Mittwoch, 30. April 2014

Unsere Liebe und unser Verlangen

Obwohl die Komplet nur eine der kleinen Horen ist, hatte sie für die Dominikaner immer schon eine ganz besondere Bedeutung - sie endet auch heute noch mit der berühmten Salve-Regina-Prozession und der Antiphon O Lumen Ecclesiae. Auch wenn dem dominikanischen Stundengebet fast alle Eigenheiten im Zuge der Brevier-Reform Pius' X. abhanden kamen und es an die (neu-)römische Praxis angeglichen wurde, blieben doch zumindest seine alten Hymnen erhalten.*
Im Gegensatz zur römischen oder benediktinischen Komplet, die uns wahrscheinlich geläufiger sein dürfte, war die Komplet im Predigerorden besonders abwechslungsreich. Sie hatte für verschiedene Zeiten im Kirchenjahr und auch für die Marienfeste besondere Antiphonen. Stets gleich blieb aber die uralte Psalmordnung, wie sie sich im monastischen Stundengebet (und in der römischen Sonntagskomplet) noch finden lässt. Die vier Psalmen wurden wegen ihrer einzigartigen Angemessenheit für das Nachtgebet ausgewählt: Psalm 4, Cum invocarem, erzählt vom dem tiefen Vertrauen, mit dem der Gerechte schläft; Psalm 30, In te Domine speravi, regt uns dazu an, unsere Hoffnung und unsere Seelen in die Hände Gottes zu legen; Psalm 90, Qui habitat, zählt die Gründe für unser Vertrauen trotz der zahlreichen Gefahren der Nacht auf; Psalm 133, Ecce nunc, lädt uns ein, Gott in den Nachtstunden zu lobpreisen.
Aber nicht nur die Antiphonen wechselten im Dominikaner-Ritus, sondern auch die Hymnen. Vom Weißen Sonntag an wurde Jesu nostra redemptio gesungen, ein Hymnus, der bei den Benediktinern zu Christi-Himmelfahrt gesungen wird. Die Bedeutung Osterns für den Glauben klang in diesem Beitrag an. Folgende Hymne beleuchtet das Fest der Wiederauferstehung vor allem aus der Sicht der Hoffnung und der kontemplativen Sehnsucht des Gläubigen.


Jesu, nostra redemptio,
Amor et desiderium,
Deus Creator omnium,
Homo in fine temporum.

Fra Angelico, Christus im Limbo
O Jesus, unsere Erlösung,
Unsere Liebe und unser Verlangen,
Gott, der Schöpfer aller Dinge,
Wird Mensch in der Fülle der Zeit. 

Quae te vicit clementia,
Ut ferres nostra crimina,
Crudelem mortem patiens,,
Ut nos a morte tolleres!

Welche Milde überkam Dich,
Unsere Sünden zu tragen,
Dass Du einen grausamen Tod erleidest,
Damit wir vom Tod gerettet werden mögen? 

Inferni claustra penetrans,
Tuos captivos redimens,
Victor triumpho nobili
Ad dextram Patris residens:

Du brachst in das Gefängnis der Hölle ein,
Um Deine Gefangenen zu befreien,
Dein Sieg gewann Deinen Platz,
Zur rechten Hand des Vaters.

Ipse te cogat pietas,
Ut mala nostra superes,
Parcendo, et voti compotes
Nos tuo vultu saties.

Möge Erbarmen Dich bewegen,
Dass Du unsere Schlechtigkeiten besiegst,
Vergebung gewährst und unser Verlangen stillst,
Uns mit Deinem Antlitz zu erfüllen.

Quæsumus, Auctor omnium,
In hoc paschali gaudio
Ab omni mortis impetu
Tuum defende populum.

Wir bitten Dich, Du Schöpfer aller Dinge,
In dieser österlichen Freude,
Schütze Dein Volk
Vor allen Angriffen des Todes.

Gloria tibi, Domine,
Qui surrexisti a mortuis,
Cum Patre et Sancto Spiritu
In sempiterna sæcula. Amen.

Dir sei Herrlichkeit, Herr,
Der von den Toten auferstand,
Mit dem Vater und dem Heiligen Geist,
In alle Ewigkeit. Amen.



* Der amerikanische Liturgiker Bonniwell aus demselben Orden spottet über P. Hespers, Beauftragter der Reformierung des Dominikaner-Breviers: "Hespers naïvely remarks that he did not change the old hymns! He should have added that there was something else he left unchanged - namely, the title of the breviary. Hespers' breviary was published with the misleading title: Breviarium iuxta ritum Ordinis Prædicatorum. - It should have read: Breviarium Romanum ad usum Ordinis Prædicatorum."

Montag, 28. April 2014

Über alle Berge

In letzter Zeit wird mir besonders bewusst, wie viele Namen und Gruppenbezeichung sich sehr von dem entfernt, geradezu umgedreht haben, was sie einmal bezeichneten, was sie einmal ausmachte. Die römische Schule kämpft gegen ökumenische Konzilien und die päpstliche Unfehlbarkeit. Liturgiker erklären uns, warum die Liturgie des Papstes nicht das Vorbild für den römischen Ritus ist. Sogar Benediktiner meinen, die aktuelle Messordnung sei unrettbar verloren. Ein Jesuit wettert gegen Kasuistik. Die Summa gibt es nur noch in Japan. Integralisten haben mit dem Papst schon lange nichts mehr am Hut. Und einen ultramontanen Blog gibt es nicht mehr

Das war mal anders. Die römische Schule sah es als ihren ehrenhaftesten Auftrag, die Unfehlbarkeit des Papstes zu verteidigen. Ultramontane kämpften so sehr gegen reaktionäre Gallikanisten, dass sie sogar manchmal auf der liberalen Seite hinten runterfielen. Benediktiner wie Abt Guéranger wollten nichts lieber, als die Liturgie des Papstes feiern. Augustiner kannten die Summa Theologiae auswendig und Dominikaner den Augustinus. Und Pius nannten sich liberale Päpste. (Gut, mit den Jesuiten wie der Kasuistik habe ich es auch nicht so sehr).

Woher die Starrheit im Namen, der Wandel im Tun? Vielleicht manchmal auch ein Fall für das Gewissen...

Nachtrag zur Heiligsprechung

Bei der gestrigen Übertragung der Heiligsprechungen sind mir besonders die drei an den Papst gerichteten Petitionen aufgefallen, welche die von mir hier umrissene Unfehlbarkeitsthese untermauern dürften. Da die drei Bitten in der internationalen Blogosphäre bislang fast nirgendwo im Wortlaut wiedergegeben wurden, zitiere ich sie hier:


Praefectus Congregationis pro Causis Sanctorum: Beatissime Pater, instanter postulat Sancta Mater Ecclesia per Sanctitatem Vestram catalogo Sanctorum adscribi, et tamquam Sanctos ab omnibus christifidelibus pronunciari Beatos Ioannem XXIII et Ioannem Paulum II.

Präfekt der Kongregation für Heiligsprechungen: Heiligster Vater, die Heilige Mutter Kirche bittet eindringlich, die Seligen Johannes XXIII. und Johannes Paul II. in das Buch der Heiligen einzutragen, damit sie von allen Christgläubigen als solche angerufen werden können.

Beatissimus Pater: Fratres carissimi, Deo Patri omnipotenti preces nostras per Iesum Christum levemus, ut, Beatæ Mariæ Virginis et omnium Sanctorum suorum intercessione, sua gratia sustineat id quod sollemniter acturi sumus.

Preces populi tui, quæsumus, domine, benignus admitte, ut quod famulatu nostro gerimus et tibi placeat et Ecclesiæ tuæ proficiat incrementis. Per christum dominum nostrum. Amen.

Heiligster Vater: Liebe Brüder, lasst uns unsere Gebete durch Jesus Christus zu Gott dem allmächtigen Vater erheben, damit er durch die Fürsprache der Seligen Jungfrau Maria und aller Heiligen jene Handlung mit Gnade erhält, die wir jetzt feierlich begehen.

Wir bitten Dich, Herr, die Gebete Deiner Gläubigen gnädig anzunehmen, damit unser Dienst Dir gefällt und zum Wachsen der Kirche beiträgt. Durch Christus unseren Herrn. Amen 


Praefectus Congregationis: Unanima precatione roborata, Beatissime Pater, Sancta Ecclesia instantius flagitat ut Sanctitas Vestra filios hos ipsius electos in Sanctorum catalogo annumeret.

Gestärkt durch einträchtiges Beten, Heiligster Vater, fordert die Heilige Kirche Eure Heiligkeit eindringlicher, dass diese ihre Erwählten zu den Heiligen hinzugerechnet werden.

Beatissimus Pater: Spiritum vivificantem, igitur, invocemus, ut mentem nostram illuminet atque Christus Dominus ne permittat errare Ecclesiam suam in tanto negotio.

Lasst uns den lebendigmachenden Geist anrufen, dass er unseren Geist erhellt und Christus der Herr nicht erlauben möge, dass die Kirche in solch einer wichtigen Sache irrt.


Praefectus Congregationis: Beatissime Pater, Sancta Ecclesia, Domini promisso nixa Spiritum Veritatis in se mittendi, qui omni tempore supremum Magisterium erroris expertem reddit, instantissime supplicat Sanctitatem Vestram ut hos ipsius electos in Sanctorum catalogum referat.

Heiligster Vater, die Heilige Kirche, vertrauend auf das Versprechen des Herrn, auf sie den Geist der Wahrheit zu senden, der das höchste Lehramt durch alle Zeiten hinweg frei macht von Irrtum, erfleht Eure Heiligkeit am eindringlichsten, dass diese ihre Erwählten zu den Heiligen gezählt werden.  


Beatissimus Pater: Ad honorem Sanctæ et Individuæ Trinitatis, ad exaltationem fidei catholicæ et vitæ christianæ incrementum, auctoritate domini nostri Iesu Christi, beatorum Apostolorum Petri et Pauli ac Nostra, matura deliberatione præhabita et divina ope sæpius implorata, ac de plurimorum fratrum Nostrorum consilio, Beatos Ioannem XXIII et Ioannem Paulum II Sanctos esse decernimus et definimus, ac Sanctorum catalogo adscribimus, statuentes eos in universa Ecclesia inter Sanctos pia devotione recoli debere. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.

Zur Ehre der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und der Förderung des christlichen Lebens, mit der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus sowie der Heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen, nach reiflicher Überlegung und nachdem Wir immer wieder die göttliche Hilfe erfleht und die Meinung so vieler Unserer Brüder im Episkopat gehört haben, erklären und bestimmen Wir, dass die Seligen Johannes XXIII. und Johannes Paul II. heilig sind, und Wir tragen sie ins Buch der Heiligen ein und legen fest, dass sie in der ganzen Kirche als Heilige angemessen verehrt werden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Praefectus Congregationis: Beatissime Pater, nomine Sanctæ Ecclesiæ enixas gratias ago de pronuntiatione a Sanctitate Vestra facta ac humiliter peto ut eadem Sanctitas Vestra super peracta canonizatione Litteras Apostolicas dignetur decernere.

Heiligster Vater, ich danke im Namen der Heiligen Kirche Eurer Heiligkeit für diese Verkündigung und bitte demütig, dass Eure Heiligkeit anordne, dass die Apostolischen Briefe bezüglich der Heiligsprechung angefertigt werden mögen. 

Beatissimus Pater: Decernimus.

Wir ordnen es an.

Sonntag, 27. April 2014

Hymne zum Tage

Das ist der Bekenner des Herrn, sein Triumph
Wird auf der ganzen Welt vom Volk gefeiert,
An diesem Festtage empfängt er die ihm
Gebührende Ehre.

Fromm und weise, demütig und enthaltsam,
keusch war er stets, friedfertig und bescheiden,
Durch die Abtötung blieb in seinem Leben
Sein Körper stets stark.

Wenn zu seinem heiligen Grab die Kranken
Mit zutiefst erlahmten Gliedern strömten,
Wurde die Gesundheit wiederhergestellt
Durch sein Erbitten.

Deswegen singt unser Chor ihm zur Ehre
An seinem Festtag fröhlich diese Hymne,
Dass wir an seinen Verdiensten unsern' Teil
Für immer haben.

Ihm sei das Heil, die Herrlichkeit und Würde,
Der über den Himmeln, am Gipfel wohnet,
Und das weite Erdengerüst regiert
Dreifach und einig. Amen.


V. Der Herr führte den Gerechten auf den rechten Pfad. R. Und zeigte ihm das Königreich Gottes.

Ant. Während er der höchste Priester war, fürchtete er nicht die irdischen Mächte, sondern pilgerte glorreich zum himmlischen Königreich.


(Hymnus Iste Confessor der I. Vesper eines Bekenners und Bischofs, Responsorium und Magnificat-Antiphon von der II. Vesper)

Samstag, 26. April 2014

Gedächtnis des Kreuzes, einst vom Weißen Sonntag an zu verrichten


Ant. Crucem sanctam subiit, qui infernum confregit, accinctus est potentia, surrexit die tertia. Alleluia.

V. Dicite in nationibus, alleluia. R. Quia Dominus regnavit a ligno, alleluia.

Oratio
Deus, qui pro nobis Filium tuum Crucis patibulum subire voluisti, ut inimici a nobis expelleres potestatem: concede nobis famulis tuis; ut resurrectionis gratiam consequamur. Per eumdem Christum Dominum nostrum. Amen. 


Ant. Er, der die Hölle zerbrochen hat, litt am heiligen Kreuz, er gürtete sich mit Macht und erstand am dritten Tag. Alleluja.

V. Verkündet es den Völkern, alleluja! R. Dass unser Herr vom Holze geherrscht hat, alleluja!

Gebet
O Gott, Du wolltest, dass Dein Sohn für uns die Schmach des Kreuzes auf Sich nehme, damit Du die Macht des Feindes von uns vertreibest; verleihe uns, Deinen Dienern, dass wir die Gnade der Auferstehung erlangen. Durch Ihn, unseren Herrn. 





Donnerstag, 24. April 2014

Heilige auf Widerruf


Nach EU-Richtlinie 14 Tage Rückgaberecht,
zwei Jahre Gewährleistung (ohne Garantie!)
In einem kürzlich bei katholisches.info erschienen Interview anlässlich der anstehenden Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. mit dem „bekannten Historiker und katholischen Intellektuellen“ Roberto de Mattei trifft dieser einige Aussagen über die Unfehlbarkeit von Kanonisationen. Ich kann Matteis Meinung nicht teilen und finde einige Punkte sogar sehr bedenklich. Darauf will ich hier etwas näher eingehen.

Die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen ist heute die allgemeine und sichere Meinung der Theologen.i* Insbesondere die neuscholastische Theologie, der sich traditionalistische Kreise gewöhnlich besonders verbunden fühlen, bekräftigte diese Lehre. Erst seit dem Zweiten Vatikanum widersprechen einige wenige Theologen dem Unfehlbarkeitsanspruch oder äußern sich zumindest kritisch; der bekannteste Vertreter dieser Position dürfte Mons. Brunero Gherardini sein, der seine Thesen unter dem Titel „Canonizzazione ed infallibilita“ in der Zeitschrift der Päpstlichen Akademie für Theologie im Jahr 2003 veröffentlichte.

De Mattei führt als Hauptargument gegen die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen folgendes an: „Was die Päpste definieren, muss in der Heiligen Schrift und in der Tradition enthalten sein, und es ist das, was die Unfehlbarkeit des Aktes sicherstellt. Dies ist bei Heiligsprechungen natürlich nicht der Fall.“
Hier bereits begeht der italienische Historiker den ersten Fehler. Während er den primären Gegenstand der päpstlichen Unfehlbarkeit perfekt definiert, bleibt der sekundäre Gegenstand vollkommen unerwähnt – dieser Grundfehler erklärt möglicherweise auch die weitere Argumentation Matteis. Der Dogmatiker Ludwig Ott schreibt in seinem Standartwerk: „Der sekundäre Gegenstand der Unfehlbarkeit sind nicht formell geoffenbarte Wahrheiten der christlichen Glaubens- und Sittenlehre, die aber mit der Offenbarungslehre enge zusammenhängen.“ii Und dazu werden Heiligsprechungen gezählt.

Nun ist es zunächst hilfreich, zu definieren, was überhaupt eine Heiligsprechung ist. Sie ist das endgültige und definitive Dekret, durch welches der Summus Pontifex erklärt, dass eine Person in den Himmel eingegangen ist und von allen verehrt werden soll.iii
Traditionell werden drei Punkte zur Untermauerung der Unfehlbarkeitsthese aufgestellt:
  1. Aus dem Wesen der Heiligsprechung selbst: Die Kirche ist in denjenigen Dingen unfehlbar, welche den Glauben und die Moral betreffen. Die Heiligsprechung aber betrifft den Glauben, da, wie der hl. Thomas schreibt, „die Verehrung, die wir den Heiligen gegenüber zeigen, in einem gewissen Sinne ein Bekenntnis des Glaubens ist, denn wir glauben an die Herrlichkeit der Heiligen.“iv Könnte die Kirche in der Kanonisierung der Heiligen irren, so wäre sie kein glaubwürdiger Lehre des Glaubens und der Moral. Wenn durch die feierliche Erklärung der Kirche der Kult um einen Heiligen vorgeschrieben, sein Leben zur Nachahmung empfohlen wird, der in Wahrheit ein Protegé des Teufels ist, so würde das Gesetz der Moral unzweifelhaft in Mitleidenschaft gezogen.
  2. Aus der Überzeugung und Praxis der Kirche: Die Päpste haben in ihren Heiligsprechungsdekreten deren Unfehlbarkeit durch die verwendete Formulierung selbst bestätigt.
  3. Aus dem Konsens der Theologen. „Es ist der anmaßendste Wahnsinn, das zu bestreiten, was die ganze Kirche tut.“v, schrieb Augustinus.
Professor de Mattei sagt richtig, dass die Änderung des Heiligsprechungsprozederes von 1983 nicht als Argument für eine Fehlbarkeit der Heiligsprechungen (seit diesem Zeitpunkt) angeführt werden kann. Die Wirkursache der Unfehlbarkeit ist nämlich nicht ein bürokratischer Prozess, sondern der Beistand des Heiligen Geistes.

Im weiteren Verlauf des Interviews behauptet de Mattei gegen den Aquinaten, dass eine falsche Heiligsprechung keine Täuschung der Kirche sei, sondern lediglich ein Irrtum. Ich lasse es dahingestellt, ob dies nicht eine nutzlose Unterscheidung ist. Doch wenn wenn der ganzen Kirche der Kultus um einen Heiligen vorgeschrieben, „er also in die Liste der Heiligen eingefügt wird, so wird er im öffentlichen Gebet der Kirche angerufen, in seinem Gedächtnis werden Tempel Gottes errichtet, das (Mess-)Opfer wird dargebracht, die Stundengebete rezitiert, Festtage gefeiert, sein Bild mit dem Strahlenschein verziert, der seine Herrlichkeit darstellt, und seine Reliquien werden öffentlich verehrt.“,vi ist das keine große Täuschung des Gottesvolkes, welches auf die Sicherheit im Glauben vertraut?
Mattei sagt im Anschluss: „Ich stimme ihm zu, dass die Kirche als Ganze nicht irren kann.“ Doch die ganze Kirche würde irren, würde ihr ein Kult um einen falschen Heiligen vorgeschrieben!

Im gleichen Interviewteil erliegt de Mattei einem schweren Irrtum. „Die Zustimmung, die man Akten der Heiligsprechungen entgegenzubringen hat, ist eine kirchlichen, nicht göttlichen, Glaubens. Das bedeutet, dass der Gläubige glaubt, weil er das Prinzip akzeptiert, dass die Kirche normalerweise nicht irrt.“ Der Historiker sagt also nichts anderes, als dass der kirchliche Glauben (in Ausnahmefällen) irren kann – doch dies ist falsch, der kirchliche Glaube (fides ecclesiastica) stützt sich auf die Autorität des mit unfehlbarer Lehrgewalt ausgestatteten kirchlichen Lehramtes. Sie steht zwar einen Grad unter dem göttlichen Glauben, ist aber dennoch durch den Heiligen Geist vor dem Irrtum geschützt und daher mit einem Glaubensassens anzunehmen.

Zu einem abenteuerlichen Abschluss bringt Mattei das Interview, in dem er den universellen Kult der Kirche um einen Heiligen in einen Gegensatz zur formalen Heiligsprechung stellt – erstere unfehlbar, letztere „begrenzt auf Zeit und Raum“ fehlbar. So impliziert der Professor letztlich, dass die Heiligenverehrung um Papst Johannes XXIII. möglichst bald ein Ende finden muss, denn universell wird der (ohnehin weit verbreitete!) Kult um Papa Roncalli grundsätzlich nach dem Akt der Heiligsprechung.



*[T]heologice certa ist eine Lehre, über die sich das kirchliche Lehramt noch nicht endgültig geäußert hat, deren Wahrheit aber durch ihren inneren Zusammenhang mit der Offenbarungslehre verbürgt ist (theologische Konklusion).“vii
„Auctoritate D.N.J.C. et apostolorum Petri et Pauli ... ac nostra decernimus, declaramus, definimus...“ (Durch die Autorität unseres Herrn Jesus Christus und der Apostel Petrus und Paulus und unsere eigene Autorität bestimmen wir, verkündigen wir, definieren wir...“viii
Des Argumentes wegen übergehe ich eine Diskussion um den Begriff des „kirchlichen Glaubens“, der erstmals seit den jansenistischen Kontroversen eingeführt wurde.



i Sententia certa nach Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, Freiburg 1959, S. 360f
ii ebenda
iii vgl. Van Noort, De Ecclesia Band II, Westminster 1959, S. 117
iv Quodlibet ix, q. 7, art. 17
v Ep. 118, nach Billuart, Cursus Theologiae, Band V, Paris 1886, S. 145
vi ebd., S. 142
vii Ott, S. 11
viii nach Herve, Manuale Theologiae Dogmaticae, Paris 1929, S. 479

Mittwoch, 23. April 2014

Sankt Michael, Herzog der Deutschen


"O großer Fürst, verlaß uns niht, das ist einhellig unser Bitt!"
(Friedrich Spee, nach O magne Heros gloriae)

DK-Nr. 2: Ostern mit dem Denzinger


Die Auferstehung Christi ist Mittelpunkt und Quelle aller christlichen Verkündigung, nicht umsonst sagt der hl. Apostel Paulus: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15, 14). Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Auferstehung als Grundwahrheit in allen alten Glaubenssymbolen wiederfindet. „Glaubst Du an Christus Jesus, den Sohn Gottes, […] der auferstanden ist am dritten Tag lebend von den Toten […] ?“i, fragt das Bekenntnis der Traditio Apostolica aus dem 3. Jahrhundert. Christus hat durch Zeichen und Wunder, seine Worte und Werke, „vor allem aber durch die Auferstehung von den Toten […] die Offenbarung erfüllt und somit bekräftigt, dass Gott wirklich mit uns ist, um uns aus der Finsternis der Sünde und des Todes zu befreien und zu ewigem Leben zu erwecken.“ii

Der Sohn Gottes konnte „aus eigener Kraft“iii auferstehen, er „übernahm den wahren Tod des Fleisches“iv, seine Gottheit aber blieb unversehrt – so war die Auferstehung auch Zeichen seiner göttlichen und menschlichen Natur: nur ein wahrer Mensch konnte sterben, nur ein wahrer Gott konnte aus eigener Kraft auferstehen. Aber auch der verherrlichte Christus hat die menschlich Natur „nicht aufgehoben“v, sondern angenommen und beibehalten, er hat uns dadurch „zu erhabener Würde erhöht.“vi „[E]r ist auferstanden in der wahren Auferstehung des Fleisches und in der wahren Annahme der Seele zum Leib, in ihm (dem Fleisch) ist er, nachdem er gegessen und getrunken hat, in den Himmel hinaufgestiegen...“.vii Seine Auferstehung ist uns Vorbild und gibt uns Sicherheit, dass wir selbst auferstehen dürfen, damit unser Leib „ähnlich werde seinem verklärten Leibe“ (Phil 3, 21). „[D]urch sein Sterben [hat er] unseren Tod vernichtet und durch sein Auferstehen das Leben neu geschaffen.“viii

Das Wunder der Auferstehung Christi kann außerdem aus der Überlieferung sicher abgeleitet werden, die Vernunft kann eine wirkliche und volle Gewissheit für die Glaubwürdigkeit der göttlichen Offenbarung erlangen.ix Die Auferstehung des Erlösers ist kein rein übernatürliches Symbol, sondern eine Tatsache der geschichtlichen Ordnung.x


i DH-Nr. 10
ii DH-Nr. 4024, 2. Vat. Konzil: Dogm. Konst. Dei Verbum
iii DR-Nr. 286, 11. Synode von Toledo
iv ebd.
v DH-Nr. 4322, 2. Vat. Konzil: Dogm. Konst. Gaudium et spes
vi ebd.
vii DH-Nr. 791, Den Waldensern vorgeschriebenes Glaubensbekenntnis
viii DH-Nr. 4005, 2. Vat. Konzil: Dogm. Konst. Sacrosanctum Concilium, aus der Osterpräfation
ix vgl. DH-Nr. 2768, Thesen von Louis-Eugene Bautan auf Geheiß der Hl. Bischofs und Ordenskongegration unterschrieben
x vgl. DH-Nr. 3437, Pius X.: Dekret Lamentabili gegen den Modernismus

Dienstag, 22. April 2014

Osterperlen: Gefesselt ist der Fürst der Welt

Zum Mahl des Lammes schreiten wir
mit weißen Kleidern angetan;
Christus, dem Sieger singen wir,
der uns durchs Rote Meer geführt.
 
aus dem Diurnale für den Predigerorden, der nicht von
der stark revidierten Fassung von 1632 betroffen war
Am Kreuze gab er seinen Leib
für alle Welt zum Opfer hin;
und wer von seinem Blute trinkt,
wird eins mit ihm und lebt mit ihm.

Am Pascha-Abend weist das Blut
den Würgeengel von der Tür:
Wir sind befreit aus harter Fron
und von der Knechtschaft Pharaos.

Christus ist unser Osterlamm,
das uns zum Heil geschlachtet ward.
Er reicht uns seinen heilgen Leib
als Brot, das uns sein Leben schenkt.

Lamm Gottes, wahres Opferlamm,
durch das der Hölle Macht zerbrach!
Den Kerker hast du aufgesprengt,
zu neuem Leben uns befreit.

Erstanden ist der Herr vom Grab,
kehrt siegreich aus dem Tod zurück.
Gefesselt ist der Fürst der Welt,
und offen steht das Paradies.

(*)

Dem Herrn sei Preis und Herrlichkeit,
der aus dem Grabe auferstand,
dem Vater und dem Geist zugleich
durch alle Zeit und Ewigkeit.

Amen.

(Vesperhymnus Ad cenam Agni providi, einer der ältesten ambrosianischen Hymnen, gemäß der Übersetzung für das deutsche Stundengebet)

(*Eigenübersetzung:
Wir bitten Dich, Du Schöpfer aller Dinge,
in dieser österlichen Freude:
schütze Dein Volk
vor allen Angriffen des Todes!

Der hl. Papst Pius V. starb während der Rezitation dieser Strophe - und war doch befreit vom Angriff des Todes.

In der urbanischen Version lautet die Strophe in freier Übersetzung folgendermaßen:

Auf dass Du, Jesus, den Seelen immerwährende Osterfreude seiest; befreie die zum Leben Wiedergeborenen von dem grässlichen Tod der Schuld.)

Nachbetrachtet: Damit die Schrift erfüllt würde

Gerade in der Heiligen Woche und besonders im Triduum wird auf die messianischen Weissagungen des Alten Testamentes verwiesen, die alle im Wirken des Heilandes verwirklicht wurden. Das sechste Kreuzeswort bekundet, dass Jesus wusste, dass er die Prophezeiungen erfüllte: Es ist vollbracht.
Nach Johannes 19 sprach Jesus das fünfte Kreuzeswort, "mich dürstet", damit die Schrift erfüllt würde.

"Der hl. Thomas erläutert folgendermaßen die Stelle: Damit die Schrift erfüllt würde, sprach Jesus: Mich dürstet -: Man beachte, daß die Wendung 'damit' hier keinen Grund, keine Ursache angibt, sondern eine Tatsache, eine Folge. Jesus behauptet nicht Durst zu haben, 'damit' sich die Weissagung des Alten Bundes erfülle. Im Gegenteil, die Weissagung wurde niedergeschrieben, weil Christus sie eines Tages verwirklichen würde. Die Annahme, Christus habe zu trinken verlang, 'weil' es die Schrift voraussagte, ergäbe die Hinordnung des Neuen Testamentes auf das Alte. In Wirklichkeit erfolgte die Vorhersage bloß, weil Christus sie in die Tat umsetzen sollte. Der Heiland sprach: Mich dürstet, und so bewahrheitete sich die Schrift." 

Charles Journet, Die Sieben Letzten Worte Jesu, Einsiedeln 1954, S. 118f

Denzinger-Nummero Eins

"Denzinger-Katholik, das will sagen: ein Katholik, der auf die Gesamtheit des Lehramtes schaut." - Corrado Gnerre

Nebenan hat die Bloggerkollegin vom Beiboot Petri die Frage gestellt, wer denn dieser Denzinger nun sei, dessen Name zur Etikettensammlung für glaubenstreue Katholiken hinzugetreten ist. Und der, der den Messias gefunden hat, meinte, er könne sich nichts unter einem Denzinger-Katholiken vorstellen.

Bei dieser eklatanten Wissenslücke will ich nun für Abhilfe sorgen und trete hiermit in den Kreis der Blogozösanen, in dem ich schon länger als Leser und hin und wieder Schreiber unterwegs bin. Das Themenfeld des Blogs wird nicht eng umrissen sein, Aktuelles wie Altes, Theologisches und Spirituelles, einfach alles, was den Katholiken tangieren könnte wird behandelt - und das auch gerne mit Hilfe des Denzingers, der Sammlung der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen.


Allen Lesern oder vielmehr der zukünftigen Leserschaft und Freunden wünsche ich außerdem noch eine frohe Ostern!