichen Thron ihrer Gottlosigkeit aufgerichtet, dass der Hirte geschlagen werde und die Herde sich zerstreue. Komm also herbei, unbesiegbarster Fürst, stehe dem Volk Gottes gegen die Angriffe der verlorenen Geister bei und bringe ihnen den Sieg. Dich verehrt die heilige Kirche als ihren Schutzpatron, in dir rühmt sich die Kirche als ihren Verteidiger gegen die frevelhaften Mächte der Erde und der Unterwelt, dir übergab Gott, der Herr, die erkauften Seelen, um sie einzuführen in die Freuden des Himmels. Bitte den Gott des Friedens, dass er Satans Macht unter unseren Füßen vernichte, damit dieser die Menschen nicht mehr beherrschen und der Kirche nicht mehr schaden könne! Bringe unser Gebet vor das Antlitz des Allerhöchsten, damit die Erbarmungen des Herrn bald auf uns herabkommen! Ergreife den Drachen, die alte Schlange, die nichts anderes ist als der Teufel und Satan, und stürze ihn gefesselt in den Abgrund, damit er die Völker nicht mehr weiter verführe!    
Acta Sanctae Sedis 23 (1890), 18. Mai, S. 743ff 

Montag, 29. September 2014

Sankt Michael

Herz-Jesu-Kirche, Pfersee, Wandgemälde
Es ist in Wahrheit würdig und recht ...
Dich in allen Deinen Geschöpfen wunderbar zu loben,
in dem die englische Natur vorzüglich herausragt,
die, auch wenn es der körperlichen Sicht des Menschengeschlechtes entzogen ist,
so doch aus dem Blick des Glaubens bewundert werden kann.
Und es ist würdig, dass wir von ihrer Verehrung
zu Deiner Majestät emporblicken,
durch die viele Beschützer zu unserem Heil wirken,
und Deine Erhabenheit noch mehr zu preisen,
weil Dich die hohen und himmlischen Mächte
als Herrn offenbaren.

(Präfation vom Fest aus dem Leoninischen Sakramentar)

Sonntag, 28. September 2014

Diabolus, Dr. theol.

Im Osservatore Romano ist ein Predigtauszug Papst Franziskus' zu lesen, der hierzulande folgendermaßen zusammengefasst wurde: "Der Teufel ist der beste Theologe." Da würde ich mal keck entgegenhalten: Der Teufel ist der schlechteste Theologe! Ansonsten würde uns ja die beste Theologie auf dem schnellsten Weg in die Hölle befördern. Und das kann der Papst, bei aller Kritik, ja nun doch nicht gefordert haben. Auch wenn es vielleicht die Wahl seines Lieblingstheologen erklären könnte.
Glücklicherweise hört es sich aus dem Mund des Papstes dann doch ein klein wenig anders an. »Der Teufel ist intelligent, er kennt sich besser in der Theologie aus als alle Theologen zusammen.«* Das kann ich schon eher stehenlassen. Aber trotzdem eine ganz interessante Frage, ist denn der Teufel nun ein guter Theologe (gar mit Abschluss am Daemonicum)?

Die Grundlage für die Beantwortung dieser Frage habe ich bereits mit meinem letzten Thomaskommentar über den Zusammenhang von Glaube und Theologie dargelegt. Mit dieser Prämisse, das nämlich der eingegossene Glaube notwendige Voraussetzung für die Theologie ist, können wir uns der nächste Frage stellen: Glaubt der Teufel an Gott? Denn wenn er glauben würde, dann könnte er wohl ein ganz guter Theologe sein, dass er ziemlich schlau ist, sollte ja bekannt sein. Seine englische Natur bewahrt er schließlich auch in der Hölle. Der Meister selbst behandelt diese Frage in IIa IIae, q. 5 art. 2. , seine Antwort lässt sich ziemlich schnell zusammenfassen. Die Dämonen haben einen Glauben, jedoch nicht einen Glauben, wie ihn die Christenmenschen haben - sondern einen ungeformten, einen erzwungenen Glauben, der in ihnen keinesfalls verdienstvoll ist und ihnen gänzlich ohne göttliche Gnade zukommt, es ist also keinen theologischer Glaube. Der Teufel glaubt, weil er durch die Beweiskraft der Wunder, dem Wirken, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu Christi gezwungen ist, zu glauben. Er kann nicht anders, ob er will oder nicht. Er glaubt auch an die Dreifaltigkeit, aber nicht, weil er eine innere Schau Gottes hätte, sondern allein, weil er weiß, dass die Lehre der Kirche wahr sein muss. Während der gläubige Mensch ein Verlangen nach den Dingen hat, die ihm nicht offensichtlich sind, so sind dem Teufel die Dinge, die ihm offensichtlich sind, ein Gräuel. Das ist eine Pein der Dämonen. So wollen sich mit aller Kraft von Gott abwenden, aber doch muss ihr Intellekt, der unserem so weit überlegen ist, den göttlichen Wahrheiten zustimmen. 

Aber noch einmal kurz von den gefallenen Engeln zu den Menschen. Die absolute Übernatürlichkeit des Glaubens zu definieren, war eine der größten Errungenschaften der Kirche. Eine Errungenschaft, die sich immer wieder neuen Angriffen ausgesetzt sah und heute vielleicht mehr in Gefahr ist, als zu den Zeiten der pelagianischen Häresie. Das Wort des Apostel Paulus will so wenig in die Zeit passen, die nur so von menschlichen Errungenschaften strotzt: "Was hast du, das du nicht empfangen hast?" (1. Kor 4,7). Gewiss, der Mensch ist in der Lage, zu erkennen, welch Glück in den göttlichen Versprechungen liegt. Aber er kann nie das erreichen, was über seine natürliche Kapazitäten hinausgeht. Durch Gottes Gnade allein, mit der er zusammenarbeitet, sie nicht ablehnt, kommt er zum Glauben. Nur gereicht das noch nicht zum Heil! So konnte Maximus Confessor mit Berufung auf die Schrift zu Recht sagen, dass der Glaube allein nichts erreicht. "Denn selbst die Dämonen glauben und erzittern. Nein, der Glaube muss sich an eine tätige Liebe Gottes anschließen..." (PG 90: 962f). Deswegen schreibt der Aquinate, dass der Glaube durch Liebe geformt werden muss, der "Glaube, der sich durch Liebe wirksam erweist." (Gal 5,6)
Gott kommuniziert seine Liebe nur durch die Gabe der theologischen Liebe. Diese Bewegung der Gnade allein macht es sicher, dass der Gläubige in die lebenspendenden Mysterien des Glaubens eingehen kann. Und von denen hat der Teufel keinen blassen Schimmer. Garrigou-Lagrange hat in seinem Thomaskommentar über die theologischen Tugenden einige Analogien für den Glauben des Teufels parat. Er sei wie die menschliche Sprache für den Hund, der sie zwar hört, nicht aber ihren Sinn versteht, oder wie jemand, der keinen Sinn für Musik hat, zwar eine Symphonie Beethovens hören kann, nicht aber ihren Geist durchdringt, oder noch etwas diffiziler, wie der junge Schüler, der das Prinzip der Finalität "alles wirkt wegen eines Zwecks" zwar anhand der sinnlich-anschaulichen Beispiele versteht, nicht aber dessen Universalität und absolute Notwendigkeit.
Der Dämon glaubt an den Gott als Schöpfer der Natur aufgrund der gewirkten Zeichen. Der Gläubige glaubt im dogmatischen Wortsinn nicht wegen der Zeichen, sondern durch das ungeschaffene Licht und dem Zeugnis des sich offenbarenden Gottes.

Ausgehend davon könnte man also sagen, der Teufel und seine Dämonen haben eine erzwungene Art des ungeformten Glaubens. Und wenn ich frech wäre, würde ich sagen, der Theologe, der nicht am Gnadenleben teilnimmt, ist in seiner Wissenschaft ein Kollege des Satans. Und so ähnlich meint das wohl auch unser Heiliger Vater. Es gibt jedoch einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen den Beiden. 
Die Schizophrenie des Teufels, das als wahr Erkannte abzulehnen, und die damit verbundenen Qualen zeigen uns ein Bild des Paradoxons der Sünde, die den ungeformten Glauben auch im Menschen begleiten kann. Der sündige Mensch wendet sich von seinem Gott ab, obwohl er erkennt, dass gerade in ihm das Heil liegt, das Ende der Qual. Dieses fürchterliche hin- und hergerissen sein haben wir vielleicht alle schon mal gekannt. 
Doch die menschliche Natur erlaubt es uns doch, uns zu bekehren. Deswegen ist es im Menschen so viel besser, den ungeformten Glauben zu haben, als ihn nicht zu haben. Derjenige, der weiß und daran glaubt, dass ihn im Beichtstuhl die Vergebung der Sünden erwartet, ist besser auf die göttliche Gnade zur Bekehrung vorbereitet als der, der Christus nicht als denjenigen kennt, der den bußfertigen Sünder bei sich willkommen heißt.

Die größte Gefahr besteht aber darin, wenn der Theologe nicht nur die Liebe Gottes zurückweist, sondern auch dem Glauben untreu wird. Hier begegnet ihm die Wissenschaft des Teufels, der sich materiell ausgezeichnet in der Theologie auskennt. Der Widersacher versucht ihn in besonderem Maße mit seinen Irrlehren - denn er weiß nur zu gut, welche Wahrheiten zum ewigen Leben führen. Das kann durch ganz verschiedene Weise geschehen, weswegen wir auch alle anderen Tugenden nicht vernachlässigen dürfen. Die Demut zum Beispiel, die vor intellektueller Überheblichkeit schützt, oder die Tapferkeit, die uns mutig zum Glaubensbekenntnis stehen lässt. 
Drum gab Bruder Klaus Leuten, die seine Hilfe suchten, häufig folgenden Rat: "Glaube kräftig an Gott, denn im Glauben steht die Hoffnung, in der Hoffnung die Liebe, in der Liebe die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit der Sieg, im Sieg die Belohnung, in der Belohnung die Krone des Lebens und in dieser Krone stehen die ewigen Dinge."


Bild: Sancti Thomae Aquinatis Doctoris Angelici Opera Omnia iussu impensaque Leonis XIII P.M. edita, Tom. xiii, Rom 1895, S. 54
* Quelle

Die Armseligkeit und Hoheit der Sprache - und ihre Schwierigkeiten

Woran kann jetzt die Aufgabe des menschlichen Verstandes liegen, wenn nicht darin, dem Sinn der göttlichen Offenbarung auf den Grund zu gehen - nicht in anmaßendem, selbstgefälligem Stolz, sondern in demütiger Sehnsucht? Herr, gewähre uns einen kurzen Blick in die Tiefen deiner Geheimnisse, die du in deiner Güte in Worte unserer Sprache gekleidet hast. Du hast die Sprache des Menschen nicht gering geachtet, sondern dich ihrer bedient, um deine ewigen Wahrheiten in sie hineinzulegen. Zu Recht spricht Karl Barth von der »Krippe der Worte«. Die Grippe ist an sich etwas Armseliges, aber sie wurde ausgefegt und gesäubert und durfte das göttliche Kind in sich aufnehmen. (...)
[D]enken sie an den Missionar, der die Geheime Offenbarung in einen afrikanischen Dialekt übersetzen wollte: aus der »Braut des Lammes« wurde »die Frau des Schafes«!
Charles Journet, Vom Geheimnis des Heiligen Geistes, Köln 1998, S. 49f

Dominica: Aeterne rerum Conditor

Du ewiger schöpfer aller welt,
Der waltend tag und nacht regiert,
Dem zeitenrund die zeiten gibt,
Zu mildern ödes einerlei,

Schon ruft des tages herold laut,
Der, wächter auch in tiefster nacht,
Den wandernden ein nächtiges Licht,
Die nacht in nächtige stunden teilt.

Da steigt der morgenstern empor
Und löst den pol von finsternis,
Da lässt das heer der täuschungen
Die wege seiner bösen list,

Da fühlt der schiffer neue kraft,
Des meeres brandung sänftigt sich,
Und er, der fels der kirche, scheucht,
Bei diesem morgensang die schuld.

Drum lasst uns schnell das lagern fliehn:
Der hahn ruft alle schläfer auf,
Er schilt die sucht der schläfrigen,
Der hahn klagt die verleugner an.

Die hoffnung kehrt beim hahnenruf
Und heilung strömt den kranken zu,
Der dolch des räubers birgt sich scheu,
Gefallnen kehrt der glaube neu.

Jesus, blick an die fallenden
Und bessre uns durch deinen blick,
Vor deinem blicke sinkt der fehl,
In tränen wird die schuld gesühnt.

Du licht, durchstrahle unser herz,
Von unsrer seele scheuch den schlaf,
Dich nenne unser erster laut

Und unsre münder schallen dir.


Friedrich Wolters, Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert, Berlin 1914, S. 20f
Bild: Psalterium Breviarii Monastici, Brügge 1952


Fortsetzung folgt...

Samstag, 27. September 2014

Der Ritus der Selbstkasteiung

Seitdem es schnurstracks auf die Synode zugeht, hört man alleweil von einem Wort, das aus unserem Vokabular längst entschwunden schien: die Buße. Eng verwandte Wörter, Umkehr und Sühne, bleiben dennoch weiter unbeachtet oder verschollen. Es erinnert mich ein klein wenig an ein anderes Wörtchen, welches man ungefähr vor hundert Jahren wiederfand: die Tarnung. Da man sich auf deutscher Seite im Felde verständlicherweise nicht mehr camouflieren mochte, aber noch viel weniger unmannhaft verkleiden, verstecken oder verbergen ... fand man das mittelhochdeutsche Tarnen wieder. Und sofort wusste eigentlich auch jeder, was gemeint war, schließlich kennt oder kannte man Siegfrieds Tarnkappe aus dem Nibelungenlied. Bei der Buße, will ich meinen, weiß aber längst nicht jeder, was gemeint ist.

Buße tun, Paenitentiam agere, so lauten die ersten Worte der Enzyklika des il Papa buono genannten hl. Papstes Johannes XXIII. vom 1. Juli 1962. Auf der Vatikan-Seite ist sie leider nicht in deutscher Sprache verfügbar. Dennoch täte ein Studium des schnell gelesenen Textes, hier auf Deutsch, sicher jedem gut. Manchmal habe ich den Eindruck, das Thema der äußeren Buße werde auch in den traditionsfrohen Kreisen nur mehr mit Samthandschuhen angefasst. Und sicherlich ist es wahr, dass wir zuallererst lernen sollten, geduldig die Leiden und Unannehmlichkeiten anzunehmen, von denen wir im Leben ohne unser besonderes Zutun heimgesucht werden. Doch weist der heiliggesprochene Vater darauf hin, dass der Christgläubige Gott darüber hinaus, dem Beispiel unseres Herrn und Erlösers folgend, freiwillige Opfer anbieten muss.
Fast schon ironisch wirkt das vor kurzem aufgetretene, moderne Bußverständnis geradezu flagellantisch-mittelalterlich. Dort sieht man die Buße nämlich rein äußerlich, ohne ihre Seele zu durchdringen, die das in sich Tragen des Abbildes Jesu Christi ist. So bleibt die Buße aber nur ein Übel ohne Nutzen - an sich gesehen ist das Übel ja nur etwas Schlechtes. Es kann nur in Hinblick auf seine Wirkung gut sein, und das ist die Dialektik des Leidens in der christlichen Welt. Man nimmt das Leid nicht auf sich, weil man resigniert den physischen Gesetzen der Welt oder noch weniger, den Gesetzen der Kirche unterworfen ist, sondern man macht es sich zu eigen, weil es uns mit der Person des menschgewordenen Gottes vereint. Die Heiligen liebten das Leid und ihre Bußübungen nicht des Leides wegen, sondern seinetwegen, denn als solches ist es immer nur hassenswert. Und das war es auch für den Menschensohn selbst, wie wir im Gebet seiner Todesangst erfahren: "Abba, Vater, dir ist alles möglich; lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst." (Mk 14, 36).

Das Ordensleben wurde vormals häufig, unter anderem, als Bußleben betrachtet. Wir alle kennen das Fasten, die Enthaltsamkeit, das Schweigen und die Nachtwachen der Brüder und Schwestern. Und in gleicher Selbstverständlichkeit züchtigte man das Fleisch durch zusätzliche Kasteiung. Zumindest die Karmeliten kannten dazu sogar einen eigenen Ordo. Aus den Rubriken:

Zu einer angemessenen Uhrzeit gemäß der Sitte derjenigen Provinz sind die Brüder im Chor oder Kapitelsaal versammelt, zwischen entzündeten Kerzen ist ein Kruzifix aufgestellt und die Litaneien der seligen Jungfrau Maria werden gebetet.

(Bei den Karmeliten wird die Lauretanische Litanei mit folgenden zusätzlichen Anrufungen gezitiert:
Du Jungfrau, Blume des Karmel,
Du Patronin aller Karmeliten,
Du Hoffnung aller Karmeliten,
Du Mutter und Zierde aller Karmeliten, bitte für uns.)

Der Hebdomadarius sagt darauf:

V: Bitte für uns, o heilige Gottesgebärerin.
R: Auf dass wir würdig werden der Verheißungen Christi.

Lasset uns beten. Wir bitten Dich, o Herr: Gieße Deine Gnade in unsere Herzen, damit wir, denen durch die Botschaft des Engels die Menschwerdung Christi, Deines Sohnes, kund wurde, durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung geführt werden. Durch Ihn, Christus, unsern Herrn.
R: Amen.

Dann, nachdem die Antiphon Veni Sancte Spiritus, etc. mit den Versikeln und Orationen gesprochen wurde, folgt eine Betrachtung, bis der Obere ein Zeichen gibt; in der Zwischenzeit werden die Kerzen gelöscht. Der Prior, oder in seiner Abwesenheit der Hebdomadarius, spricht das Schuldbekenntnis: Confiteor etc, die Brüder antworten Miseratur etc., Confiteor etc., und der Prior oder Hebdomadarius Miseratur etc., Indulgentiam etc., und sagt dann selbst:


Meine Brüder, nehmt die Disziplin auf, dass der Herr nicht erzürnt werde und ihr vom rechten Wege abkommet.

Den Psalm 50 Miserere mit Gloria Patri und Psalm 129 De profundis ebenfalls mit Gloria Patri andächtig rezitierend nehmen alle die Disziplin. Danach pausieren sie bis zum Zeichen das Oberen, dann wird der Lobgesang Nunc dimittis gesungen und die Lichter entzündet.
Dann kommen alle Brüder vor, von den Höheren zu den Niederen, und küssen das Kruzifix, währenddessen der Hymnus Vexilla Regis prodeunt gesungen wird.

V: Sie gaben mir Galle zur Speise.
R: Und Essig für den Durst als Trank.

Lasset uns beten. Schau, so bitten wir, Herr, auf diese Deine Familie, für die unser Herr Jesus Christus nicht gezögert hat, sich den Händen der Peiniger auszuliefern und die Qual des Kreuzes auf sich zu nehmen.

R: Amen.

Frei übersetzte aus Horae Diurnae Ord. Carm., Rom/Tournai/Paris 1935, Titelbild ebenda, Fratres mei aus dem Rituale Ordinis Fratrum Beatissimæ Virginis Mariae de Monte Carmelo etc, Rom 1952

Sabbato: Aurora jam spargit polum

Schon erhellt die Morgenröte den Himmel,
der Tag zieht über der Erde herauf,
der Strahl des Lichtes steigt empor,
alles Schädliche möge weichen.

Das Trugbild der Nacht mögen verbannt werden,
die Schuld der Seele von uns weichen,
was die Nacht infolge der Dunkelheit Schreckliches
an Sünde brachte, verschwinde.

Damit am letzten Morgen
auf das wir hier tiefgeneigt harren,
uns zugleich mit dem Lichte zuströme,
und dies auch mit dem Gesange übereinstimmt.

Übersetzung leicht adaptiert aus Die Hymnen des Breviers von Adalbert Schulte, Paderborn 1920, S. 57f
Bild: Psalterium Breviarii Monastici, Brügge 1952

Freitag, 26. September 2014

Feria sexta: Aeterna caeli gloria

Ewige Herrlichkeit des Himmels
glückselige Hoffnung der Sterblichen,
Erhabendster des höchsten Herrschers
und Spross der reinsten Jungfrau.

Reiche deine Rechte den sich Erhebenden,
nüchtern auch möge der Geist sich erheben
und eifrig zum Lobe Gottes
den schuldigen Dank abstatten.

Aufgegangen erglänzt der Morgenstern
und geht als Bote der Sonne voran,
das Dunkel der Nacht schwindet,
das heilige Licht möge uns erleuchten.

Und bleibend in unserem Herzen
möge es vertreiben die Nacht der Welt
und bis zum letzten Ende des Tages
rein bewahren die Herzen.

Der Glaube, schon an erster Stelle eingepflanzt,
möge in unserem Herzen Wurzeln fassen,
an zweiter möge die Hoffnung uns erfreuen,
doch größer als diese bleibt die Liebe.

Übersetzung leicht adaptiert aus Die Hymnen des Breviers von Adalbert Schulte, Paderborn 1920, S. 53ff
Bild: Horae Diurnae Ord. Carm., Rom/Tournai/Paris 1935

Donnerstag, 25. September 2014

Das Fortschreiten der Zeit

"Zu allen Zeiten hat der Herr den Sterblichen die Schätze seiner Weisheit und seines Geistes geoffenbart: Da aber heute die Bosheit mehr und mehr überhand nimmt, teilt er sie auch reichlicher mit."
Des Heiligen Johannes vom Kreuz sämtliche Werke, München 1957, Bd. 5, S. 59

Feria quinta: Lux ecce surgit aurea

Sieh, schon entsteigt das goldne licht,
Die blindheit flieht erbleichend fort,
Die lange uns zum jähen schlund
Auf trügerischem abweg zog.

Dies licht bring uns das gnädige blau
Und lasse rein uns vor ihm stehn:
Nie spreche böses unser mund,
Ein finstres werk versuch uns nie.

So eile unser lebenstag:
Die zunge sei von lügen frei
Und hand und aug von schlüpfrigkeit,
Die schuld beschmutze nie den leib.

Ein spähender steht über uns,
Der klar auf uns an jedem tag
Und unser handeln niederschaut
Vom morgengraun bis in die nacht.

Friedrich Wolters, Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert, Berlin 1914, S. 34f
Bild: Horae Diurnae Ord. Carm., Rom/Tournai/Paris 1935

Mittwoch, 24. September 2014

Das Unglück der Gefangenen

In jener Zeit lag der größere und fruchtbringendere Teil Spaniens unter dem schweren Joch der schrecklichen Sarazenen, unzählige Gläubige wurden in ungeheuerlicher Sklaverei gehalten, in größter Gefahr, dem christlichen Glauben abschwören zu müssen und damit dem ewigen Heil verlustig zu gehen. In diesem Unglück der Gefangenen trat die allerseeligste Himmelskönigin dem Übel voller Güte entgegen und zeigte, wie teuer sie deren Befreiung schätzte.
(4. Lesung der Matutin vom Fest der Allerseeligsten Jungfrau Maria von der Barmherzigkeit zum Loskauf der Gefangenen, Römisches Brevier)   

Durch die Fürsprache der allerseeligsten Jungfrau mögen wir nicht nur von den Fesseln der Sünde und der Knechtschaft der Dämonen befreit werden, sondern sie erwirke auch die Befreiung der Gefangenen, die ihr so teuer sind.

Zur Beseitigung aller Klarheiten: Eheunterricht

Durch das Näherrücken der sogenannten Familiensynode flammen mal wieder die widerstreitenden Meinungen aus berufenem und unberufenem Munde auf. Darüber kann ich mich nun nicht beschweren, kommentiere ich ja selbst gerne mal aktuelle Themen mit mehr oder öfter weniger großer Sachkenntnis. Selten herrscht aber so viel Unkenntnis wie beim Thema Ehe. Eigentlich erstaunlich, sollte man meinen, betrifft sie doch einen großen Teil der Weltbevölkerung.

Auf einem Blog bin ich z.B. darauf gestoßen:
"Wenn Gott, der die Liebe ist, in einer zweiten sicher stabilen Beziehung (...) dauerhafte treue fruchtbringende Liebe schenkt (Kinder!), dann kann die erste Ehe von eben diesem Gott nicht als dauerhaft intendiert gewesen sein - Er würde sich selbst widersprechen. (...) [A]lleine schon der Begriff der “Eheannulierung” ist falsch - denn nicht die Ehe wird annuliert, sondern es wird festgestellt, daß sie rückblickend nicht den formalen Kriterien der Kirche genügt, daß sie Gott gar nicht oder nicht auf Dauer und somit nicht sakramental angelegt hat."
Ehrlich gesagt kann ich mit dem ganzen verlinkten Artikel nichts anfangen, abgesehen von der Notwendigkeit einer erheblich besseren Ehevorbereitung der Brautleute. Wirklich brenzlig wird es aber dann, wenn Begrifflichkeiten oder die Verfassung der Ehe selbst nicht bekannt sind. Dann nutzt nämlich auch jeder Dialog nichts.

Zuallererst sollte nun einmal geklärt werden, was die Ehe überhaupt ist. Das macht der Katechismus der Katholischen Kirche (1601) mit einer ganz klassischen Formulierung ausgezeichnet:
„Der Ehebund, durch den Mann und Frau unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen, welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist, wurde zwischen Getauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakramentes erhoben."
Beim letzten Satzteil sollten alle Alarmglocken läuten. Jesus Christus hat nicht eine neue menschliche Beziehung namens Ehe gestiftet, sondern den bereits vorhandenen Ehebund zur Würde eines Sakramentes erhoben. Nun ist der Ehebund als Teil des Naturrechts sozusagen die Grundlage, die Voraussetzung aller sakramentalen Ehen.
Wie aber kommt die Ehe zustande? Durch den Konsens, den verkündeten Willen der Eheleute, kurz, den Ehevertrag. Eine Ehe hat also grundsätzlich immer eine juridische Komponente, und unser Herr Jesus Christus hat diese Institution mitsamt dieser Komponente übernommen und erhöht. Eine grundsätzliche, zumeist populistische Kritik an dem juristischen Vorgehen der Kirche ist also Fehl am Platz. Die Kirche reagiert vielmehr auf die bestehende Realität, die juridische Beziehung zwischen Mann und Frau verlangt den juridischen Prozess der Kirche.
Aber nochmal einen Schritt zurück. Eheschließungen können sowohl unter Christen als auch unter Nicht-Christen vorgenommen werden, im ersten Fall gehen die Eheleute nicht nur die Naturehe ein, sondern sie spenden sich auch gegenseitig das Sakrament. Wenn wir aber auf der ersten Ebene bleiben, dem natürlichen Ehebund, so hat, salopp gesagt, Gott gar nichts damit zu tun. Es ist ein Vertrag zwischen den Eheleuten.
Zurück zum zitierten Abschnitt aus dem anderen Blog. Der werte Autor schreibt, es würde bei einer Annullierung der Ehe festgestellt, dass sie nicht den formalen Kriterien der Kirche genüge und der Herrgott sie nicht oder nicht auf Dauer (?!) angelegt hätte. Halt stop! Zuallererst prüft die Kirche niemals die Sakramentalität der Ehe, sonder immer und einzig allein nur die Gültigkeit der Ehe! Eine Ehe wird ggf. für nichtig erklärt, eine Erklärung über die Nicht-Sakramentalität findet absolut nicht statt. Und ganz egal ob sakramental oder nichtsakramental, der lebenslange Ehebund gilt so oder so! Und zwar auf Dauer.
Weiter geht es mit den "formalen Kriterien der Kirche". Formalitäten, zumindest, wenn es die Kirche betrifft, haftet ein Geruch des Konservativismus ein, von unnötigen Formen*, Riten, Bürokratie - also alles unwichtige Nebensächlichkeiten, die man auch getrost hinter sich lassen kann. Nun mag das vielleicht irgendwo anders zutreffen, hier handelt es sich aber zuallererst um die formalen Kriterien für das Zustandekommen eines gültigen (Ehe-)Vertrags. So kann z.B. jemand nach einer durchzechten Nacht in Las Vegas möglicherweise keine gültige Ehe eingehen, wenn er zum Zeitpunkt seiner Willensbekundung, also dem vermeintlichen Zustandekommen des Ehevertrages, volltrunken nicht Herr seiner Sinne war. Oder noch weniger, wenn er gar zur Ehe gezwungen wurde, ein Wille also gar nicht vorhanden ist. Der kirchliche Prozess ist daher keine Gängelung des gemeinen Kirchenvolkes, sondern ein Gebot der Gerechtigkeit. Um die Gerechtigkeit geht es bei Eheverfahren, um nichts anderes, das hat der hl. Papst Johannes Paul II. der Rota immer wieder eingeschärft.

Zusammengefasst: Eine sakramentale Ehe muss auch immer eine gültige Naturehe sein, aber eine gültige Naturehe ist nicht immer eine sakramentale Ehe. Beide Formen sind von Natur aus lebenslang und ausschließlich, wobei die christliche Ehe durch das Sakrament besonders gestärkt und bekräftigt wird.

Und jetzt fängt es an, kompliziert zu werden, denn unbeschadet dieser Zusammenfassung gilt auch folgendes - und man dürfte so langsam eine Ahnung davon bekommen, warum Lehrstühle fürs Kirchenrecht eingerichtet sind:

1. Die Eheauflösung: (Danke an den Frischen Wind für die Korrektur!)
Eine gültige, sakramentale Ehe zwischen zwei Christen bzw. besser Getauften, um in der Sprache des CIC zu bleiben, kann bei Nichtvollzug (wenn die eheeigenen Rechte der Partner nicht ausgeübt wurden) mittels Nichtvollzugsverfahren aufgelöst werden. Richtig gehört, aufgelöst, nicht annulliert!

2. Das Privilegium Petrinum, in favorem fidei:
Eine gültige Naturehe zwischen einem Getauften und einem Ungetauften (falls dieser getauft wird nur bei Nichtvollzug) oder aber eine Naturehe zwischen zwei Ungetauften kann durch einen päpstlichen Gnadenerweis zugunsten einer neuen, katholischen Ehe aufgelöst werden.

3. Das Privilegium Paulinum (1 Kor 7, 15):
Eine gültige Naturehe zwischen zwei Ungetauften kann aufgelöst werden, wenn sich ein Partner taufen lässt, der andere Partner aber nicht mehr friedlich mit ihm zusammenleben will oder ihn gar in der Religionsausübung behindert. Als aufgelöst gilt die Naturehe der ersten Partner aber erst, wenn der getaufte Partner eine neue Ehe eingeht.


Was die anderen Teile des Beitrages auf dem anderen Blog angeht, muss ich darüber wohl nicht viele Worte verlieren. Die gescheiterte Ehe als absoluten Beweis für deren Nichtbestehen kann ich genau so wenig gelten lassen, wie die Apostasie eines Gläubigen als Beweis für die Ungültigkeit seiner Taufe. Nur noch ein kurzer Blick nach drüben:
Dadurch würde beiden “Parteien” genüge getan: die erste Ehe wird nicht einfach als abgehakt betrachtet und die Menschen haben wieder nach einer Zeit der Buße und der Bewährung - Modell Gießkanne kann es da nicht geben - Zugang zu den Heilungsmitteln der Kirche.. 
Die alte Frage tut sich wieder auf: Wenn Buße getan werden muss, wofür denn? War die erste Ehe eine Sünde, oder das Eingehen der zweiten? Was bedauert man, worin besteht die Zerknirschung des Herzens? Eine Gefängnisstrafe kann man wohl ohne Reue und Umkehr absitzen. Eine Bußzeit ohne Reue und Umkehr wird einem jedoch nicht zum Heile gereichen.

Und wenn nach dem Lesen dieses Artikels die Kirchenlehre in Bezug auf die Ehe unklarer denn je erscheint...dann habe ich es wahrscheinlich richtig erklärt.


PS: Andreas hat zufälligerweise gestern auch etwas über die Ehe geschrieben, wenn auch aus einer anderen Perspektiven. Trotzdem ergänzt sich das ganz ausgezeichnet.


* Viele Kanonisten sprechen sich aber zu Recht für eine Reformierung der im Konzil von Trient eingeführten Formpflicht aus. Bis jetzt wird die standesamtliche Ehe eines Katholiken von der Kirche nicht als gültig anerkannt - er kann später relativ problemlos "erneut" und kirchlich heiraten - während die standesamtliche Ehe eines nichtkatholischen Christen als gültig anerkannt wird, er kann demzufolge nicht "nochmal" heiraten.

Feria quarta: Nox, et tenebrae, et nubila

Nacht, finsternis und wolkiger dunst,
Wirrnis und wirbel dieser welt:
Das Licht geht auf, der himmel hellt,
Christus erscheint: entweicht und flieht.

Das erdendunkel spaltet sich,
Durchstossen von der sonne speer,
Schon kehrt die farbe jedem ding
Im blick des funkelnden gestirns.

Dich Christus, kennen wir allein,
Wir flehn aus reinem, lauterm geist
Weinend und singend auf zu dir:
Dein auge zück auf unser herz!

Die schminke manches überklebt,
Das deine leuchte reinigen soll:
König des morgendlichen sterns,
Erleuchte uns mit hellem Blick.


Friedrich Wolters, Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert, Berlin 1914, S. 34
Bild: Psalterium Breviarii Monastici, Brügge 1952

Dienstag, 23. September 2014

Feria tertia: Ales diei nuntius

Der geflügelte Bote des Tages
verkündet das nahende Licht;
uns ruft nun Christus,
der Erwecker der Geister, zum Leben.

Hebet auf, so ruft er, die Ruhestätten,
ihr Müßigen vom trägen Schlaf:
wachet rein, heilig und nüchtern,
denn ich bin schon nahe!

Laßt uns Jesus laut anrufen,
weinend, flehend und nüchtern:
das innige Gebet hält
das reine Herz vom Schlafe ab.

O Christus, verscheuche du den Schlaf,
zerbrich die Fesseln der Nacht,
mache uns frei von der alten Schuld
und flöße neues Licht uns ein.


Übersetzung leicht adaptiert aus Die Hymnen des Breviers von Adalbert Schulte, Paderborn 1920, S. 43ff
Bild: Psalterium Breviarii Monastici, Brügge 1952

Leseempfehlung: In the Light of the Law

Der Denzinger-Katholik ist auch ein CIC-Katholik

Wer des Englischen mächtig und an den kirchenrechtlichen Aspekten diverser aktuellen Fragen interessiert ist - eine Sache, die gern vergessen und als bürokratisches Anhängsel der Ekklesia verstanden wird, but far from it - dem sei die Lektüre von In the Light of the Law, a Canon Lawyer's Blog empfohlen. Dort findet man stets ausgeglichene und wohldurchdachte Artikel aus einer Perspektive, an die die meisten von uns wahrscheinlich nicht denken.

Montag, 22. September 2014

Mit der Inbrunst der Heiligen

Ich war nun drauf und dran, einen etwas ausführlicheren Artikel über die geistige Kommunion im Falle von wiederverheiratet Geschiedenen (*) zu schreiben. Schon längere Zeit sind mir die doch sehr unklaren Aussagen diesbezüglich, selbst aus allerhöchsten Kirchenkreisen, ein Dorn im Auge. Statt, wie intendiert, ein Symbol der Barmherzigkeit, wird eine "Ersatz-Kommunion" doch noch viel mehr zum Stein des Anstoßes. Wie kann ich jemanden erklären, er könne geistig dem Ruf des Herrn zur Teilhabe an seinem Fleisch und Blut folgen, doch niemals das Sakrament empfangen? Entweder wird die überlieferte und von Lehrmeistern der Mystik und Aszese sehr empfohlene Lehre der Begierde-Kommunion so weit ausgedehnt, dass man deren "geistige Kommunion" eigentlich nicht mehr mit der "Geschiedenen-Kommunion" vergleichen kann, oder aber die gesunde Kirchenlehre wird tatsächlich auf den Kopf gestellt.
Ich möchte es nun aber bei einem Gebet zur geistlichen Kommunion, das der hl. Josemaria Escriva populär gemacht hat, belassen. Ob dieser Wille, diese Begierde nach der Vereinigung mit dem Heiland, wenn auch nicht der leiblich-seeligen, so doch die Einheit mit seiner Göttlichkeit durch Gnade besteht ... das kann vielleicht jeder für sich selbst herausfinden. Und das gilt auch für die unverheiratet Ungeschiedenen.

Ich möchte Dich empfangen, o Herr, mit jener Reinheit, Demut und Andacht, mit der Deine heiligste Mutter Dich empfing, mit dem Geist und der Inbrunst der Heiligen.


* "Von der Nichtzulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zur geistigen Kommunion" 

Hymnenwoche, Feria secunda: Splendor paternae gloriae

Diese Woche möchte ich die Hymnen des Morgenlobes der Kirche im Psalterium, soweit verfügbar in der Übersetzung von Friedrich Wolters, einstellen. Los geht es mit Splendor paternae gloriae!

Glanz väterlicher herrlichkeit,
Vom lichte licht verströmender,
Des lichtes licht, des leuchtens quell,
Des tages lichtumflammter tag

Und wahre sonne, senke dich
funkelnd im glanz der ewigkeit
Des heiligen geistes vollen strahl
Giess tief in unsre herzen ein!

Und auch den Vater flehn wir an,
Den Vater ewiger herrlichkeit,
Den Vater der allmächtigen huld,
Er halte fern die schlüpfrigkeit,

Er leite uns zu strenger tat,
er stumpfe unsres neiders zahn,
Sei unsre kraft in hartem los
Und glaube auf der rechten bahn.

Er sei der steurer unserm geist,
Der herr in keuschem treuem leib;
Der glaube brenn in liebesglut
Und wisse nichts vom gift des trugs.

Und Christus werde unser brot
Und unser glaube unser trank,
Froh schlürfen wir den nüchternen
Rausch seines Heiligen Geistes ein.

Froh gehe dieser tag dahin,
Die Scham sei wie das frühe rot,
Der glaube wie der mittagsschein,
Die Dämmerung dem geiste fremd.

Die morgenröte steigt herauf,
In morgenröte kommt er ganz,
In seinem Vater, ganz der Sohn
Und ganz der Vater in dem Wort.


Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert, Berlin 1914, S. 21
Bild: Psalterium Breviarii Monastici, Brügge 1952

Sonntag, 21. September 2014

Samstag, 20. September 2014

Lieder der Finsternis

"Seelen, die im Lichte wandeln, singen Lieder des Lichtes. Die sich im Dunkeln vorwärtstasten, singen Lieder der Finsternis. Diese und jene muß man ihr gottgegebenes Lied zu Ende singen lassen, ohne seinem Inhalt etwas beifügen zu wollen. Man lasse alle Tropfen in der bitteren Galle fließen, mit der Gott betäubt. So taten Jeremias und Ezechiel. Ihre Worte waren nur Seufzer und Klagen. Der Trost lag stets nur in der Fortsetzung ihrer Trauergesänge. Wer ihren Tränenstrom gehemmt hätte, würde uns schönste Stellen der Schrift geraubt haben. Der Geist, der trostlos macht, ist der einzige, der auch zu trösten vermag. Trostlosigkeit und Trost sind zwei Wasser, die aus derselben Quelle fließen." Einst wird der Tag der Herrlichkeit kommen: "Bei diesem Erwachen erkennen ein Jeremias und ein David, wie das, was für Gott und seine Engel ein Gegenstand der Freude war, sie untröstlich machte."*

Charles Journet, Vom Geheimnis des Übels, Essen 1963, S. 281
* J.P. de Caussade SJ, Hingabe an Gottes Vorsehung, Einsiedeln-Köln 1952, S. 169, S. 171

Wo wir gerade bei der Beständigkeit der Kirche sind...

Zum Andenken an die erste hl. Kommunion bekam
dies Kreuz meine Mutter Ende der 60er Jahre


Gleicher Ort, gleiche Kirche, gleiches hochheilige Sakrament:
Zum Andenken bekam ich diese Baumdarstellung Ende der 90er Jahre

Im Nachhinein komme ich mir da doch so ein ganz klein wenig ver...äppelt vor. 

Unwohlsein bei dem Kritisierten

Der weisheitsliebende Kollege sophophilo verfasste kürzlich einen Artikel darüber, warum ihm beim Kritisieren unwohl ist. Dieses Gefühl des Unwohlseins kann ich gänzlich teilen. Nun kann man das Problem aber von zwei Seiten sehen, nämlich einmal sozusagen von unten nach oben ("Wenn sich der Obere einer Gemeinschaft nicht beraten und korrigieren lässt, wenn er irrt ... so ist der Orden gänzlich lax und verloren," sagte der hl. Johannes vom Kreuz, wie ich kürzlich irgendwo las) und  von heute nach gestern, aber auch von oben nach unten, nämlich vom Auftrage Christi an die Bischöfe her, die Nachfolger der Apostel, von gestern nach heute. Persönlich würde ich nämlich eher sagen, dass mir weniger unwohl ist, wenn ich kritisiere - dabei kommt mir mein Widerspruchsgeist zur Hilfe - vielmehr wird mir fast speiübel, wenn ich über die ekklesiologische Dimension des Kritisierten nachdenke.

Das Mandat Christi hören wir bei Matthäus 28, 18-20: "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Geht darum hin und machet alle Völker zu Jüngern ... und sie lehrt, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe. Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Und wir wissen auch, dass dieser Auftrag nicht nur ein Auftrag an die Apostel war, denn sie konnten nicht alle Völker und erst recht nicht alle Tage bis zum Ende der Welt erreichen. Es ist eine lebendige Mission, die von der unübertragbaren Gewalt der Apostolates auf die übertragbare Gewalt des Episkopates übergeht.
Die Apostolizität war und ist für mich zentraler Beweggrund meiner Angehörigkeit zur katholischen Kirche. Das galt auch für viele andere, am bekanntesten vielleicht der selige Kardinal John Henry Newman, für den die Apostolizität der römischen Kirche ausschlaggebender Punkt seiner Konversion war. Aus dem Mund des Kirchvaters Irenäus:
Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.*In dieser Ordnung und Reihenfolge ist die kirchliche apostolische Überlieferung auf uns gekommen, und vollkommen schlüssig ist der Beweis, daß es derselbe Leben spendende Glaube sei, den die Kirche von den Aposteln empfangen, bis jetzt bewahrt und in Wahrheit uns überliefert hat.*Angesichts solcher Beweise darf man nicht lange bei andern nach der Wahrheit suchen. Ohne Mühe kann man sie von der Kirche in Empfang nehmen.*
Der Bischof ist Hirte derjenigen Herde, die ihm übertragen wurde. Zu seiner Weihegewalt, mit der ich mich hier gar nicht weiter auseinandersetzen will, kommt Jurisdiktionsgewalt und damit eine dreifache Aufgabe hinzu:
1. Den Christgläubigen die offenbarte Doktrin des Glaubens und des Moralgesetzes zu lehren
2. Die allgemeinen Anordnungen der Kirche weiterzugeben, die so eng mit den Glaubenswahrheiten verbunden sind, dass man sie nicht ohne Gefahr für das Seelenheil ablehnen kann
3. Seiner eigene Diözese durch Anordnungen so regieren, dass die Botschaft der Kirche besser gehört werden kann; er hat in den Dingen, die das Seelenheil der Gläubigen berühren, die alleinige Autorität, Gesetze zu geben, zu richten und Disziplinarmaßnahmen einzuleiten.**

Nun ist die Weihegewalt aus sich selbst heraus unfehlbar, denn sie wird auf dem Weg der Konsekration übertragen. Anders verhält es sich bei der Jurisdiktionsgewalt: Sie ist delegiert, und deswegen ist sie nur durch den Beistand des Heiligen Geistes unfehlbar. In der Sakramentspendung, so könnte man sagen, sind die Geweihten lediglich Überträger des Gnadenflusses, der von Christus selbst kommt. Der menschlichen Natur ist es nicht zu eigen, übernatürliche Gnaden zu spenden. Mehr in Einklang mit der Natur ist es, zu predigen, zu lehren und zu leiten. Und deswegen droht die Gefahr, dass es in diesen Rollen menschelt. Um das zu verhindern, versprach uns Christus den Beistand, und der besteht in einer negativen und positiven Weise: Er schützt die Kirche vor Irrtum und hilft ihr dabei, den Glaubensschatz von Generation zu Generation weiterzugeben.
Während den Aposteln die besondere Gnade der Eingebung und Offenbarung zu Teil wurde, ist der postapostolischen Kirche die Gnade des Beistandes zu eigen, durch den das Glaubensgut geschützt und weitergegeben wird.*

Die Apostolizität der Kirche ist ein Mysterium. Die Vernunft und die Geschichte kann uns vielleicht eine Ahnung davon geben, denn schließlich offenbart sich die Kirche auch als sichtbare, soziale Körperschaft. Aber letztlich ist es der Glauben, der uns lehrt, dass eine göttliche Gewalt durch Christus und der Hierarchie zu uns kommt, um der Welt Heil zu schenken und Gott ein Volk zu sammeln.
Wie die Eigenschaften der Kirche ein Mysterium sind, so sind ihre Wesensmerkmale ein Wunder. Ein Wunder ist die Fortdauer der apostolischen Hierarchie. Lassen wir erneut Irenäus zu Wort kommen:
Weil es aber zu weitläufig wäre, in einem Werke wie dem vorliegenden die apostolische Nachfolge aller Kirchen aufzuzählen, so werden wir nur die apostolische Tradition und Glaubenspredigt der größten und ältesten und allbekannten Kirche, die von den beiden ruhmreichen Aposteln Petrus und Paulus zu Rom gegründet und gebaut ist, darlegen, wie sie durch die Nachfolge ihrer Bischöfe bis auf unsere Tage gekommen ist. So widerlegen wir alle, die wie auch immer aus Eigenliebe oder Ruhmsucht oder Blindheit oder Mißverstand Konventikel gründen. Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.*
Nachdem Irenäus die Namen der zwölf Bischöfe Roms aufgelistet hat, von der Kirche Smyrnas sprach (deren Bischof Polykarp er in seiner frühen Jugend noch kennenlernen durfte), die von den Apostel selbst gestiftet wurde, dann zur Kirche von Ephesus, die Paulus gegründete, schreibt er: "Angesichts solcher Beweise darf man nicht lange bei andern nach der Wahrheit suchen. Ohne Mühe kann man sie von der Kirche in Empfang nehmen. In sie haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört, so daß jeder, der will, aus ihr den Trunk des Lebens schöpfen kann."*

Genau so wunderbar ist das Fortbestehen, die Beständigkeit der Kirchenlehre. Doch müssen wir hierbei etwas beachten: 
"Unser Ja zum Glauben ruht nicht nur auf dem Zeugnis toter Urkunden, sondern auf dem lebendigen Zeugnis des von Christus her über die Apostel und Bischofsreihen bis zur Gegenwart fortgeleiteten Überlieferungsstroms der kirchlichen Glaubensverkündigung. Das Christentum ist nicht tote Urkunden- und Fragmentenreligion, sondern ein von Geschlecht zu Geschlecht durch die apostolische Sendungsreihe behütetes Leben im Heiligen Geist."***
Eng verknüpft (und tatsächlich kann kein Wesensmerkmal ohne das andere bestehen) ist die Einheit der Kirche. Wieder Irenäus:
"Nun wohl, diese Botschaft und diesen Glauben bewahrt die Kirche, wie sie ihn empfangen hat, obwohl sie, wie gesagt, über die ganze Welt zerstreut ist, sorgfältig, als ob sie in einem Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund besäße. Und wenngleich es auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Kraft der Überlieferung ein und dieselbe."*
Der hl. Augustinus konnte sich darin rühmen, dass er alle Sprachen spricht. "Ich bin der Leib Christ, in der Kirche Christi. Wenn der Leib Christi alle Sprachen spricht, dann sind auch alle mir: Griechisch, Syrisch, Hebräisch, alle Sprachen sind die meinen, denn die Einheit aller Völker ist die meine." (Enarr. in Ps. 147)
... Aber, um mal langsam wieder den Sprung zum Thema und der heutigen Zeit zu schaffen...wie ist es damit bestellt, kann man so leicht die Wahrheit in der Stadt auf dem Berge finden? Herrscht die Einheit und Beständigkeit der Kirchenlehre? Und kommen die Bischöfe und ihre Vikare ihren ureigenen Aufgaben nach? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man von Kirche zu Kirche gehen und in jeder eine andere, fremde Sprache hören kann?
Ich denke, wenn man ehrlich ist und sich nicht in tausenderlei Sophismen stürzt, wird man doch zugeben müssen, dass sich hier gar nicht enden wollende Problemfelder auftun. Nur sprechen wir hier eben nicht von der Politik, einem Staat, einem Konzern oder einem Fußballverein, der auch schonmal in die 2. Liga absteigen kann. Ist die Kirche die wahre Religion Christi, dann bleibt sie immer das und nichts anderes. Wie aber das mit der Realität versöhnen?

Gewiss, wir wissen, die Kirche hatte immer schwierige Zeiten durchleben müssen. Und das sich die äußeren Zeichen, die Kultpraxis usw. ändern kann, davon brauchen wir gar nicht zu reden. Mit dem Blick in die Vergangenheit können wir darauf schließen, dass sich von Zeit zu Zeit ein Schleier um die Kirche hüllt. Aber doch muss sie die sichtbare Stadt Gottes bleiben! Wie aber kann man sie in dieser Verwirrung finden? Wenn die Bischöfe ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen, dann stürzt die ganze Welt in eine Katastrophe. Die apostolische Hierarchie ist ein Grundpfeiler der Kirche, und schwächelt der, droht alles zum Einsturz zu kommen: Die Eigenschaften der Kirche, die Wesensmerkmale der Kirche, letztlich die Liebe Gottes, die wir in der Kirche des fleischgewordenen Wortes finden und uns durch diesen Leib Christi zuteil wird.
In fast allen Epochen galt es als ausreichend, nach dem Kanon des Vinzenz von Lérins, eine geographische und numerische Universalität auszumachen, um die Kirche zu finden. Der spätere Kardinal Newman war vor seiner Bekehrung sehr darüber bestürzt, dass er seine englische Kirche in der Vergangenheit nur mit der Sekte der Donatisten und der Monophysiten vergleichen konnte, nicht jedoch mit der allgemeinen Kirche Christi.
Aber Vinzenz selbst musste zugeben, dass zu Zeiten der arianischen Häresie eine der Tradition treu gebliebene Minderheit gegen die Innovatoren stand. Und gerade in der heutigen Zeit, in der der Glaube so weit zerstreut ist, ist eine Mehrheit und Universalität schwer festzumachen. Es ist also ein weiteres Kriterium vonnöten. Irgendwie müssen die "wahren Jünger, die wahren Anbeter Christi", wie Vinzenz schreibt, zu finden sein. Selbst wenn ich es anders wünschen würde, ich kann kein anderes Kriterium finden als die Zugehörigkeit zum Nachfolger Petri.
Die guten Theologen schreiben, dass selbst die Mehrheit der Bischöfe irren und dem Papst widersprechen kann. "Egal ob Minorität oder Majorität", schreibt Benedikt XIV., stärke Deine Brüder. Die vierhundert Propheten von Achab konnten nicht gegen den einen Propheten Michaias bestehen; und so konnte auch das arianische Konzil von Rimini nicht gegen Vinzenz von Capua und die wenigen Bischöfe, die dem Bischof Roms treu geblieben sind, bestehen."
Kommt nun dieser Bischof nun seinem Auftrag nicht nach, wie es einige Theologen zumindest für möglich halten...so wäre das Unglück perfekt. Die Kirche hat hier nur die Macht des Gebetes und der brüderlichen Ermahnung. Doch auch hier gilt, der Schleier kann sich nicht für lange Zeit um die Kirche, erst recht nicht um die erste Kirche legen - ansonsten wäre sie nicht die Kirche Christi, die Stadt auf dem Berg.

Als traditionserquickter Katholik neigt man dazu, zumindest ich tue das, sich nur all zu gerne vom lebendigen Strom des Kirchenlebens zu trennen. Hier liegt die Gefahr, die Karl Adam beschreibt, Anhänger einer Urkundenreligion zu werden, von mir aus auch einer Religion von Missale und Brokatkasel. Natürlich muss und sollte sich längst nicht jeder Christgläubige in die aktuellen Angelegenheiten der Kirchenregierung einmischen, und nicht jeder ist dazu gezwungen, stets die neuesten Nachrichten aus Rom zu lesen. Die Wüstenväter früherer Zeiten war schließlich nicht weniger katholisch als die Quiriten. Nur ist dieses Abschotten von den berufenen Hirten, das Einschließen in eigene Kirchen oftmals abseits der ordentlichen Jurisdiktion eben nicht normal. Normal dagegen ist, dass durch diese Abbinden von der Gesamtkirche die Gefahr droht, selbst in alle möglichen Irrtümer zu fallen - obgleich man vorgibt, den wahren Glauben gerade dadurch zu bewahren.


* Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien. Aus dem Griechischen übersetzt von E. Klebba. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 3) München 1912, nach der Bibliothek der Kirchenväter, Buch 3 Kap. 2, 3 u. 4, Buch 1, Kap. 10
** siehe Charles Journet, L'Église du Verbe Incarné, nach der gekürzten englischen Fassung Theology of the Church, San Francisco 2004, S. 347ff
*** Karl Adam, Das Wesen des Katholizismus, Düsseldorf 1946, S. 258

Anderes Wort für schlau mit zehn Buchstaben


Donnerstag, 18. September 2014

Von der Nominierung und den Nominierten

Nach der Ankündigung und Nominierungsphase des Schwester-Robusta-Preises der deutschsprachigen Blogoezese ging es in den germanophonen, katholischen Blogs heiß her  ... es wurde zum Mitmachen aufgerufen, Traktate zu Nominierungen und zur persönlichen Nominierungsphilosophie geschrieben, Neologismen und neue Kategorien erfunden ... ganz einfach, es war herrlich. Ich gebe zu, ich selbst habe es mir einfach gemacht und ohne lange Überlegung und Aufhebens frei von der Leber weg meine aktuellen Lieblingsblogs dem Hw. Herrn Alipius in die Kommentarspalte geknallt. Und selbst im Nachhinein bin ich gar nicht mal so unzufrieden damit. Es gibt nun mal einfach Blogs, die ich regelmäßig lese, sofern möglich mehrfach täglich reinschaue und auch öfter mal kommentiere, dann die, wo ich unregelmäßig vorbeischaue und meistens nur überfliege, weil mich die Themen nicht so interessieren oder ich mit dem Autor weniger konform gehe (ich versuche mich freilich auch immer mal wieder darin zu üben, Scheuklappen abzulegen) ... und zu guter letzt die, die ich gar nicht lese. Vielleicht, weil mir der Inhalt nicht gefällt, ich nichts damit anfangen kann, man nur Gemeinplätze hört, oder schlicht, weil ich wegen der grottenhässlichen Darstellung nicht länger als zwei Augenblicke auf der Seite bleiben mag. Zwar fehlt mir selbst sicher auch ästhetisches Feingefühl und Geschick im Umgang mit Foto, Bearbeitung und blogger ... und muss ich auch dem katholischen Blog-Autor aus christlicher Nächstenliebe sicher beistehen, wenn er vom Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fällt, so muss ich deswegen doch nicht unbedingt seinen Blog lesen. Daher votiere ich also für die Blogs, die ich wirklich mag bzw. mich interessieren, nicht aber für jene, die einen Preis ja verdient hätten, müssten, sollten.

Aus Spaß an der Freude möchte ich aber dann doch noch ein paar Worte über meine Vorschlagsliste verlieren.

Ganz oben steht bei mir, kaum überraschend, der Kollege von Pro Spe Salutis. Wer geschätzte 1000 TB an exquisitem Fotomaterial geschossen hat, für seine Artikel regelmäßig bis weit über die Grenzen seines Kirchspiels und des regelmäßig verkehrenden ÖPNVs hinausmarschiert (und dabei auch schonmal bitter enttäuscht wird) hat allein schon einen Preis verdient. Und hab' ich schon erwähnt, dass die Bilder ganz vorzüglich sind? Aber nicht nur das, es sind auch die kleinen Dinge, die die Augen allzu gerne schmausen. Das wäre die stets angenehm gleiche Formatierung, die ersten Worte in Rubrikenrot, die Hinweise und immer ausführlichen Quellenangaben (). die Gestaltung des Titelbildes und der Seitenleiste, die clever gewählten Labels, die alte Rechtschreibung samt Schönschreibstil plus Witz, selbst bei Verweisen nach außerhalb wird man nicht wohlfeil blau-unterstrichen hinausgeworfen, sondern sanft mit in die richtige Richtung geschickt. Die gräulich-kursive Schrift in Übersetzungen aus dem Lateinischen. Dazu dann noch das eigentümliche, gleichsam pneumatisch eingegebene Casel'sche Vokabular, welches inzwischen wohl schon Markenzeichen innerhalb der digitalen Ekklesia ist. 
So, bevor mir noch mehr einfällt, mache ich hier lieber Schluss. Ein weiterer heißer Kandidat für den Augenhonig-Preis wäre der begabte Sazerdos aus Wien.

Nun konnte ich mich nicht beherrschen und schlug Andreas ein weiteres Mal vor, diesmal für den Preis der Spiritualität. Bei diesem Preis lege ich ebenfalls besonderen Wert darauf, dass die geistlichen Schriftstücke aus der eigenen Feder stammen und nicht einfach abgeschrieben sind - auch, wenn dies ebenfalls seine Berechtigung hat und das eine nicht das andere ausschließt. Der werte Blogautor schreibt stets interessant, mich nie ermüdend, doch auch nicht oberflächlich, stets mit persönlicher Note, aber immer mit allgemeiner Applikation und nie süßlich wie aus einem Andachtsbüchlein aus der vorigen Jahrhundertwende. Und eben auch nicht stumpfsinnig-traditionalistisch. Ich will den sowieso schon viel zu lang geworden Beitrag nicht noch länger machen, es sei nur gesagt, dass mir kaum ein anderer Blog für diese Kategorie, zumindest nach meinen Vorstellungen, einfiele. 

Bei der Frische hat es mir vias vitae angetan, eine junge Theologiestudentin, die vor allem über ein Thema schreibt, das mir selbst sehr am Herzen liegt: der Glaube und die Theologie. Zwei Welten, die sich heute scheinbar kaum noch überschneiden. Besonders frisch für mich alte-Messe-Molch die etwas besser gelüftete Perspektive, die nicht aus dem Tradi-Lager kommt, aber deswegen nicht weniger glaubenstreu und froh ist. 
Ein weiterer heißer Kandidat dafür wäre der Windlichthalter.

Sophophilo von http://invenimus.blogspot.de/ zeigt sehr schön in einem jüngeren Beitrag, warum er für mich als besonders papsttreu gilt. Ihm ist unwohl bei der Kritik, er schreibt nicht immer wild drauf los, sondern er macht sich Gedanken. Auch bei Dingen, die vielleicht auf dem ersten Blick nicht so recht schmecken mögen. Und weißt eine all zu populistische Papstkritik häufig in ihre Schranken.

Nun, irgendwie musste er jetzt auch noch kommen, der erzbloggende Geistbraus. Nie habe ich beim Lesen eines anderen Blogs so häufig und so kräftig lachen müssen. Dabei könnte man meinen, er würde sich mehr den Buchstaben als den Noten widmen, aber vielleicht hat man es als Künstler überall mit der Kunst bzw. Kunstfertigkeit. So großmäulig, wie gemeinhin dargestellt, finde ich ihn dabei gar nicht. Eigentlich eher schon fast kumpelig, und zumindest kann ich mich in der jüngsten Zeit nicht an größere Streitereien erinnern. Überhaupt denke ich, dass bellende Hunde nicht beißen und der gute Geistbraus eigentlich ein gaaaanz ganz lieber ist, der keinem was tut.
Für das Zwerchfell könnte ich mir auch gut einfach entfachend vorstellen. Ich würde den Blog ja stattdessen gerne für Trägheit nominieren, aber nun hat er sich ja scheinbar (dementsprechend leider?) gefangen!

Jürgen war mir schon von woanders her sympathisch, da wundert es mich nicht, dass mir auch sein Blog gefällt. Und der ist auch mal so ganz anders, als man es in der Blogoezese sonst so serviert bekommt. Wohl bekomm's! 

Ich würde ja fast gerne einen Theologie-Sonderpreis vorschlagen, nämlich für den Thomasleser, auf den ich in der Vergangenheit schon mal ein Loblied gesungen habe. Mit dabei wäre her sicher auch Invenimus Messiam. Einen mystery-und-fiction-Extrapreis verdient sich Hw. Windlicht. 

So, das war's jetzt aber! Und, falls ihr bis hierhin gelesen habt, danke!

Das Haus in Limburg


Vor einem Jahr durchforstete ich bei einem Besuch des Elternhauses noch einmal deren Bibliothek, um zu schauen, ob sich vielleicht noch einige meiner Bücher bei ihnen verirrt haben. Und siehe da, meine alte Einheitsübersetzung versteckte sich dort im Schrank. Dumm nur, dass ich eigentlich meine immer noch verschollene Neovulgata gesucht habe...
Natürlich warf ich auch mal einen Blick ins Buch, das in den Regalen traditionsbegnadeter Kreise höchstens in der infernum-Sektion gleich neben der Lutherübersetzung, dem Kommunistischen Manifest und Sakrileg steht - und dementsprechend erst nach drei Pater noster, kleinem Exorzismus und Weihwasserbad angefasst werden kann. Wie dem auch sei, daraus fiel mir ein Bildchen aus meiner Geburtsstadt entgegen, auf der Rückseite eine handschriftliche Datierung auf 1998. Sehr viel später dürfte ich die EÜ dann wahrscheinlich auch nicht mehr angerührt haben...(und die Luther in Fraktur sah auch viel spannender aus).

Mittwoch, 17. September 2014

Ein Buch kommt selten allein



Zumindest, wenn ein Denzinger-Katholik shoppen geht!

Zwei kostbare Ströme

Man könnte inzwischen beinahe meinen, ich wolle sieben Beiträge zu Ehren der Sieben Schmerzen verfassen. Nun, ganz so viele werden es nicht werden, aber nach der leisen Kritik drüben veröffentliche ich auch hüben den Laudeshymnus Rogatus Deus rumpere (hier auch zu hören) aus dem Brevier der Birgittinnen (und Birgitten). Der Orden erinnert jeden Freitag an das Leiden des Erlösers und das Mitleiden seiner Mutter, die Urform des Schmerzensfestes. Der Überlieferung nach diktierte die hl. Gründerin ihrem Seelenführer Petrus Olavi den cantus sororum, das ordenseigene Marienoffizium, aus dem der folgende Hymnus stammt:


Gegeißelter Heiland,
Hoher Dom zu Augsburg
Rogatus Deus rumpere caelos et huc descendere,
Venit nobis in Virgine, nos volens salvos facere.


Gott wurde gebeten, die Himmel zu brechen, hierniederzusteigen,
er kam zu uns in der Jungfrau, um uns zu retten.

Sputa, flagella, lancea, minae, probra, crux, verbera,
Clavi, spine, mors, vulnera, fel, vincla, carnis tubera.

Speie, Geißel, Lanze, Drohung, Schimpf, Kreuz, Schläge,
Nägel, Stacheln, Tod, Wunden, Galle, Ketten, Fleischesbeulen.

Haec sunt, que Virgo viderat, suo parari Filio,
Qui liberare venerat a gravi nos exilio.

Das war es, was die Jungfrau sah, was ihrem Sohn bereitet,
der zu uns kam, uns von dieser schweren Verbannung zu befreien.

Patibulo suspenditur, latronibus conjungitur,
A cunctis fere spernitur, sic desolatus moritur.

Er ist ans Marterholz gehängt, vereint mit Räubern,
von fast allen verschmäht, so stirbt er verlassen.

O quam predigni rivuli in cruce Christi sanguinis,
Et quos fuderunt oculi, sub cruce Matris virginis.

Oh wie kostbar sind die Ströme von Christi Kreuz, sein Blut,
und jene ausgeschüttet von den Augen, der Jungfrau Mutter unterm Kreuz.

Sic nostra corda penetret, o Jesu, tua Passio,
Ut semper nos inhabitet tua vera dilectio.

Möge Dein Leiden, o Jesu, tief unseren Herzen eingedrückt sein,
dass Deine wahre Liebe uns immer innewohnt.

Maria, Mater gratiae, Mater misericordiae,
Tu nos ab hostes protege, in hora mortis suscipe.

Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit
beschütz' Du uns vom Feind und in der Todesstunde nimm uns auf.

Gloria tibi Domine, qui natus es de Virgine,
Cum Patre et Sancto Spiritu, in sempiterna saecula. Amen.

Ehre sei Dir, o Herr, der Du aus der Jungfrau geboren bist,
mit dem Vater und dem Heilgen Geist, in alle Ewigkeit. Amen.

(aus Breviarium Sacrarum Virginum Ordinis Sanctissimi Salvatoris, vulgo Santae Birgittae; horas Deiparae Virginis per ferias distributas continens opus pium et omnibus eidem Virgini devotis ob Sermones Angelicos accommodatissimum, Rom, Tournai, Paris, 1908, S. 426f)

Schöner übersetzt Friedrich Wolters den Hymnus zur Freitagskomplet, verfügbar bei Hymnarium.de.